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Kolumnen
Michael Miersch 01.09.2008 +Feedback
Gewitterschutz im Badezimmer
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 29.08.2008
Immer wenn sich ein Gewitter ankündigt, trottet Hummel ins Badezimmer. Dort legt sich Mierschs Hündin unter das Waschbecken und wartet, bis alles vorbei ist. Irgendwann hat Hummel das zum ersten Mal gemacht. Und da sie das Gewitter im Badezimmer überlebte, behielt sie das Ritual bei. So entstehen Traditionen. Schimpansen führen bei Gewitter wilde Tänze auf, mit ebenso wenig Einfluss auf Blitz und Donner wie Hummels Badezimmerstrategie. Es gibt völlig sinnlose Traditionen. Im Falle der Schimpansen konnte das sogar in einem wissenschaftlichen Versuch nachgewiesen werden. Forscher brachten einem Weibchen bei, Steine in eine Röhre zu werfen. Irgendwann machte es die gesamte Horde nach, obwohl die Affen dafür kein Futter erhielten und auch sonst keinen Vorteil von dieser völlig sinnfreien Tätigkeit hatten. Nachdem sie einmal damit anfingen, warfen sie Steinchen in die Röhre. Irgendwann gehörte es einfach zu ihrem Leben. Nicht nur die Evolution, sondern auch die menschliche Kultur ist relativ tolerant gegenüber alten Zöpfen. Vieles wird mitgeschleppt, nur weil es nicht merklich schadet. “Männer tragen in manchen Kulturen Hosen und in anderen Röcke - ohne dass darin ein Sinn erkennbar ist”, sagt der Primatenforscher Frans de Waal. Dennoch ist es heute üblich geworden, jegliche Tradition unter Schutz zu stellen. Nach einem Frühling des fröhlichen Demontierens ist das Bewahren zum gesellschaftlichen Leitmotiv geworden. In Aufbruchszeiten gilt alles als schlecht, was althergebracht ist. Heute ist es umgekehrt: Traditionen gelten als Wert an sich.
Das merkt man deutlich an den aufgeregten Reaktionen auf die Vorschläge der bayerischen Grünen, das Kreuz in den Klassenzimmern abzuschaffen und zu überdenken, ob die Bischöfe weiterhin vom Staat bezahlt werden sollten. Alle, die sich einen Erfolg der Grünen wünschen, verdrehen die Augen und wollen das Thema so schnell wie möglich zurück in den Giftschrank stellen. Nur die CSU freut sich über die unfreiwillige Wahlkampfhilfe. Sie ist sich sicher, dass das Infragestellen von Traditionen nicht gut beim Wähler ankommt. Ist es so? Auch in Bayern gehören immer mehr Menschen keiner Kirche an und möchten nicht auf eine Tradition zwangsverpflichtet werden, auf die sich Landesregierung und Bischöfe vor 84 Jahren geeinigt haben. Man muss kein Atheist oder Kirchenfeind sein, um eine saubere Trennung zwischen Staat und Kirche richtig zu finden. Dass das Nachdenken darüber heute schon einen Tabubruch darstellt, ist ein schlechtes Zeichen für die politische Kultur. Traditionen müssen gelegentlich auf den Prüfstand, spätestens wenn die Strukturen, aus denen sie entstanden sind, nicht mehr existieren. Den Wahlkampf 1969 bestritt die FDP mit dem Slogan: “Wir schaffen die alten Zöpfe ab.” Das klingt heute fast revolutionär. Gute Zeiten für alle, die ihre Interessen und Besitzstände als Tradition deklarieren können.

