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Kolumnen
Michael Miersch 07.07.2007 +Feedback
Die Wiederkehr des Gammelns
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in die DIE WELT am 06.07.2007:
Seit einiger Zeit machen sich Menschen Sorgen um bedrohte Wörter. Es gibt Bücher darüber, Tagungen und Wettbewerbe, bei denen man bedrohte Wörter einschickten kann. Beim Wettbewerb „Das bedrohte Wort“ 2007 gewann „Kleinod“. Das „Kleinod“ haben wir eigentlich nicht sonderlich vermisst. Es klang schon gestelzt als es noch nicht bedroht war. Die Liste der Einsendungen steckt voller sprachlicher Kleinode, den letzten Platz belegte „Schlüpfer“. Wörter wie „Neger“ und „Krüppel“ sucht man vergeblich, obwohl sie definitiv bedroht sind. Offenbar gibt es Wörter, die niemand mehr zurück haben will.
Verschwinden bedrohte Wörter für immer oder tauchen sie nur unter? Selbst verlorene geglaubte Tierarten werden wieder entdeckt. In jüngster Vergangenheit sichteten Forscher beispielsweise den amerikanischen Elfenbeinspecht und die Bayerische Kurzohrmaus, die man beide für ausgestorben hielt. Das kann auch mit Wörtern passieren. Als Väter von Jugendlichen haben wir das Ohr am Puls der Zeit. Und zu unserer Verblüffung sprechen die Heranwachsenden plötzlich wieder von „Gammeln“. Die Tätigkeit war nie ausgestorben (falls man beim Gammeln von Tätigkeit sprechen kann), aber das Wort. Zirka vier Jahrzehnte lang wurde das ausgiebige Nichtstun von Pubertierenden und Postpubertierenden nicht mehr so genannt, allenfalls war von „Chillen“ oder „Abhängen“ die Rede, was aber nicht das Gleiche ist.
Gammler gab es nur kurze Zeit, so um die Mitte der sechziger Jahre. Da lungerten die ersten langhaarigen jungen Männer und miniberockten jungen Frauen in vollendeter Passivität in Parks, auf Denkmälern und den Treppen öffentlicher Gebäude herum. Sie waren Hippies, doch das Wort war noch nicht in Deutschland angekommen, deshalb waren sie vorerst Gammler. „Gammeln ist das Lieblingswort dieser Generation,“ schrieb die Jugendzeitschrift TWEN. „Gammlertum – Ärgernis oder Protest?“ fragte DIE WELTWOCHE. 1967 wussten laut Allensbach 89 Prozent der deutschen Bevölkerung, was ein Gammler ist. Und der populäre Sänger Freddy Quinn empörte sich auf Schallplatte: „Ihr lungert herum in Parks und in Gassen. Wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? Wir! Wir! Wir!“
Früher Höhepunkt der kurzen Gammler-Ära waren die viertägigen Schwabinger Krawalle im Sommer 1962. Sie wurden ausgelöst weil Anwohner der Leopoldstraße es unerhört fanden, dass ein paar Jugendliche nach 22.30 auf dem Pflaster saßen und Gitarre spielten. Die Schwabinger Krawalle gehören nach Ansicht des Historikers Detlef Siegfried, „zu den herausragenden immateriellen Erinnerungsorten der Bundesrepublik - ein mythisches Ereignis, das das Ende der Adenauer-Ära und die Liberalisierung der Bundesrepublik anzuzeigen scheint.“
Von dieser glorreichen Geschichte wissen unsere Kinder und ihre Freunde natürlich nichts. Auch die in der Literatur häufig gestellte Frage, ob die damaligen Gammler die Vorhut der späteren Studentenproteste waren, interessiert sie nicht wirklich. Sie gammeln, als wäre das Gammeln gerade erfunden worden. Dabei ist es für die junge Generation viel schwerer erfolgreich zu gammeln als es noch für unsereins war. Das Rumlungern auf Parkwiesen, Denkmalen und Freitreppen ist allgemein üblich geworden und provoziert niemanden mehr. In einem Münchner U-Bahnhof konnten wir zwei junge Neo-Gammler beobachten, die sich in ihrer Not auf den Stufen einer fahrenden Rolltreppe niederließen, um wenigstens für einen Moment irgendwen zu stören. Man muss ich heute richtig anstrengen, um brave Bürger zu erschrecken.
Müssen wir also mit dem Schlimmsten rechnen: Dass unser Nachwuchs als Gammler scheitert? Nein, ein erhebliches Protestpotenzial besteht noch im Privaten. Gammeln statt für die Mathearbeit lernen führt bei Neo-Spießern wie uns immer noch zu völlig reaktionären Überreaktionen. Einstweilen aber freuen wir uns über die Wiederkehr eines alten Wortes, das von der „Liste der bedrohten Wörter“ gestrichen werden kann. Das finden wir echt dufte.

