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Kolumnen
Michael Miersch 28.09.2007 +Feedback
Generation Pausewang
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 28.09.2007
In Deutschland fasst man den Zeitgeist vergangener Tage gern in „Generationen“ zusammen. So werden unschuldige Menschen als „Flakhelfer“, „Trümmerfrau“ oder „Achtundsechziger“ eingetütet, die keine Ahnung haben, wie man eine Flugabwehrkanone bedient, alte Ziegelsteine wieder brauchbar macht oder fernsehgerecht auf dem Kurfürstendamm marschiert.
Heute möchten wir mal einer Generation danken, deren Verdienst um unser Land vielfach unterschätzt wird. Wir meinen die 30- bis 40jährigen. Diese nun nicht mehr ganz jungen Menschen werden unter dem irreführenden Label „Generation Golf“ als verwöhnte Weicheier, oberflächliche Konsumidioten und nur an ästhetischen Kategorien interessierte Schnösel charakterisiert. Ehrlich gesagt, haben wir dieses Vorurteil auch eine Weile geglaubt. Wir waren von unserer generationstypischen Arroganz verblendet, da wir sozusagen zum Schwanz der Achtundsechziger gehören (die Schüler, die den Studenten hinterher rannten und dann in den Siebzigern noch ausgiebig Achtundsechzig spielten). Was soll auch nach der Weltrevolution noch kommen, auch wenn die Barrikaden nur Theaterkulissen waren.
Doch im Gegensatz zu uns Großmäulern haben die Jüngeren wirklich gelitten – still und tapfer gelitten. Wer aus dieser Generation als Schüler keine Depressionen bekam, musste sehr stark sein. Wir motzten unsere Pauker gern zu Autoritäten auf, um den eigenen rebellischen Ruhm zu mehren. Doch in Wirklichkeit wussten sie und wir, dass sie eine aussichtslose Abwehrschlacht führten. Ganz anderes bei der nächsten Generation: Da hatten die Lehrer eine Mission, die sie den Kindern und Jugendlichen zäh und unbeirrbar einimpften. Nein, sie predigten nicht mehr die Weltrevolution (die war irgendwie abhanden gekommen), sondern seit Anfang der achtziger Jahre den Weltuntergang. Auf diese Mission konnten sich Rechte und Linke, Christen und Atheisten im Lehrerzimmer verständigen.
Wie kommen wir gerade jetzt darauf? Das hat mit zvab.com zu tun, dem wundervollen Internetantiquariat. Dort bestellten wir kürzlich ein kleines Taschenbüchlein von 1989: „So soll die Welt nicht werden – Kinder Schreiben über ihre Zukunft“. Einige damals prominente Weltdeuter kommentierten die Kinderaufsätze, darunter Gudrun Pausewang. Pausewang, dieser Name hat für die heute 30 bis 40 jährigen einen Klang wie für uns Ton-Steine-Scherben: Der Zeitgeist in Person. Fast jeder aus dieser Generation kennt eine Pausewang–Geschichte und erinnert sich, wie er in der Schule mit Pausewang gequält wurde. Die Werke der Lehrerin aus dem hessischen Schlitz gehörten in den Achtzigern zur Schulausstattung wie der Diercke-Weltatlas. Sie handeln vom kommenden Ost-West-Krieg, dem baldigen Atomtod, der verseuchten Umwelt und der Verelendung der Dritten Welt.
„Wir haben unsere Umwelt ja jetzt schon so gut wie vernichtet.“ „Es wird sicher keine gute Zukunft geben.“ „Nichts als Müll und Abgase.“ Dieser Ton zieht sich 143 Seiten durch die Texte und Bilder unseres antiquarischen Büchleins. Die beklemmende Sammlung kindlicher Zukunftsangst stammt nicht etwa aus einer Ökopostille oder von grünen Aktivisten. Sie entstand durch einen Schreibwettbewerb der IG-Metall. Mann kann also davon ausgehen, dass die Beiträge nicht irgendwie grün gefiltert wurden, sondern einen realistischen Querschnitt kindlicher Weltwahrnehmung im Jahr 1989 darstellen: Das Resultat eines Jahrzehnts Pausewangscher Erziehung. Zur Erinnerung: 1989 war das freudigste Jahr in der deutschen Geschichte! Und was erzählte man den Kindern: Die Welt geht unter. Ein unglaublicher Grad geistiger Verwirrung.
Liebe Schüler von damals. Wir danken euch, dass ihr größtenteils völlig normal geworden seid. Dass ihr arbeitet, inzwischen Verantwortung tragt und Kinder in die Welt gesetzt habt – und oft bessere Laune habt, als die vor euch. Gegen all den Irrsinn, den man euch eingetrichtert hat. Ihr seid Helden.


