Burkhard Müller-Ullrich23.04.2008 20:24
Generationenkonflikt
Es gibt so viele Konflikte auf der Welt – zwischen Nord- und Südkorea, zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen Heavy Metal und Emo – da hat uns dieser gerade noch gefehlt: der Generationenkonflikt. Wer ihn erfunden hat, ist noch nicht abschließend geklärt. Manche sagen, daß es die 68er gewesen seien, die keinem über 30 trauten, weil hinter dieser Altersgrenze Nazideutschland lag. Aber es gibt auch Hinweise auf Goethe und andere Sturm-und-Drang-Mitglieder, die zumindest in jungen Jahren den Generationenkonflikt gewaltig schürten. Als Goethe alt wurde, sogar ziemlich alt, machte er da natürlich nicht mehr mit. Vermutlich gab es allerdings schon bei den Neanderthalern Generationenkonflikte, denn das zeitliche Wechselspiel von Kraft und Schwäche, das jeden Lebenslauf kennzeichnet, ist immer mit gewissen Reibereien verbunden.
Und dann sind da noch Frank Schirrmacher, Roman Herzog und die CDU: Lauter Agenten des Generationenkonflikts. Schirrmacher warnt vor dem Methusalem-Komplott, Herzog vor der Rentner-Demokratie, und in der CDU ist der Anteil der Über-60-Jährigen zwischen 1990 und heute von 29 auf 48 Prozent gewachsen. Bei der SPD sieht es übrigens ähnlich aus, und die Mitglieder der Linkspartei sind im Schnitt die ältesten überhaupt. Aber die CDU, und das ist die erfreuliche Meldung, die heute in der Zeitung steht, die CDU will den Generationenkonflikt jetzt mal endlich beilegen und hat zu diesem Zweck – na, was wohl ? – eine Kommission gegründet.
Diese Kommission zum Zusammenhalt der Generationen hat es aber nicht nur mit jugendlichen Hitz- und senilen Starrköpfen zu tun, sondern vor allem mit einer indifferent-kalten und wenig interpretationsempfänglichen Materie, nämlich Geld. Ja, es geht bei diesem Generationenkonflikt nicht wie früher um Moralmaßstäbe, Sittengeschichte und Autoritätsstrukturen. Was das betrifft, so hat sich bis jetzt jede Generation an der vorigen abgearbeitet. Diesmal geht es um einen echten Verteilungskampf. Vor 30 Jahren hat ein Deutscher im Durchschnitt elf Jahre lang Rente bezogen, heute sind es siebzehn, und dabei werden die Beitragszahler immer weniger.
Das ist ein gewaltiges Verteilungsproblem, aber nicht unbedingt Stoff für einen Generationenkonflikt. Denn da jeder mal zu jeder Generation gehört, betrifft die Staatsverschuldung alle, höchstens etwas zeitversetzt. Den jüngeren Mitgliedern jeder Generationenkonfliktkommission sei es geflüstert: Jugendlichkeit ist ein Makel, die sich allmählich ganz von selbst erledigt.
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Kategorie(n): Inland
