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Migration

  20.06.2008   +Feedback

Deutschland ade!

Wenn es um Migration geht, hat Deutschland zwei Probleme: Die Abwanderung und Zuwanderung. Im Jahre 2006 haben so viele Deutsche wie noch nie seit der Wiedervereinigung ihrem Land den Rücken gekehrt: 155.000. Das waren 10.000 mehr als im Jahre 2005, und das war auch schon ein Rekordjahr. Die Zahlen für 2007 liegen noch nicht vor, dürften aber den Trend fortsetzen. Es gehen die besser Gebildeten, die stärker Motivierten und die Risikobereiten, also genau diejenigen, die das Land braucht. Allein 50.000 Ingenieursstellen bleiben in Deutschland unbesetzt, was einen „Wertschöpfungsverlust“ von mehreren Milliarden Euro für die Wirtschaft zur Folge hat.

Die daheim bleiben, schauen sich im Fernsehen an, was die Ausgewanderten in der neuen Heimat erleben. Die Serien heißen „Umzug in ein neues Leben“, „Good bye Deutschland“, „Die Auswanderer“, „Deutschland ade“ und sind sehr beliebt. Unterm Strich wandern zwar immer noch mehr Menschen nach Deutschland ein als aus. Der so genannte „Zuwanderungsgewinn“ fiel 2006 mit 23.000 aber um rund 70% niedriger aus als im Vorjahr. Während die Abwanderung also zunimmt, nimmt die Einwanderung ab.

Was zumindest einen Vorteil hat: Die Politik kann in Ruhe darüber nachdenken, wie man die Zuwanderer besser integrieren und nach gelungener Integration einbürgern könnte. Deswegen hat der Bundesinnenminister einen standardisierten Einbürgerungstest entwickeln lassen, der zum 1. September in Kraft treten soll. Es handelt sich um einen Katalog von insgesamt 310 Fragen, von denen dem jeweiligen Einbürgerungskandidaten 33 vorgelegt werden. Wenn er mindestes 17 richtig beantwortet, hat er den Test bestanden und wird eingebürgert. Der Katalog kann im Internet eingesehen werden. Das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bietet zudem „Orientierungskurse“ an; diejenigen Kandidaten, die einen deutschen Schulabschluss nachweisen können, brauchen den Test nicht abzulegen, auch dann nicht, wenn sie nur eine Hauptschule erfolgreich besucht haben.

Abgefragt wird ein Grundwissen, das jedem zugemutet werden kann, der täglich wenigstens die BILD-zeitung liest und einmal pro Woche die „tagesschau“ schaut: Wie viele Bundesländer hat die Bundesrepublik Deutschland? Wann wurde Bundesrepublik Deutschland gegründet? Ab welchem Alter ist man in Deutschland volljährig? Wie oft findet die Wahl zum Deutschen Bundestag statt? Es gibt natürlich auch schwierigere Fragen. Z.B.: Welche Personen gelten in Deutschland als Pioniere des Automobilbaus? (Wilhelm Busch, Konrad Zuse, Karl Benz, Otto Lilienthal?) Oder: Wie viel Prozent der Stimmen braucht eine Partei, um in den Bundestag zu kommen? Welches Jahr markiert das Ende der ersten deutschen Republik? Welcher deutsche Komponist vertonte in seiner 9. Sinfonie Schillers “Ode an die Freude”? (Bach, Wagner, Beethoven?) Von wem geht in der Bundesrepublik Deutschland alle Staatsgewalt aus? (Vom Volke? Von der Regierung? Von den Gerichten?)

Wer Deutscher werden möchte, sollte in der Lage sein, diese Fragen zu beantworten. So wie man bei einer Führerscheinprüfung wissen sollte, wie schnell man in geschlossenen Ortschaften darf. Dennoch regt sich Widerstand gegen den „Katalog“: Es dürfe keine Prüfung geben, die auch eine Mehrheit der Deutschen nicht bestehen würde, sagte der Vorsitzende des Bundestagsinnenauschusses, Sebastian Edathy, SPD, dies sei jedoch bei den meisten Beispielfragen der Fall. Der schleswig-holsteinische SPD-Vorsitzende Ralf Stegner kritisierte, anders als angekündigt liege der Test offenbar über Hauptschul-Niveau. Die innenpolitische Sprecherin der FDP, Gisela Piltz, erklärte, die Einbürgerung dürfe „nicht vor allem von einer Fleißarbeit abhängen», vielmehr müsse sie denjenigen gewährt werden, „die ernsthaft und unmissverständlich Verantwortung als mündige Staatsbürger übernehmen“ wollten. Wie man den Willen, Verantwortung zu übernehmen, messen könnte, verriet sie nicht.

Die Debatte, was man Einwanderern, die Deutsche werden möchten, zumuten darf, verläuft ihrerseits nach einem sehr deutschen Muster. Während es in jedem Kegel- und Seglerverein klar ist, dass diejenigen, die aufgenommen werden möchten, die Statuten besser kennen müssen als diejenigen, die schon länger dabei sein, während Konvertiten immer mehr abverlangt wird als Gläubigen, die schon als Christen, Juden oder was auch immer geboren wurden, möchten die Alt-Deutschen auf keinen Fall die Neu-Deutschen diskriminieren. Das wäre unfair. Die Rücksichtnahme könnte aber auch einen anderen, sehr trivialen Grund haben. Es geht nicht um die „Migranten“. Die Mehrzahl der Deutschen kann zwar Mallorca von Ibiza unterscheiden, muss aber bei der Frage nach dem Unterschied von Bundestag und Bundesrat passen. Viele wissen nicht einmal, wer Konrad Adenauer war. Sogar der Regierende Bürgermeister von Berlin versagte bei der Frage nach der Zahl der Mauertoten.

Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn man die Deutschen einem Einbürgerungstest unterziehen würde. Die meisten müssten ausgebürgert werden. Aber welches Land wäre denn bereit, Menschen aufzunehmen, die nicht einmal wissen, wer die „Ode an die Freude“ vertont hat?

Erschienen in DIE WELTWOCHE vom 19.06.2008

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