Dr. Oliver Marc Hartwich01.05.2008 15:00
Die Ken v. Boris-Show
Irgendwie fühlte es sich immer noch merkwürdig an, auch wenn es nun schon das zweite Mal war, dass ich als Ausländer bei Londoner Kommunalwahlen wählen durfte. Bereits bei den Ratswahlen in meinem Borough von Hammersmith and Fulham vor zwei Jahren hatte ich dabei mitgeholfen, den verschwenderischen Labour-Stadtrat durch eine neue Tory-Administration zu ersetzen, die denn seitdem auch schon zweimal die Steuern gesenkt hat. Heute geht es aber nicht um die Londoner Bezirke, sondern gleich um den Londoner Bürgermeister und den Stadtrat für Greater London.
Aber eigentlich kann man die Entscheidung auf eine Frage reduzieren: “Boris oder Ken?” Es gibt wenige Politiker in Großbritannien, die ohne Nachnamen auszukommen scheinen, aber Boris (Johnson) und Ken (Livingstone) gehören eindeutig in diese Kategorie. “Red Ken” ist seit vier Jahrzehnten eine feste Größe in der Londoner Kommunalpolitik. In den 1980er Jahren trieb der ehemalige Trotzkist die Zentralregierung von Margaret Thatcher mit seinen linken Initiativen derart zur Weißglut, dass Thatcher schließlich entnervt die Londoner Kommunalverwaltung auflöste und deren Kompetenzen übernahm. Aber als unter New Labour das neue Londoner Bürgermeisteramt eingerichtet wurde, da war Ken wieder da, allerdings zunächst als unabhängiger Kandidat, der zwischenzeitlich sogar aus der Labour-Partei ausgeschlossen war. Gegen jede Erwartung wurde er vor acht Jahren Bürgermeister und dann im Jahr 2004 - gerade zuvor wieder in die Partei aufgenommen - im Amt bestätigt.
Ken erfreut sich einer gewissen volkstümlichen Beliebtheit, die aber schwer zu erklären ist. Denn eigentlich lieben seine Anhänger an Ken am meisten, dass er nicht so ist wie andere Politiker. Das ist aber eigentlich auch gut so, denn mehr als einen Ken würde die britische Politik auch nicht verkraften. Denn wenn Ken nicht gerade Kommunalpolitik macht, was selten genug vorkommt, dann trifft er sich mit islamistischen Extremisten, schließt Verträge mit südamerikanischen Diktatoren oder beleidigt jüdische Journalisten. Und wenn er sich zur Abwechslung doch einmal um London kümmert, dann wird es auch nicht besser, aber für die Londoner Steuerzahler sehr teuer. Rund um City Hall ist ein Wildwuchs an halb-öffentlichen Einrichtungen entstanden, für deren Mittelverwendung sich in letzter Zeit sogar Scotland Yard zu interessieren beginnt. In anderen Ländern würde man das vielleicht Korruption nennen. Hier ist es das “System Ken”.
Die Konservativen müssen sich gedacht haben, dass es eigentlich nur ein Mittel gibt, um Ken aus dem Amt zu jagen. Wenn nämlich die Londoner nur Politiker wählen, die sich nicht wie Politiker benehmen, dann gab es in der Partei einen, auf den dieses Anforderungsprofil am besten zutraf: Alexander Boris de Pfeffel Johnson. Wie Ken hatte Boris nämlich noch nie Angst vor Fettnäpfchen gehabt, vor allem nicht als einer der respektlosesten (und bestbezahlten) Kolumnisten des Daily Telegraph. Beinahe als Nebenprodukt seiner publizistischen Tätigkeit war er ins Unterhaus eingezogen, aber ein ganz gewöhnlicher Politiker wurde damit immer noch nicht aus ihm. Boris schrieb munter weiter seine Kolumnen, moderierte Satiresendungen im Fernsehen, drehte Dokumentationen über das Alte Rom für die BBC, pflegte ein ausschweifendes Privat- und Sexualleben und gefiel sich in seiner Rolle als konservativer Paradiesvogel (ein Oxymoron, das es nur in England geben kann).
Wer letztlich auf die Idee gekommen ist, Boris als konservativen Kandidat für die Bürgermeisterwahl zu nominieren, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei ermitteln. Aber irgendwie muss Boris davon gehört haben. Und als er dann noch erfuhr, dass einige Vertreter des konservativen Establishments bereits bei dem Gedanken an einen Kandidaten Boris Johnson Schüttelfrost bekamen, erklärte er spontan und wahrscheinlich auch mit einem gewissen Trotz seine Kandidatur. Die anderen bis dahin gehandelten Tories waren zwar alles honorige Lokalpolitiker, aber so unbekannt, dass sie gegen Boris in der Urwahl der Parteibasis nicht den Hauch einer Chance hatten. Und plötzlich war Boris Kandidat.
Nein, ein Programm besaß er damals ebenso wenig wie einen Kamm (bei seiner damaligen Frisur von einem strohblonden Topfschnitt zu sprechen, täte den meisten Kochtöpfen Unrecht). Aber das machte ja nichts, denn Boris wusste vor allem, was ihm an London überhaupt nicht gefällt: die neuen Gelenkbusse und Ken - in dieser Reihenfolge. Also bestand Boris’ Wahlprogramm vor allem in der Absichtserklärung, die ungeliebten Gelenkbusse abzuschaffen und durch neue Doppeldecker zu ersetzen. Wieviel das kosten würde? Wer diese neuen Doppeldeckerbusse mit Trittbrett herstellen sollte? Alles unwichtige Details, um die man sich ja später einmal kümmern könnte, wenn Ken erst einmal abgelöst ist.
Doch irgendwann merkte auch Boris, dass so ein Bürgermeister nicht nur Londons oberster Busfahrer ist, sondern auch noch auf anderen Gebieten etwas zu sagen hat. Auf welchen genau, wusste er zwar nicht, aber er setzte sein Beraterteam darauf an, ganz schnell für ihn herauszufinden, welche Kompetenzen dieser Londoner Bürgermeister eigentlich hat und was man damit wohl am besten anstellen könne.
Ich erinnere mich lebhaft an ein solches Treffen mit Boris und seinem Team in seinem Abgeordnetenbüro, in dem es um den Londoner Wohnungsbau gehen sollte. Boris war charmant-chaotisch wie immer, sah sich meine Publikationen zum Thema an, unterbrach mich ab und an wahlweise mit einem “Interesting!”, “Brilliant!” oder “Let’s do this!” und rutschte ansonsten unruhig auf seinem Sofa hin und her. Nach 75 Minuten war unser Gespräch beendet, ohne dass ich hätte sagen können, was Boris nun eigentlich zu tun gedachte. An Begeisterungsfähigkeit mangelte es ihm wirklich nicht. Aber ein richtiges Programm war dann doch nicht auszumachen.
Es muss so um Weihnachten gewesen sein, dass Boris zu der Überzeugung gelangte, dass es nicht ausreichte, nur für gute Laune zu sorgen. Dabei war er darin unschlagbar. Über seine Weihnachtskarte “Merry Christmas and a Happy New Mayor” hatte ich jedenfalls sehr gelacht. Auch in der Organisation guter Partys mit noch besserem Wein war Boris grandios. Aber als er aus dem Weihnachtsurlaub wiederkam, war er plötzlich ein ganz anderer Mensch. Anscheinend hatte er zum ersten Mal in seinem Leben einen Friseur aufgesucht, und statt der Schuhe und Hemden mit fünfmarkstückgroßen Löchern trug er nun neue, edle Business-Anzüge. Boris war plötzlich ganz seriös geworden, und selbst Alkohol nahm er nur noch in Maßen zu sich, wie er selbst stolz im Fernsehen verkündete.
Kein Zweifel: Er hatte wirklich realisiert, dass es ein nicht auszuschließendes Restrisiko gab, dass er in wenigen Monaten der Bürgermeister der Weltfinanzmetropole London werden könnte. Und wenn er schon nichts dagegen tun könnte, dann sollte er sich darauf besser vorbereiten. Seine Mitarbeiter mussten sich erst daran gewöhnen, plötzlich zu allen Tages- und Nachtzeiten von ihm mit Detailfragen angerufen zu werden. Auch flapsige Boris-Bemerkungen gab es nun nicht mehr für die Journalisten, mit denen er nur noch über seine Pläne für London reden wollte. Richtig detailliert waren die immer noch nicht, aber er hatte ja auch gerade erst angefangen, seine Kandidatur ernsthaft zu betreiben.
Aus Boris, dem respektlosen und frechen Kolumnisten, der auch schon einmal spöttisch forderte, Kühe gegen den Klimawandel zu schlachten, wurde nun ein seriöser Kommunalpolitikdarsteller, an dem niemand mehr Anstoß nehmen sollte. In einer Fernsehdiskussion erklärte er denn auch, dass er seine ablehnende Haltung zum Kyoto-Protokoll aufgegeben habe (als ob das etwas mit dem Londoner Bürgermeister zu tun habe). Und statt unerschrocken vor dem islamischen Fundamentalismus zu warnen, wie er dies jahrelang in seinen Zeitungsbeiträgen getan hatte, hörte man nun von Boris, dass er stolz sei, selbst muslimische Vorfahren in seinem Stammbaum zu wissen. Es war, als hätte Boris in Weichspüler gebadet.
Doch ironischerweise ging Boris’ Rechnung überhaupt nicht auf, denn je mehr er sich bemühte, ein respektabler Kommunalpolitiker zu werden, umso mehr zweifelten seine linken Gegner an, dass es ihm ernst damit sei, während seine Anhänger sich leicht verwirrt die Augen rieben: War das wirklich noch der alte Boris, der vor nichts und niemandem Angst hatte?
Und heute hat London also die Wahl: Wieder einmal den Alt-Trotzkisten Ken oder doch eine Chance für Boris? Meine Wahl hätte auch ohne Boris schon festgestanden, denn Ken ist nach allen Skandalen der letzten Jahre für alle billig und gerecht denkenden Menschen schlichtweg nicht mehr wählbar. Also Boris, denn keiner der anderen Kandidaten hat eine Chance gegen Ken, der trotz allem immer noch eine erstaunlich große Stammwählerschaft aus Altlinken und vor allem den muslimischen Einwanderern mobilisieren kann.
Bleibt nur die Hoffnung, dass Boris, sollte er denn wirklich gewählt werden, bald seine versammelten PR-Berater wieder nach Hause schickt und wieder der wird, der er noch bis zum letzten Sommer war. Und dann kann er in den Kampf gegen Gelenkbusse ziehen, Kühe vor Heathrows Terminal 5 schlachten oder einfach wieder gute Partys veranstalten. Viel mehr, ganz ehrlich, hat ein Londoner Party-, ähm, Bürgermeister denn nämlich auch nicht zu sagen. Und das ist auch gut so.
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Kategorie(n): Ausland
