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Kolumnen
Michael Miersch 08.02.2009 +Feedback
Partytime in Teheran
Als wir am 20. Januar vor dem Fernseher Barack Obama zuhörten, freuten wir uns an zwei Stellen seiner Rede ganz besonders. Erstens als er die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft hervorhob und zweitens als er bei der Aufzählung der multi-religiösen Vielfalt Amerikas als erster Präsident auch die Atheisten nannte. Es war uns, als hätte jemand eine Kerze in einer Höhle angezündet.
Seit Ende der siebziger Jahre Karol Wojtila Papst wurde und Ruhollah Chomeini die Macht im Iran übernahm, mischte die Religion wieder kräftig in der Weltgeschichte mit (im Falle Wojtilas mit dem durchaus erfreulichen Resultat, dass die Ersatzreligion Kommunismus zusammenbrach). Schritt für Schritt eroberten die Kirchen ihre verlorene Deutungshoheit zurück. Bekenntnisse, die zuvor belächelt wurden, waren wieder salonfähig. Meinungsmacher im Kulturbetrieb bekannten sich zum Papst oder mindestens zum Dalai Lama. Sie interpretierten jeden leichten Rückgang bei den Kircheaustritten als kraftvolle Rückkehr der Religion. Bei Manchen provozierte der Blutrausch der Islamisten eine ängstlichen Rückzug aufs Christentum als einem sicheren Fundament abendländischer Kultur.
Doch auf dem Höhepunkt ihrer neuen Hegemonie geraten die Gottesmänner ins Straucheln. Mit Leidensmiene schlagen frisch Bekehrte nun morgens die Zeitungen auf, um zu lesen, mit welchen obskuren Gestalten man sich im Vatikan versöhnt hat. Sind wir noch Papst?
Risse in der religiösen Lufthoheit zeigten sich bereits 2007 als ausgerechnet im frommen Amerika die Bücher prominenter Atheisten wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens die Bestsellerlisten eroberten. In London und Barcelona prangt neuerdings an hunderten von Bussen der Slogan: „Wahrscheinlich gibt s keinen Gott – hört auf euch Sorgen zu machen und genießt das Leben.“ Das ist sicherlich noch keine Trendwende, es könnten aber Anzeichen einer Neubesinnung sein. Manchen die angesichts des islamischen Furors in Kirchennähe Schutz suchten, denken wieder grundsätzlicher über die Ungeheuer des Irrationalismus nach.
Es kann nur gut für das geistige Klima sein, wenn Zweifel an Himmel und Hölle selbstbewusst geäußert werden. Über viele Absurditäten des Glaubens wurden in den vergangene Jahren zu wenig geredet. Kritik galt als verstaubt und kleinkarriert. Doch das inhumane katholische Verbot der Empfängnisverhütung und des sexuellen Gesundheitsschutzes ist dadurch nicht weniger skandalös geworden.
Die erfreulichsten Nachrichten über die Erosion der Bigotterie erreichen uns aus Teheran. Dort versagt eine breite Jugendkultur den Mullahs die Gefolgschaft. „Da Sexualität und Körper zum Kampfplatz geworden sind, auf dem das iranische Regime seine Macht ausübt,“ sagte die Anthropologin Pardis Mahdavi, „wollen nun die Jugendlichen ihrerseits Sexualität benutzen, um die moralischen Grundlagen des Regimes in Frage zu stellen.“ Man kann ihnen dazu nur viel Erfolg wünschen – und viel Spaß natürlich.
Die Kolumne erschien in DIE WELT am 06.02.2009


