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Kolumnen
Michael Miersch 16.02.2008 +Feedback
Opfer der Technophobie
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 15.02.2008
Diese Woche wurde wieder ein Fahrgast in der Münchner U-Bahn niedergeschlagen. Der Hessenwahlkampf ist vorbei und das Thema damit nicht mehr überregional bedeutend. Dabei ist ein wichtiger Aspekt der Vorkommnisse außerhalb der bayerischen Hauptstadt fast unbekannt. Im Gegensatz zu ihren Opfern, können sich Schläger in der Münchner U-Bahn wesentlich sicherer fühlen als anderswo. Denn München ist eine der wenigen Städte der Welt, in denen man in der U-Bahn nicht telefonieren kann. Wer Zeuge eines Überfalls wird, muss an der nächsten Haltestelle eine Notrufsäule suchen.
Vor ein paar Jahren noch war Telefonieren auch in Bussen und Straßenbahnen verboten. Das wurde jedoch von den Fahrgästen erfolgreich unterlaufen. Die ersten Tram-Telefonierer bekamen noch Prügel von den Fahrern angedroht, die Anweisung hatten, das öffentliche Fernsprechen zu unterbinden.
Ob das Handy-Verbot dem Volkswillen entspricht, ist umstritten. Herbert König, Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und SPD-Mitglied beruft sich darauf, dass 64 Prozent der befragten Kunden elektromagnetische Strahlung für Schädlich hielten. Die CSU präsentierte eine Umfrage, auf der 66 Prozent der Fahrgäste für freie Handy-Nutzung stimmten. Im Stadtrat wurde das Thema mehrfach debattiert. SPD und Grüne waren gegen die U-Bahn-Telefonie, CSU und FDP dafür.
In der Zeit als der Besitz eines Handys noch Sozialneid weckten, ernteten die Mobilfunkgegner viel Zustimmung und Königs Handyblockade wurde allseits gelobt. Die schöne Münchner U-Bahn sollte vor nervigem Gequatsche und gefährliche Strahlen bewahrt werden. Die Londoner Terroranschläge im Juli 2005 wären ein guter Anlass gewesen, solche technophoben Argumente einmal zu überdenken. Nichts geschah. Bis nun die Münchner U-Bahn in den Ruf geriet, ein Tummelplatz für Gewalttäter zu sein. Da gerade Kommunalwahlkampf ist, verspricht die Obrigkeit nun, innerhalb von zwei bis drei Jahren auf zwei U-Bahnlinien, sowie im Innenstadtbereich, das Telefonieren zu ermöglichen.
Uns erinnert diese traurige Posse an Hessen in den Achtzigerjahren. Der damalige grüne Umweltminister Fischer blockierte jahrelang die Insulinproduktion eines Pharmaunternehmens, weil dies mit gentechnischen Mitteln geschah. Heute benutzen fast alle Diabetiker diesen Wirkstoff. Die meisten vertragen ihn besser als das Insulin, dass man früher aus den Bauchspeicheldrüsen von Schlachttieren gewann. Doch ohne die grüne Blockade wäre das Medikament Jahre früher auf dem Markt gewesen. Technophobie fordert Opfer.
Tagtäglich retten Mobiltelfone Menschen, bei Autounfällen, Herzinfarkten, Überfällen. Tausende von wissenschaftlichen Untersuchungen haben keine Gesundheitsgefahr durch den Mobilfunk feststellen können. Die durch Mobilfunk real Geretteten interessieren die Technophoben jedoch nicht, sie beharren auf den hypothetischen Gefahren und fordern absolute, hundertprozentige Risikolosigkeit. Die aber kann es für keine technische Errungenschaft (und auch keinem Naturphänomen) geben. Selbst ein Fahrrad birgt erhebliche Risiken. Die brutalen Überfälle haben die bayerische Technophoben-Bewegung jetzt kurzzeitig in die Defensive gedrängt. Doch in Berlin geht’s munter weiter: CSU-Minister Seehofer blockiert die grüne Gentechnik, wie einst sein Kollege Fischer die medizinische.


