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Kolumnen
Michael Miersch 28.06.2008 +Feedback
Das Marburg-Virus
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 27.06.2008
Es gibt Briefe, die möchte man am liebsten ungeöffnet in den Papierkorb befördern. Etwa Schreiben vom Finanzamt oder der städtischen Parkraumüberwachung. Besonders unangenehm ist derzeit allerdings die Post vom Heizöllieferanten, dem Gasversorger oder dem Stromanbieter. Die Energiekosten treiben beim gemeinen Bürger den Puls in die Höhe wie eine DVD von „Das Schweigen der Lämmer“. Deshalb gibt eigentlich niemanden mehr, der nicht schleunigst auf Abhilfe sinnt. Wie kann ich am besten sparen? Anbieter wechseln? Weniger Heizen? Neue Heizung? Dämmen? Ökolampen? Solarenergie? Erdwärme? So setzt ein funktionierender Markt ein. Der Bürger sucht sich die für ihn günstigste Lösung. Er weiß am besten, was gut für ihn ist. Wenn man ihn denn lässt.
Nun gibt es Amtspersonen, die der Meinung sind, sie wüssten viel besser, was gut für die Menschen ist. Beispielsweise in Marburg. Der grüne Bürgermeister und eine Stimmen-Koalition aus SPD, Grünen und Die Linke sind einhellig der Meinung, dass die Bürger der Universitätsstadt intellektuell nicht in der Lage sind, auf die Herausforderungen der Zeit angemessen zu reagieren. Deshalb werden ihnen Solardächer zwangsverordnet.
Wasser mit Hilfe der Sonne zu wärmen ist demnächst Pflicht für alle. Auch für die, die lieber kalt duschen. Ausgenommen sind lediglich Leute, die unterirdisch bauen oder ihr Gebäude nach zwei Jahren wieder abreißen - also niemand. Laut Beschluss vom vergangenen Freitag will die Stadt damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und die Bürger vor der „zu erwarteten Energiepreisexplosion“ schützen. Sobald etwas am Dach repariert oder an der Heizungsanlage erneuert wird, müssen Sonnenkollektoren aufs Dach. Doch weil die Marburger möglicherweise intelligenter sind, als ihre Stadtväter glauben, könnte es zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen führen: Bloß keine Reparatur am Dach! Bloß keine neue Heizung!
Ansonsten ist die Sache ziemlich genial. Erst wird die Energie-Preisexplosion dank staatlicher Ökoabgaben und Steuern kräftig mitbefördert. Dann wird der Bürger gezwungen, die steigenden Preise mit einer sündhaft teuren Solaranlage zu bekämpfen. Das, so der Beschluss, diene der „lokalen Wertschöpfung“. Und wenn ein Hausbesitzer gegen den Erlass verstößt, dann zahlt er bis zu 15 000 Euro Bußgeld und dient ebenfalls der lokalen Wertschöpfung.
Wir finden das Modell Marburg äußerst ausbaufähig: Um die Studenten der Stadt vor steigenden Alkoholpreisen zu schützen, sollte ab sofort nur noch der Konsum von Bier aus Marburger Brauereien erlaubt sein. Das dient ebenfalls der lokalen Wertschöpfung und wegen wegfallender Transportwege dem Klimaschutz. Apropos Verkehr: Beim Neukauf eines Autos sollte in Marburg die gleichzeitige Anschaffung eines Rhönrades vorgeschrieben werden. Wer damit nicht mindestens zehn Prozent seiner Wege zurücklegt, zahlt ebenfalls ein Bußgeld bis 15 000 Euro. Dies wäre nicht nur angewandter Klimaschutz sondern auch gelungene Sportförderung: Der TSV Marburg-Ockenhausen ist eine der erfolgreichsten Rhönrad-Mannschaften Deutschlands und braucht nachhaltig Nachwuchs.

