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Kolumnen
Michael Miersch 20.01.2009 +Feedback
Staunend älter werden
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 16.01.2009
Woran merkt man, dass die Zeiten sich wirklich ändern?, beginnt ein nicht mehr ganz frischer Witz aus Amerika. Antwort: Wenn der beste Golfer schwarz ist, der beste Rapper weiß, die Franzosen uns Arroganz vorwerfen und die Deutschen nicht in den Krieg ziehen wollen.
Inzwischen ist der kommende amerikanische Präsident schwarz, und wir schaffen es kaum noch, mit der sich täglich wandelnden Welt Schritt zu halten. Innerhalb nur einer Woche lesen wir, dass die CDU nun für die Verstaatlichung von Konzernen eintritt, die SPD aber dagegen ist. Die Deutsche Bank nimmt Staatsknete, und George.W. Bush muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, ein Sozialist zu sein. Puh! Ziemlich viel für eine Woche. Kaum dreht man sich um, steht die Welt schon wieder Kopf. Wir wurden in eine Zeit geboren, als unverheiratete Mütter geächtet waren, und leben nun in einer Zeit, in der bekennende Homosexuelle Wahlen gewinnen. Da sage noch einer, es gäbe keinen Fortschritt.
Ab 30 merkt man: Die Verhältnisse sind nicht nur theoretisch veränderbar, sie ändern sich tatsächlich. Oft schneller, als man glaubt. Ebenfalls in dieser Woche lasen wir, dass 45 Prozent der Menschheit heute in Freiheit leben und nicht mehr vor ihrer Regierung zittern müssen, was in unserer Kindheit der globale Normalzustand war.
In unserer Altersklasse hat man manches erlebt, was für absolut unmöglich gehalten wurde: Menschen auf dem Mond, den Fall der Berliner Mauer, die Rückkehr der Religion in die Politik. Schade nur, dass wir nicht öfter mal darauf gewettet haben, was noch kommen könnte. Wir hätten reich werden können. Zum Beispiel mit der Vorhersage, dass die Asiaten nicht alle verhungern, was in den Siebzigerjahren als ausgemacht galt, sondern stattdessen ihren früheren Kolonialherren die Märkte abjagen. Dass die letzte Diktatur Südamerikas Kuba sein wird, die Grünen dem ersten deutschen Kriegseinsatz seit 1945 zustimmen oder dass die Menschen des 21. Jahrhunderts sich nicht mehr vor der Kälte fürchten, sondern vor einer Erwärmung. Aber, ehrlich gesagt, wir hätten das auch nicht gedacht. Ebenso absurd wäre uns die Vorstellung erschienen, dass eines Tages Linke Arm in Arm mit erzreaktionären Gottesmännern demonstrieren. Das hätte noch exotischer geklungen als die Rückkehr der Wölfe.
Verblüffend war auch vieles, was nicht passierte, wovon aber alle Menschen überzeugt waren, dass es ganz, ganz sicher eintritt: Waldsterben, das Ende aller natürlichen Ressourcen, zigtausend Tote durch BSE.
Man lernt, Sichtweisen, die man für ewige Wahrheiten hielt, erweisen sich als erschreckend kurzlebig. Man wird entspannter und nimmt die laute Meinungshaberei nicht mehr so wichtig. Und wenn uns der Wandel einmal zu schnell gehen sollte, dann denken wir einfach an die katholische Kirche oder an Peter Scholl-Latour.


