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Kolumnen
Michael Miersch 11.08.2008 +Feedback
Stimmen aus dem Jenseits
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 08.08.2008
Der Bergfriedhof von Gmund liegt hoch über dem Tegernsee und wird von alten Bu-chen, Linden und Eschen eingesäumt. Ein stiller Ort, an dem Ludwig Erhard be-graben liegt. Eigentlich kaum zu glauben, dass er dort so friedlich ruht. Denn landauf, landab wird behauptet, Erhard rotiere in seinem Grab. „Ludwig Erhard würde sich im Grabe umdrehen,“ ließ diese Woche Sigmar Gabriel verkünden, wenn er wüsste, dass Michael Glos, die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängern will. Lothar Späth meint hingegen, Erhard müsse sich im Grab umdrehen, wenn er hören könnte, „wie er von der neuen Linken vor den Karren der sozialistischen Idee gespannt wird“. Guido Westerwelle ist genauso der Ansicht Erhard drehe sich im Grab um wie Kurt Beck - natürlich aus jeweils entgegen gesetzten Gründen. Auch Rainer Brüderle, Reinhard Bütikofer, Michael Sommer, Jürgen Rüttgers und Olaf Scholz bemühen den toten Erhard für ihre jeweilige wirtschaftspolitische Argumentation. Ein Kapitalmarkt-Spezialist schreibt dem 1977 verstorbenen ehemaligen Wirtschaftsminister und Bundeskanzler sogar ei-nen Brief: „Lieber Professor Ludwig Erhard, wie gut, dass Sie unter der Erde liegen und nichts mehr davon mitbekommen, was sich hierzulande tut. Sie würden sich im Grabe umdrehen.“ Mehr Erhard-Umdrehen als zum sechzigjährigen Jubiläum der sozialen Marktwirtschaft war nie.
Verstorbene sind als moralische Instanzen und Kronzeugen besonders beliebt, weil sie sich gegen die Umarmung ja nicht mehr wehren können. Gefahrlos dürfen sie für jedwede Argumentation in Anspruch genommen werden. Ein lebender Ludwig Erhard wäre garantiert nicht so beliebt wie der tote Ludwig Erhard. Dafür genügt ein Blick auf lebende und noch putzmuntere „Elder Statesmen“. Man denke nur an den widerspenstigen Helmut Schmidt, der öfter mal Dinge sagt, die keiner hören will und dabei auch noch munter Zigaretten pafft. Nix da mit im Grabe um-drehen. Statt dessen ergab eine Literatur-Recherche im deutschen Blätterwald, dass in letzter Zeit Konrad Adenauer, Willy Brandt, Mahatma Gandhi, Bert Brecht, Hannah Arendt, Karl Marx, Immanuel Kant, Napoleon, Galileo, Adolf Grimme, Axel Springer, Henry Ford, Werner von Siemens und Freddy Mercury im Grabe rotierten.
Rednern, denen niemand einfällt, der sich für ihr Anliegen im Grabe umdreht, fin-den in den handelsüblichen Zitatensammlungen garantiert einen Kronzeugen mit dem sich jede Meinung und Moral stützen lässt. Die ultimative Lösung hat freilich Franz Alt gefunden. Er weiß immer genau, was Jesus heute sagen würde und denkt sich auch Interviewfragen an den „geistigen Ökobauern aus Nazareth“ aus. Zum Beispiel diese: „Was ist eher verantwortbar - mit einem Auto zu reisen oder mit der Bahn, wo auf derselben Strecke höchstens ein Viertel der Umweltbelas-tung entsteht?“ Wir sind zwar nicht sonderlich bibelfest, ahnen aber die Antwort.

