Kolumnen

Naturschutz

  25.05.2007   +Feedback

Ehret die Bienen

Von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT vom 25.05.07

Das ungeklärte Bienesterben in den Vereinigten Staaten löst ein eigentümliches Gruseln aus. Es erinnert daran, wie stark Menschen trotz aller technischen Fortschritte weiterhin abhängig von Pflanzen und Tieren sind. Wissenschaftler der Cornell Universität im Bundesstaat New York errechneten, dass mit von Bienen bestäubten Früchten jährlich14,6 Milliarden Dollar Umsatz erzielt werden. Das ist keine Kleinigkeit.

In der Bienenzucht sind die Grenzen zwischen Natur und Technik fließend, wie bei anderen Formen der Landwirtschaft auch. Agrikultur ist Bestandteil des technischen Fortschritts aber immer auch Natur. Daran änderte auch die größte ökonomische Umwälzung der Geschichte nichts. Sie fand vor zirka 10 000 Jahren statt und wird „Neolithische Revolution“ genannt. Wildtiere, die wichtigste Ressource der damaligen Zeit, waren knapp geworden, weil unsere Vorfahren immer bessere Jagdwaffen schnitzten und immer tückischere Fallen aufstellten. Etliche große Säugetierarten rotteten sie dadurch aus und die übrig gebliebenen wurden immer rarer. Schließlich kamen ein paar kluge Köpfe auf die Idee, wilde Schafe, Wildschweine und Urrinder einzufangen und in Gatter zu sperren, um dadurch über eine stetige, verlässliche Frischfleischproduktion zu verfügen.

Seither gab es noch ein paar Revolutionen, aber keine war mehr so einschneidend wie der Schritt vom Jäger und Sammler zum Viehzüchter und Ackerbauern. Wir sind dadurch keine in die Natur eingebetteten Wesen mehr, sondern schaffen unsere eigene, künstliche Umwelt, die wir nach Bedarf gestalten. Heute besteht diese Umwelt für einen großen Teil der Menschheit vornehmlich aus Beton, Asphalt, Glas, Metall, Kunstfasern und vielen nützlichen chemischen Erzeugnissen. Wir wissen zwar, dass die Natur in Form von Wetterereignissen, Bakterien oder Viren unsere Leben durcheinander wirbeln kann. Wilde Pflanzen und Tiere haben dagegen im Bewusstsein der meisten Menschen nur noch ästhetisches Gewicht. Abgesehen von den paar Dutzend Arten, die in unseren Ställen und auf unseren Äckern gedeihen, haftet der Flora und Fauna etwas Museales an: Schön für Kinderbücher und Zoobesuche.

Doch die ungezähmte Natur trägt immer noch ein gewaltiges Stück zur globalen Ökonomie bei. Fisch und Wild decken ein Fünftel des Eiweißbedarfs der Menschheit. An den steigenden Preisen für Fisch kann jeder erkennen, wie sehr wir diesen Teil der Natur zur Zeit übernutzen. Ohne Regenwürmer und andere Bodenlebewesen wären die Ackerböden nicht fruchtbar. Holz kommt heutzutage zwar größtenteils aus gepflanzten Forsten, doch auch in diesen spielen natürliche Prozesse weiterhin eine Hauptrolle. Die immer beliebteren Heilpflanzen für Medizin und Wohlfühlprodukte wachsen zu einem Großteil wild.

Als hoch technisierte Kulturwesen bleiben wir weiterhin ein bisschen Jäger und Sammler. Ohne diese archaischen Wirtschaftsformen würden unsere Supermarktregale etliche Lücken aufweisen. Sauberes Trinkwasser ist ein Service der Natur, ebenso wie der Sauerstoff zum Atmen, der uns freundlicherweise von den Pflanzen zur Verfügung gestellt wird (die ihrerseits das „böse“ Klimagas Kohlendioxid benötigen). Letztlich sind auch Kohle, Erdöl und Erdgas nichts weiter als die Wälder vor vorgestern. Nicht zu vergessen der Tourismus, die umsatzstärkste Branche der Welt. Die Schönheit der Natur ist der Rohstoff, von dem sie lebt.

Sich diese Abhängigkeit ins Gedächtnis zu rufen, verändert den Blick. Anders als in der angelsächsischen Welt hat der Naturschutz in Deutschland das Image einer Liebhaberei. Wer sich für Bienen, Wiesenblumen oder Singvögel interessiert, gilt als sympathisch aber weltentrückt. Energie, Verkehr und Müllwirtschaft gelten hierzulande als die wirklich bedeutenden Umweltthemen, die politisch diskutiert werden und Schlagzeilen machen. Naturschutz ist Nebensache – bis uns Bienen an seine Bedeutung erinnern.

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