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Kolumnen
Dirk Maxeiner 02.08.2008 +Feedback
Maximale Reduktion
Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 1.08.2008
Vor ein paar Tagen blieben wir staunend vor einem großen, weißen Coca Cola Plakat stehen, auf dem nichts als eine leere Flasche abgebildet war. Darunter stand: „Ohne zugesetzte Konservierungsstoffe ohne künstliche Aromen seit 1886.“ Als die berühmte Brause ihre Weltkarriere begann, warb die Firma noch damit was alles drin ist, unter anderem Kokablätter-Extrakt. Jetzt ist viel wichtiger, was nicht drin ist. Damit liegt die Coca-Cola Company goldrichtig, denn die Käufer interessieren sich heute am meisten für die nicht vorhandenen Inhaltsstoffe. Ein Lebensmittel, das auf sich hält ist heutzutage mindestens frei von Fett und Zucker sein, Kalorien sollten möglichst auch nicht drin sein und keinesfalls Gene.
Der bunte Prospekt eines Kettenrestaurants führt acht Punkte auf, warum die Schnellgerichte dort besonders wertvoll sind. Alle acht erklären dem Gast jeweils etwas, was nicht enthalten ist. Wir leben im Zeitalter der Minusprodukte. Sanftes Mineralwasser mit besonders wenig Kohlensäure verdrängt das alte Sprudelwasser, auf dem die Bläschen fröhlich bitzelten. Das nicht Vorhandene wird kommerzialisiert. Den Anfang machten Light-Produkte. Man ersetzt Fett durch Wasser oder schäumt die verbliebene Restsubstanz des ursprünglichen Inhalts so auf, dass sie größtenteils aus Luft besteht. Der Kunde isst dann meist doppelt soviel und hofft davon dünner zu werden. Der Traum aller Kapitalisten ist in Erfüllung gegangen: Endlich ungeniert mehr Geld für weniger verlangen. In der Werbung für das (teure) Miniauto Smart heißt das „Reduce to the max“.
Einst warben Bäcker damit, dass ihr Kuchen eine ordentliche Portion gute Butter enthielt und viele Eier. Zucker und Schmalz waren wertvolle Lebensmittel und wo es ging kam Sahne drauf. Heute wissen wir, dass das alles ganz schlecht ist, Verfettung, Diabetes, Herzkrankheiten und frühen Tod nach sich zeiht. Aber Essen wollen wir dennoch. Und da Obst und Gemüse allein auf Dauer irgendwie unbefriedigend sind, greifen wir dankbar zu den Speisen, die Sünde ohne Reue versprechen: Nimm mich, ich bin fast nichts. Askese ist beschwerlich, aber an Light-Käse kann man sich gewöhnen.
Wir rätseln, ob das eine Wellenbewegung ist, und demnächst vielleicht wieder fette Zeiten anbrechen. Oder ob sich der Trend immer so weiter steigert. Aber wie? Bier ohne Alkohol und Kaffe ohne Koffein gibt es ja schon längst. Auch im Bereich der Erotik ist durch Telefon- und Internetsex ja bereits ein hohes Maß an Entfleischlichung erreicht. Bliebe eigentlich nur das Feld der Kultur. Doch Bücher ohne Inhalt, Theaterstücke ohne Handlung und extrem minimalistische Kunstwerke sind auch nichts Neues mehr. Nicht Handeln ist ein bewährtes politisches Erfolgsrezept. Unter den Religionen hat der Buddhismus den größten Zulauf, der die Leichtigkeit des Nichtseins im Nirwana verspricht. Die Zukunft muss man sich wohl als Diät vorstellen.

