Burkhard Müller-Ullrich23.04.2008 20:16
Todeskunst
Kunst ist bekanntlich dazu da, den Tod zu überwinden. Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, wußten schon die Römer. Und so ist es kein Wunder, daß die Künstler immer wieder die Kürze des Lebens oder anders ausgedrückt: den Tod in der Kunst selbst thematisiert haben. Ja, der Tod ist geradezu ein Leitmotiv des bildnerischen Schaffens überhaupt – von mittelalterlichen Totentänzen über Dürers „Tote Blauracke“ bis zu dem diamantbesetzten Totenschädel des britischen Skandalkünstlers Damien Hirst, ein Werk, das letzten Sommer für 75 Millionen Euro gehandelt wurde und damit als teuerstes Objekt eines – man beachte die feine Ironie! – lebenden Künstlers gilt.
Dagegen will der deutsche Skandalkünstler Gregor Schneider das wohl billigste Objekt der Kunstgeschichte ausstellen. Er sucht nämlich, wenn denn die Pressemeldung stimmt, einen Menschen, der bereit ist, in aller Öffentlichkeit zu sterben, allerdings nicht eines gewaltsamen, sondern eines natürlichen Todes, und der ist ja umsonst. Gesucht wird also ein Todkranker, dessen Verscheiden sich nicht allzu lange hinzieht, denn man kann ja die Geduld des Publikums nicht über Gebühr – und schon gar nicht über Eintrittsgebühr! – strapazieren.
So eine Ausstellung – noch gibt es keine Informationen, wann und wo sie stattfindet – wäre sicherlich ein echter Hingucker und alles andere als sterbenslangweilig. Denn zwar werden wir auf Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden mit Sterbeszenen in einem nicht mehr zu beziffernden Ausmaß versorgt, aber das direkte Miterleben in einem Kunsthaus hätte eine andere Qualität. Vielleicht macht Gregor Schneider gleich eine Koproduktion mit dem Plastinator Gunter von Hagens, der ebenfalls zu Kunstzwecken immer wieder frische Leichen braucht und auch bei seinem makabren Treiben, so wie Schneider jetzt, mit der Ästhetik argumentiert.
Die Schönheit des Todes ist in der Tat ein zwar abgründig-heikles, aber doch auch philosophisch tiefes Thema, und jedesmal, wenn einem von aktuellen Schau-Sperenzchen mit plastinierten Leichen oder frisch Verstorbenen moralisch übel wird, muß man sich sagen lassen, daß jene Renaissancekünstler, die an den ersten Obduktionen teilnahmen und sie darstellten, auch die Sittengrenzen ihrer Zeit weit überschritten und doch Großes schufen. Und überhaupt hätten die Künstler ein besonderes Faszinations-Verhältnis zum Tod, weil sie ihm als Schöpfer von etwas Überzeitlichem sozusagen ins Auge blicken könnten.
Das mag alles so sein, aber in der Renaissance war der Tabubruch noch kein Wert für sich, weil er noch nicht von solchem publizistischen Radau begleitet war wie heute, sodaß sich der Verdacht aufdrängt, Hirst, Hagens, Schneider und Konsorten wollen mit ihren Skandalaktionen in erster Linie auf dem Markt der Aufmerksamkeitsökonomie ein paar Sondergewinne einstreichen. Oder anders ausgedrückt: sie wollen mit ihrer Todeskunst vor allem eines – davon leben, und zwar eher lang und gut.
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Kategorie(n): Kultur
