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Erinnerungsschwäche

  31.07.2008   +Feedback

Die DDR lebt!

Erschienen in DIE WELTWOCHE vom 31.07.2008

Als die Deutsche Demokratische Republik vor inzwischen beinah 19 Jahren plötzlich und unerwartet implodierte, war dies das Ende der zweiten Diktatur auf deutschem Boden. Hatte das Dritte Reich „nur“ 12 Jahre gedauert, so brachte es die DDR auf immerhin 4o Jahre. Für die „Ostdeutschen“ waren das über 50 Jahre Leben in Unfreiheit. Natürlich kann man die eine Diktatur mit der anderen nicht gleichsetzen, allenfalls vergleichen. Die NS-Herrschaft war kürzer, dafür intensiver, das DDR-Regime langlebiger und extensiver, das Ausmaß der Partizipation, der Einbindung in das System, war wesentlich höher. Das Ministerium für Staatsicherheit (MfS), im Volksmund „Stasi“ genannt, beschäftigte im Herbst 1989 zwischen 175.000 und 189.000 „inoffizielle Mitarbeiter“, wie die nebenberuflichen Spitzel genannt wurden, die das MfS mit Informationen aus dem ganzen Land versorgten. Das heißt, jeder hundertste DDR-Bürger war ein Regime-Spitzel. Über den Zeitraum vom Anfang bis zum Ende der DDR berechnet, waren es noch mehr: über 600.000. Eine solche Dichte an Informanten dürfte in der Geschichte totalitärer Regimes einmalig sein. Studenten „berichteten“ über ihre Professoren, Professoren über ihre Studenten, Arbeiter über ihre Kollegen und Vorgesetzten; Kinder denunzierten ihre Eltern, Eheleute verrieten ihre Partner. Erst als die DDR in ihren letzten Zügen lag, setzte das große Aufräumen ein: Es war die „Volks-kammer“ der DDR, welche die Einrichtung einer zentralen Stelle beschloss, die das Stasi-Erbe verwalten und der Öffentlichkeit erschließen sollte. Die so genannte Gauck-Behörde (heute: Birthler-Behörde) war keine Idee, die aus dem Westen kam, sie war der letzte Wille des einzigen frei gewählten DDR-Parlaments.

Seitdem wurden Millionen von Anträgen auf Akteneinsicht gestellt, Tausende von Büchern, Forschungsarbeiten und Gutachten aufgrund des Aktenmaterials geschrieben. Über die Frage, ob Gregor Gysi ein IM war, wird noch immer im Bundestag und vor Gerichten gestritten. Und fährt man heute durch die „neuen Bundesländer“, so stellt man zweierlei fest: Die „blühenden Landschaften“, die Kanzler Kohl versprochen hatte, sind tatsächlich Realität geworden, herunterge-kommene Städte wurden mit Milliardenaufwand saniert, zerfallene Dörfer instand gesetzt. Verglichen mit dem Osten, sieht der Westen (Bayern ausgenommen) alt und reparaturbedürftig aus.Zugleich aber wird die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ immer stärker. In den Kneipen wird nicht der Fall der Mauer am 9.11., sondern die Gründung der DDR am 7.10. gefeiert. Sehr beliebt sind auch Kostümpartys, deren Teilnehmer ihre alten FDJ-Uniformen mit SED-Emblemen zieren. Und dass „früher“ nicht alles so schlimm war, wie es heute dargestellt wird, kann man auch von Leuten hören, die in der guten alten DDR ihre Schwiegermutter gerne gegen ein Pfund Bohnenkaffee getauscht hätten.

Am positivsten wird die DDR von Jugendlichen beurteilt, die zum Zeitpunkt des Ablebens der ersten deutschen Arbeiter- und Bauern-republik noch nicht geboren waren – sofern sie überhaupt etwas über die DDR wissen. Eine aktuelle Studie des Berliner Politologen Klaus Schroeder, bei der über 5.000 Jugendliche im Alter von 16-17 Jahren in Brandenburg, Bayern, Nordrheinwestfalen und Ost- und West-Berlin befragt wurden, förderte neben breitem Nichtwissen auch Wirres und Verdrehtes zutage. Viele Schüler gaben an, Konrad Adenauer und Willy Brandt seien DDR-Bürger gewesen, wussten nicht, wann und vom wem die Mauer gebaut wurde und waren überzeugt, dass es unter Erich Honecker demokratische Wahlen in der DDR gegeben hatte. Nur 38% der Schüler in Brandenburg und Ost-Berlin war bewusst, dass die DDR-Regierung nicht demokratisch legitimiert war, über 40% waren überzeugt, dass die Umwelt in der DDR sauberer war als in der alten Bundesrepublik. Weit mehr ost- als westdeutsche Schüler lobten die „soziale Seite“ der DDR, in der jeder einen Arbeitsplatz und keine Angst vor der Zukunft hatte. “Hauptschüler in Bayern wissen mehr über die DDR als Gymnasiasten aus Brandenburg”, sagte Schroeder gegenüber SPIEGEL-Online. Und: “Die Schüler sind nur das letzte Glied in der Kette der Verklärung und Verharmlosung.“

Dass es tatsächlich so ist, kann jeder erleben, der als Besucher „nach drüben macht“ und sich nicht nur für die Landschaft in Mecklenburg-Vorpommern und historische Orte in Weimar, Dessau, Eisenach und Wittenberg interessiert. Sogar in den Fußgängerzonen, die von Hennes und Mauritz, Schlecker, ALDI und McDonald’s dominiert werden, riecht es noch nach DDR, nach Konsum, HO und Goldbroiler. Der sichtbare Wohlstand kontrastiert mit einer überwiegend schlechten Laune der Einheimischen. Man könnte vermuten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Lebensumständen und der Befindlichkeit. Je besser jene, umso schlechter diese. Warum das so ist, darüber kann man nur rätseln. Vermutlich hat man sich nach 89 zu sehr auf die wirtschaftlichen Schäden der Planwirtschaft konzentriert und dabei die mentalen Folgen einer 40-jährigen Erziehungsdiktatur zu wenig bedacht. Nächstes Jahr wird der 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Etwa 20% der Ostdeutschen wissen schon, welches Geschenk sie sich zum Fest wünschen: Sie möchten die Mauer wiederhaben.

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