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Künftige Generationen

  19.08.2008   +Feedback

Extrem zukunftsfähig

Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 15.08.2000

Wenn sich deutsche Ministerien Sorgen um die Zukunft machen, dann gründlich. Das Bundesumweltministerium setzt in dieser Hinsicht nach eigenem Bekunden “neue Maßstäbe”. In einem gerade vorgestellten Entwurf für die sichere Endlagerung von hoch radioaktiven Abfällen wird festgelegt, dass diese mindestens für eine Million Jahre zuverlässig eingeschlossen sein müssen. Bislang wurde dafür nur ein Richtwert von 10 000 Jahren genannt. Eine Million Jahre Sicherheit! Die Bundesbürger können dank Sigmar Gabriel echt aufatmen. Sein Beispiel sollte anderen Ministerien ein Ansporn sein. Wir stellen uns beispielsweise vor, dass auch die deutsche Rentenkasse für eine Million Jahre sicher eingeschlossen sein sollte. Wobei sofort eine interessante Frage auftaucht: Wird es in einer Million Jahren noch deutsche Rentner geben? Wird es überhaupt noch Menschen geben? Und wenn ja, wie werden sie aussehen? Das bringt uns zu der Frage: Was war eigentlich vor einer Million Jahren? Nun ja: Da gab es noch gar keine Menschen - allenfalls ein paar Vorläufer. Und die konnten sich weder Atomkraftwerke noch Espressomaschinen, weder Krankenhäuser noch Rentenansprüche vorstellen. Der Siegeszug der Sprache brauchte Hunderttausende von Jahren, die Zivilisation entstand erst vor 10 000 Jahren. Der Buchdruck begann vor 550 Jahren unser Leben zu verändern, die industrielle Revolution vollzog sich in nur 200 Jahren. Die Informationstechnologie und die Entschlüsselung des Erbgutes revolutionierten unser Leben in wenigen Jahrzehnten.

Der Übergang zum modernen Menschen war ein fließender. Und der Übergang vom modernen Menschen zu etwas anderem wird auch ein fließender sein. Vielleicht werden unsere Nachfahren ja schon bald zu einer Kombination aus Bodybuilder mit Waschbrettbauch, Personalcomputer, Navigationssystem und Elektroroller (womöglich mit Atomstrom!). Und das ist garantiert erst der Anfang. Unsere Fürsorge für die Wesen in einer Million Jahren ehrt uns sehr, wird diesen aber höchstwahrscheinlich völlig schnuppe sein, auch in Sachen Atommüll. Dessen Radiotoxizität wird in den nächsten 800 Jahren auf den von Natur-Uran abklingen, das überall in der Erde vorhanden ist. In einer Million Jahren wird die Aktivität des gesamten bislang angefallenen Abfalls aus deutschen Kraftwerken der von einem Kubikkilometer Granit entsprechen. Unsere Hinterlassenschaft strahlt dann wie das Matterhorn. Falls das noch steht.

Beunruhigend sind da schon eher ein paar kurzfristigere Gewissheiten. Darunter eine Kränkung von wahrhaft kosmischem Ausmaß: Die nächste Eiszeit beispielsweise kommt bestimmt. Irgendwann innerhalb der nächsten 50 000 Jahre dürfte es so weit sein. Da liegt doch die Frage an das Umweltministerium nahe: Wie setzt ihr eigentlich eure Prioritäten? Muss nicht sofort ein verbindlicher Aktionsplan gegen die nächste Eiszeit verabschiedet werden?

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