05.09.2008   09:58

Klimaverträgliches Frühableben

Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 5.09.2008

Der Zeitgeist beschert uns derzeit eine neue Form von wissenschaftlichen Studien, die alles und jedes auf seine Klimaverträglichkeit hin berechnen, am besten bis auf die zweite Stelle hinterm Komma. Niemand ist vor den Bilanzierern sicher, egal ob es sich um den Rülpser einer Kuh oder den Furz eines Schafes handelt. Auch der menschliche Stoffwechsel gerät mehr und mehr ins Fadenkreuz, besonders die Dicken haben es den Klimarettern angetan. Nachdem den Wohlgenährten bislang ihre angeblich höhere Krankheitskosten aufs Butterbrot geschmiert wurden, werden sie jetzt zusätzlich als Klimaschädlinge durchs Ökodorf getrieben. Die Logik lautet so: Diese Menschen schleppen viele Milliarden Kilo Übergewicht mit sich herum, das zuvor in Form von Schweinebraten, Kartoffelchips und Cremetorten erzeugt werden musste. Alleine in den USA würden dafür pro Jahr umgerechnet fünf Milliarden Liter Benzin vergeudet. Und pro Kilo Übergewicht, das dann transportiert werden müsse, werde ein weiterer Liter Sprit im Jahr benötigt. Auch das summiere sich alleine in Amerika auf eine Milliarde Liter Treibstoff.

Das mag ja alles sein, ist unserer Meinung aber ein wenig einseitig betrachtet. Wir fordern daher, dass auch die Dünnen und die Waschbrettbäuche sich endlich der Klima-Realität stellen müssen. Denn auf welche Art und Weise formen sie denn ihre Astralkörper? Richtig: Am Morgen beim Joggen, am Abend im Fitness-Studio und am Wochenende beim Ausflug mit dem Fahrrad. Millionen Deutscher Fitness-Freunde schicken für ihr Idealgewicht Milliarden von Kalorien leichtfertig in den Orkus. Wäre es nicht viele sinnvoller mit dieser körperlichen Anstrengung alternative Energie zu erzeugen? Alle deutschen Trimmfahrräder zusammengenommen könnten womöglich einen Offshore-Windpark ersetzen! Und sämtliche Muckibuden ein Atomkraftwerk.

Es gibt in dieser Hinsicht ja bereits Pilotprojekte. So verbesserte der britische Oppositionsführer David Cameron seine Klimabilanz durch Zahlung von Ausgleichsgeldern. Sie gingen an arme indische Bauern, die sich verpflichteten für die Bewässerung weiterhin Tretmühlen statt Dieselgeneratoren zu benutzen. Vielleicht könnte Deutschland die verschwundenen öffentlichen Telefonzellen durch öffentliche Tretmühlen ersetzen. Und so würden die Dünnen klimafreundlich dünn bleiben und die Dicken dünn werden.

Wobei ein neues Problem auftaucht: Menschen mit Idealgewicht leben angeblich länger. Und das versaut die Klimabilanz: Je länger der Mensch lebt, desto mehr Kohlendioxid hinterlässt er. Doch wer will schon klimaverträglich frühableben? Noch besser wäre es gar nicht erst geboren zu werden. Falls das sich nicht vermeiden lässt, dann sollte man zumindest bettelarm das Licht der Welt erblicken. Auch das haben Wissenschaftler gewissenhaft errechnet: Ein in Wohlstand geborenes Kind schädige das Klima im Laufe seines Lebens um ein vielfaches mehr als jenes, das nichts zu essen hat. Es führt offenbar kein Weg daran vorbei: Wer lebt, schadet dem Klima.


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