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Kolumnen
Michael Miersch 21.12.2008 +Feedback
Die da unten, wir da oben
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 19.12.2008
Die Größe von Politikern und Staatsmännern wird im Allgemeinen nicht in Zentimetern gemessen. Das beste Beispiel ist Friedrich der Große, der es auf 165 Zentimeter brachte. Der alte Fritz blieb den Preußen durchaus in ruhmreicher Erinnerung, ähnlich wie Napoleon (167 cm) den Franzosen. In dessen Fußstapfen hyperventiliert Nikolas Sarkozy (165 cm), besonders wenn er mit Dimitri Medwedjew (162 cm) über Georgien streitet. Der neue russische Präsident stellt dabei Nikita Chruschtschow (160 cm) in den Schatten, wenn auch nur knapp. Angela Merkel (164 cm) und Hillary Clinton (166 cm) sind diesen Herren gegenüber auf Augenhöhe, sogar mit flachen Absätzen.
Politische Idealmaße besitzt, wie sollte es anders sein, Barack Obama (185 cm) - insbesondere in Kombination mit seiner Frau Michelle (179 cm). Die britische “Royal Society” veröffentlicht vor einiger Zeit eine Studie, der zufolge die Größe des Mannes geteilt durch die Größe seiner Frau idealerweise den Wert von 1,09 ergeben sollte. Viele Paare suchten sich nach diesem Schlüssel unbewusst den jeweiligen Partner. Victoria und David Beckham kommen auf 1,07, Michelle und Barack Obama auf 1,03 (stutzig macht allerdings, dass Gerhard Schröder und Angela Merkel auf 1,06 kommen würden). Nikolas Sarkozy und Carla Bruni bringen es je nach Stilettos auf 0,8 bis 0,9.
Was den allgemeinen Trend zur Größe angeht, ist das Volk vielen führenden Politikern weit voraus. Die Durchschnittsgröße der Europäer ist im Laufe des 20. Jahrhunderts um 18 auf derzeit etwa 180 cm gestiegen. Der durchschnittliche deutsche Mann ist mit 181 cm heute etwa sechs Zentimeter größer als sein Vater, die Frauen übertreffen die Mütter um vier Zentimeter. Besonders auffällig ist das Hochschießen der Jugendlichen. War ein 13-Jähriger im Deutschland des Jahres 1880 noch durchschnittlich 140 cm groß, so misst er heute 161 cm. Für besonderes Erstaunen sorgen die Japaner, die in 20 Jahren ausschließlich im Beinbereich um zehn Zentimeter wuchsen. Der Grund: Junge Japaner wechselten vom traditionellen Knien auf das Sitzen des westlichen Lebensstils - seitdem wachsen die entlasteten Beine viel besser.
Das Wachstum der Europäer hat allerdings nichts damit zu tun, dass sie seltener in katholische Gottesdienste gehen, wo das Knien dazugehört. Ursache ist vor allem die bessere Ernährung. Medizinische Versorgung und das Aussterben körperlicher Schwerstarbeit spielen ebenfalls eine Rolle. Wohlstand führt zu Wachstum, Armut hält klein. In den Entwicklungsländern und in ehemaligen kommunistischen Staaten beginnen die Menschen aufzuholen. Das Maßband spricht zugunsten der Industrieländer und der Marktwirtschaft. Im deutschen Bundestag bieten unter diesem Aspekt Gregor Gysi (163 cm) und Friedrich Merz (198 cm) äußerst unterschiedliche Aussichten. Merz scheidet 2009 aus dem Bundestag aus.


