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Industriepolitik

  11.07.2008   +Feedback

Arbeitsplatz-Voodoo

Von maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 11.07.2008

Wer in die Internet-Suchmaschine Google die Wortkombination „Schaffung von Arbeitsplätzen“ eingibt, findet über 860 000 Einträge. Das ist kein Wunder, schließlich ist die Redewendung eine Standardvokabel der Politik. Völlig egal welcher staatliche Eingriff gerade ansteht, es empfiehlt sich dringend ihn mit neuen Arbeitsplätzen zu begründen. Wirtschaftszweige, denen daraus ein Nachteil entsteht, lehnen diese Eingriffe meist ebenso routiniert mit dem Argument der „Gefährdung von Arbeitsplätzen“ ab. Das Problem: Was bleibt unterm Strich?

Als Beispiel kann das deutsche Gesetz über die Förderung der erneuerbaren Energien dienen. Das, so unser Umweltminister, erzeuge eine „Win-Win-Situation“ also einen Zustand in dem alle nur gewinnen können: Es schützt das Klima und schafft Arbeitsplätze. Ökonomen sind gegenüber solchen Versprechungen allerdings meist misstrauisch, denn ein Lehrsatz der Volkswirtschaft lautet. „There ain’t no such thing as a free lunch.“ Frei übersetzt heißt das: „Irgendeiner muss die Rechnung bezahlen“.

Gehen wir also mal ins Detail: Über Abnahmegarantien und hohe Zwangsvergütungen werden etwa Solar- oder Windenergie mit vielen Milliarden unterstützt, wobei tatsächlich Arbeitsplätze entstehen. Doch normalerweise ist die Voraussetzung für die Schaffung eines Arbeitsplatzes, die Erzielung eines Gewinnes am Markt. Sonst kann kein Lohn bezahlt werden. Im Falle der erneuerbaren Energien können die Beschäftigten nur entlohnt werden, weil die Stromkunden gezwungen sind, überhöhte Preise zu bezahlen.

Gewinner und Verlierer finden sich dabei oft in ein und derselben Branche. Beispiel Metallindustrie: Die Kupferhersteller sind sicherlich hoch erfreut über den großen Kupferbedarf für die vielen Windgeneratoren. Weniger erfreut sind die Aluminium-Hersteller. Die leiden wegen ihrer energieintensiven Produktion besonders unter den hohen Strompreisen leiden und sich mit Abwanderungsgedanken tragen. Ob hier unter dem Strich Arbeitsplätze geschaffen oder vernichtet werden, ist die große Frage.

Und weil diese Frage unangenehm ist, müssen Erfolgsmeldungen her. So wies die EU-Kommission kürzlich für die Umweltindustrie 3,4 Millionen Arbeitsplätze aus, für die Kraftfahrzeugindustrie hingegen nur 2,2 Millionen. Addiert man jedoch zu den Fahrzeugherstellern das Kraftfahrzeuggewerbe, sind es schon 6,1 Millionen Beschäftigte in dieser Branche. Und etliche davon dürften sich gleichzeitig in der Umweltarbeitsplatzstatistik finden: Die Hersteller von Katalysatoren und Filtern beispielsweise.

Können Politiker wirklich am besten entscheiden, was Zukunftsindustrien und Leitmärkte sind? In Deutschland scheinen sie fest davon überzeugt zu sein. Die historische Erfahrung spricht allerdings dagegen. Denn sonst müssten Steinkohlebergbau und Agrarsektor blühende Wirtschaftszweige sein.

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