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Deutsche Sorgen

  12.09.2008   +Feedback

Armes Deutschland

Erschienen in DIE WELTWOCHE vom 11.09.2008

Obwohl Deutsch keine Weltsprache ist, gibt es einige deutsche Wörter, die überall in der Welt verstanden werden: Kindergarten und Kaffeeklatsch, Weltschmerz und Weltanschauung, Waldsterben und Lebensraum, Zeitgeist und Doppelgänger. Vor allen anderen ist es aber das kleine Wort „Angst“, das ohne den Zusatz „Made in Germany“ auskommt, weil es jeder automatisch mit Deutschland assoziiert. Der Franzose geht fremd, der Italiener liebt seine Mutter, der Schwede badet gerne nackt, der Araber ist von Natur aus polygam – der Deutsche aber hat Angst. Die Angst ist ein Meister aus Deutschland.
An den Aufmärschen der Friedensbewegung während des ersten und zweiten Golfkrieges nahmen auch Kinder teil, die noch nicht mit Messer und Gabel essen konnten, aber schon alt genug waren, um auf selbst gemalten Plakaten „Ich habe Angst!“ zu verkünden. Über dem Eingangs-Portal der Humboldt-Universität schwebte ein Transparent, das von der Angst der Studenten zeugte, die alliierten Bomber könnten auf dem Weg nach Bagdad vom Kurs abweichen: „Wann werden wir gebombt?“ Aus den Fenstern und von den Balkonen hingen zum Zeichen der präventiven Kapitulation weiße Bettlaken.
Die Angst vor dem Krieg und die Sehnsucht nach dem totalen Frieden konnte mit den Erfahrungen der Deutschen in zwei Weltkriegen erklärt werden. Wobei es schon ein wenig seltsam war, dass Kinder und Jugendliche, die einen erheblichen Teil ihrer Freizeit mit dem Konsum von Gewaltvideos verbringen, plötzlich „Gewalt ist keine Lösung!“ riefen.

Und nun haben die Deutschen wieder Angst. Nicht vor Krieg, Terror-anschlägen und Naturkatastrophen, auch nicht vor der PDS und Oskar Lafontaine, nicht einmal vor Mahmud Ahmadinejad und Osama Bin Laden. Die Deutschen haben Angst vor steigenden Preisen. Die Klimakatastrophe, die eigene Gesundheit und die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes machen den meisten Deutschen weit weniger Sorgen. Angesichts einer Inflation, die bei etwas über drei Prozent liegt, sagen drei von vier Bundesbürgern, dass sie nichts so sehr fürchten wie immer höhere Verbraucherpreise. Nicht nur das Benzin, auch der Milch- und der Brotpreis sind ein Politikum, das die Menschen beschäftigt. Es ist kaum noch möglich, eine Nachrichtensendung zu sehen, ohne dass gut genährte und ordentlich gekleidete Menschen darüber klagen, dass sie sich kaum noch ein tägliches Frühstück, geschweige denn ein paar neue Schuhe leisten können. Die gefühlte Armut breitet sich auch deswegen so schnell aus, weil alle paar Wochen ein neuer „Armutsbericht“ vorgelegt wird, mal von der Regierung, mal von den Wohlfahrtsverbänden, in dem die schnelle Ausbreitung der Armut dokumentiert wird. Rund um die Armut ist eine prosperierende Armutsindustrie entstanden, die inzwischen mehr Menschen ernährt, als von der Armut betroffen sind.

Acht Millionen Bürger, das sind zehn Prozent der Bevölkerung, sind derzeit auf soziale Leistungen des Staates angewiesen, weil sie nichts oder zu wenig verdienen, um von ihrer Arbeit leben zu können. In Berlin sind es 20%, in Bayern 5%. Die direkten Hilfen für die Bedürftigen machten 2006 über 45 Milliarden Euro aus. Die Wirtschaft der Bundesrepublik steckt diese Belastung ebenso weg, wie sie die jährlichen Milliardentransfers für den „Aufbau Ost“ wegsteckt. Man könnte von einem Erfolg des Systems sprechen, wenn es nicht paradoxe Situationen produzieren würde. Je besser die Lebensbedingungen im Osten werden, umso unzufriedener werden die ehemaligen Bürger der DDR mit ihrem Nachwende-Leben. Je mehr Geld für die Armen ausgegeben wird, umso mehr nimmt die Angst vor der Armut zu.

Wenn man Angst wie Gurken in Dosen packen und exportieren könnte, würde die Außenhandelsbilanz der Bundesrepublik noch besser aussehen als es ohnehin der Fall ist. Allerdings reicht bei diesem Produkt schon die Binnennachfrage, um die Produktion auf Touren zu halten. Wurden die Deutschen früher für ihren Fleiß und ihre Disziplin geschätzt, dann für den „Sündenstolz“, den sie im Umgang mit ihrer Geschichte an den Tag legten, und schließlich für den Mut, mit dem sie einer siechen Diktatur die Stirn boten, so machen sie heute als die Angsthasen Europas von sich reden. Geld allein macht nicht glücklich. Und Armut schändet nicht. Ein Volk, das nichts so sehr fürchtet wie steigende Preise, muss ein glückliches Volk sein.

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