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Kolumnen
Dirk Maxeiner 01.03.2009 +Feedback
Der Konformisten-Test
Von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT vom 27.2.2009
Angesichts der Wiederkehr von taillierten Hemden, Röhrenhosen und Pilotenbrillen fragt sich der Mensch: Haben wir uns damals wirklich so angezogen? Ja, wir haben. Und alle anderen auch. Schließlich konnten wir nicht ahnen, wie komisch so ein Aufzug ein paar Jahrzehnte später auf uns wirken würde.
Und das gilt nicht nur für den modischen, sondern auch für den moralischen Zeitgeist.
Der moralische Zeitgeist gilt zu seiner Zeit stets als ewige Wahrheit. Er ist die Norm dessen, was man zu sagen, zu denken und wie man zu handeln hat. Wer sich außerhalb stellt, muss mit Sanktionen rechnen. Während der Modemuffel nicht mehr zur angesagtesten Party eingeladen wird, wird der Moralmuffel aus der Gemeinschaft der Wohlmeinenden ausgeschlossen. Was übrigens erstaunlich oft auf das Gleiche herauskommt.
Auf einem Wohltätigkeitsball, neudeutsch “Charity-Event”, sollte man stets die aktuelle Mode und Moral zur Schau stellen. Aber es führt kein Weg daran vorbei: In 20 oder 30 Jahren wird man die heutige Mode belächeln. Und auch die heutige Weltsicht wird garantiert mit ganz anderen Augen betrachtet. Genau wie wir den moralischen Zeitgeist vergangener Tage in all seiner Fehlerhaftigkeit analysieren, werden dies künftige Generationen mit unseren Ansichten tun. Diejenigen, die heutzutage Politik mit der Sorge um künftige Generationen begründen, würden sich womöglich sehr wundern, was diese künftigen Generationen dereinst von ihnen halten.
Der amerikanische Essayist Paul Graham hat das mal so formuliert: “Es scheint eine unveränderliche Tatsache der Geschichte zu sein: In jeder Epoche haben Leute Dinge geglaubt, die einfach nur lächerlich waren und die so fest geglaubt wurden, dass man in entsetzliche Schwierigkeiten gekommen wäre, falls man etwas anderes geäußert hätte.” Die Tatsache auszusprechen, dass die Erde um die Sonne kreist, war einst eine äußerst gewagte Angelegenheit.
Jeder Zeitgeist hat seine Tabus und Dinge, die man besser nicht ausspricht. Heutzutage droht gottlob keine Inquisition mehr, aber durchaus eine Menge Ärger. Doch was genau straft der heutige Zeitgeist ab? Bei der Antwort hilft eine einfache Frage: Gibt es irgendwelche Dinge, die Sie ausgesprochen ungern öffentlich äußern würden? Wenn sie öfter Sachen denken, die sie nicht laut auszusprechen wagen, müssen sie sich aber nicht unbedingt Sorgen machen. Sie können sie ja für sich behalten und in stiller Distanz zum Zeitgeist verharren. Eher nachdenklich sollten Sie werden, wenn sie alles, was sie denken, überall gefahrlos hinausposaunen können. Höchstwahrscheinlich reden sie dann genau das, was man so reden sollte. Die Wahrscheinlichkeit ist dann ziemlich hoch, dass sie auch in der Vergangenheit stets das geglaubt hätten, was der Zeitgeist vorschrieb.


