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  16.01.2009   +Feedback

Alle Gaza oder was?

Erschienen in DIE WELTWOCHE vom 16.1.2009

Man kann den Deutschen vieles vorwerfen, nur nicht den Mangel an politischem Bewusstsein. Wenn zum Beispiel in Passau der Polizeichef der Stadt unter ungeklärten Umständen niedergestochen wird, organisieren die Bürger umgehend eine Lichterkette, um „ein Zeichen gegen den Rechtsradikalismus“ zu setzen. Es bleibt bei dem Zeichen, denn die zuständigen Stellen schaffen es auch nach Wochen nicht, den oder die Täter dingfest zu machen. Dafür erlaubt es das zuständige Verwaltungsgericht der NPD, in Passau eine Demonstration abzuhalten – gegen die „Vorverurteilung“ der Partei durch die Medien.

Überhaupt die NPD: Wenn es sie nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden. Denn sie gibt jedem Biedermann die Gelegenheit, sich von den „geistigen Brandstiftern“ zu distanzieren, ohne auch nur einen Finger krümmen zu müssen. Dass die NPD verboten werden müsse, ist der harte Kern aller Reden, die mit der Feststellung „Gerade wir als Deutsche...“ anfangen und mit der Forderung „Wehret den Anfängen!“ enden. Dabei wird übersehen, dass ein Verbot der NPD vor fünf Jahren an dem Umstand gescheitert ist, dass sie von Agenten des Verfassungsschutzes durchsetzt ist; würde das zuständige Amt die Agenten abziehen, gäbe es kaum noch etwas zu verbieten. Dafür aber viele unbeschäftigte Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, die vermutlich gleich eine Interessengemeinschaft der ehemaligen NPD-U-Boote gründen würden.

So unbeholfen, beinah „deppert“ sich also die Deutschen anstellen, wenn es um hausgemachte Probleme geht, so entschlossen und kompetent zeigen sie sich, wenn sie Stellung zu außenpolitischen Fragen beziehen. Hätte sich Barack Obama in Deutschland zur Wahl gestellt, wäre ihm eine Dreiviertelmehrheit sicher gewesen. Das Spezialgebiet des engagierten Deutschen freilich ist der Nahostkonflikt. Seit feststeht, dass der Boden der deutschen Geschichte bis nach Palästina reicht, weiß jeder Rentner und jede Hausfrau, dass es die „Zionisten“ sind, die den Palästinensern schweres Unrecht antun und dass sich die Palästinenser nur wehren, wie es jeder Mensch tun würde, dem man sein Haus und seine Heimat geraubt hat. Das klingt, als hätten viele Deutsche den Verlust von Kattowtz und des Hultschiner Lädchens immer noch nicht verwunden, weswegen sie ihre nationalen Phantomschmerzen auf die Palästinenser projizieren, die ihrerseits von denjenigen unterdrückt werden, die Deutschland in die Niederlage getrieben haben: die Juden und ihre Verbündeten in den USA. Zwar wird immer wieder betont, Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung – aber nur so lange, wie es von diesem Recht nicht Gebrauch macht.

Was man in diesen Tagen in Deutschland lesen, hören und sehen kann, gibt ausreichend Grund zu der Annahme, dass es nicht die Palästinenser, sondern vor allem die Deutschen sind, die eine offene Rechnung mit den Juden bzw. den Zionisten begleichen möchten. Prof. Dr. Udo Steinbach, ehemaliger Chef des Hamburger Orient-Instituts, nennt die Hamas einen „Männerchor“; seine antisemitisch-antizionistischen Ausfälle, die er in öffentlich-rechtlichen Medien verbreitet, veranlassen das Orient-Institut zu der Klarstellung, er spreche nicht im Namen des Instituts, das er viele Jahre geleitet hat. In einem Aufruf zu einer Gaza-Solidaritäts-Demo in Köln heisst es, die Palästinenser in Gaza hätten „ihren Protest durch selbst gebastelte Spielzeug-Raketen ausgedrückt“, Hamas sei eine „Partei der Honoratioren, Rechtsanwälte, Ärzte, Beamte, Handwerker“, das Ziel des Judenstaates sei „die Ausrottung, Vertreibung oder Versklavung der (semitischen) Araber durch die (turkstämmigen) zumeist atheistischen Zionisten“. Bei einer Kundgebung in Berlin gibt es solidarischen Jubel, als eine Rednerin erklärt, „die Palästinenser hätten das Recht auf Widerstand, das Recht, Raketen abzufeuern und Tunnel zu graben, die Palästinenser würden sich mit den vorhandenen Mitteln wehren wie die Vietnamesen gegen die US-Armee und die Juden im Warschauer Ghetto“. Fazit: „Gaza ist das Warschauer Ghetto von heute.“

Vor 2o Jahren wären das Äußerungen vom äußersten linken Rand des politischen Spektrums gewesen, wo man sich mit jeder Mörderbande solidarisierte, die sich „antiimperialistisch“ und „antikapitalistisch“ nannte. Heute tönt es so aus der Mitte der Gesellschaft, wo man sich an runden Tischen trifft, um über gewaltfreie Strategien zur Beilegung von Konflikten zu diskutieren. In einer Call-in-Sendung des Bayerischen Rundfunks rufen Freizeit-Experten an, die mit Prof. Dr. Steinbach gleichziehen wollen. Ein Hörer erklärt den Abzug der Israelis aus Gaza vor drei Jahren folgendermaßen: „Den Abzug der Israelis aus dem Gaza-Streifen, den deute ich so, man hat die Israelis evakuiert und aus dem Gaza-Streifen herausgenommen, um jetzt mit Waffen hineinhauen zu können, ohne die eigenen Leute zu treffen.”Bei Anti-Israel-Demos in Duisburg und in Mainz werden antisemitische Parolen („Tod den Juden!“) gerufen und Hamas-Fahnen geschwenkt, die Polizei greift erst ein, als ein paar Gegendemonstranten die israelische Fahne entrollen; diese „Provokation“ wird sofort unterbunden, um den friedlichen Verlauf der Kundgebungen zu garantieren.

Und jetzt würde ich gerne resümieren, das alles wäre „typisch deutsch“, denn: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ (Zvi Rex) Aber in der Schweiz ist es nicht anders. Was ist es, das die Schweizer den Juden nicht vergeben können?

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