08.04.2008   14:29

Die Blase platzt

Nein, prophetische Gaben besitze ich eigentlich nicht, aber bei den heutigen Wirtschaftsmeldungen aus Großbritannien wurde ich an einen Artikel erinnert, den ich vor etwa zwei Jahren für die NZZ geschrieben hatte. Darin hatte ich gewarnt:

“In der Tat wuchs die britische Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren stärker als andere europäische Länder, wenngleich sich jüngst das Wachstum etwa abgeschwächt hat. Dabei sollten aber zwei Faktoren beachtet werden: Einerseits hat der Staat in den letzten Jahren seine Aktivität massiv und zum Teil eben auch schuldenfinanziert ausgeweitet. Andererseits haben sich auch die Privathaushalte stark verschuldet. Ihre Gesamtverschuldung beläuft sich mittlerweile auf etwa eine Billion Pfund und wird nicht zuletzt auf die durch das Planungswesen künstlich aufgeblähten Hauspreise gestützt. Es ist aber zweifelhaft, wie lange sich ein solches schuldenfinanziertes Wachstum fortsetzen lässt. Fallende Hauspreise oder Eintrübungen der Weltkonjunktur könnten die britische Wirtschaft daher in Zukunft besonders hart treffen.”

Es sieht nun so aus, als ob es exakt so kommt, wie damals vorhergesehen. Dass die Weltkonjunktur sich deutlich eingetrübt hat, ist nicht zu übersehen. Dass diese Eintrübung aus dem Platzen einer Blase am US-Immobilienmarkt resultiert, ist ebenfalls bekannt. Aber nun werden die Briten erleben müssen, dass sie davon deutlich stärker betroffen sind als beispielsweise die Deutschen, und das hat mehrere Gründe.

Das, was sich bei US-Immobilien abgespielt hat, ist nämlich vergleichsweise harmlos, wenn man sich die britischen Verhältnisse ansieht. In Amerika hatten sich die Hauspreise in den letzten zehn Jahren verdoppelt, in GB hingegen verdreifachten sie sich im selben Zeitraum. Auch waren die US-Immobilienpreise “nur” sechsmal so hoch wie die amerikanischen Durchschnittseinkommen. In GB hingegen war es in der Spitze mehr als das Achtfache des Normaleinkommens, das für eine durchschnittliche Immobilie fällig war. Wenn die Amerikaner eine Blase auf ihrem Immobilienmarkt hatten, die gerade geplatzt ist, dann ist es in Großbritannien ein ganzer Heißluftballon, der auf seinen Absturz wartet.

Auch dass man eine Wirtschaft nicht auf Dauer überwiegend schuldenfinanziert wachsen lassen kann, spricht sich nun langsam herum. Seit 2004 ist die Sparquote in GB negativ gewesen, während die britischen Verbraucher auf Pump munter weiter konsumiert haben. Das Ergebnis ist nicht nur ein rasanter Anstieg der privaten Verschuldung, sondern auch des Handelsbilanzdefizits. Aber das alles war davon abhängig, dass a) genug Kredit verfügbar war und b) die Hauspreise weiter stiegen.

Doch mit der Kreditkrise nahm die Verfügbarkeit von Darlehen, Kreditkarten und Hypotheken ab. In den letzten Monaten sind über zwei Drittel der britischen Hypothekenangebote vom Markt genommen worden. Gestern zog die Abbey-Bank die letzte noch existierende Hypothek zurück, die eine Eigenheimfinanzierung auch ohne Eigenkapital ermöglichte. Solche Deals waren bis letzten Sommer aber problemlos möglich. Teilweise konnte man sein Haus sogar mit bis zu 125 Prozent des Wertes belasten. Damit ist nun erst einmal Schluss. Dass im letzten Quartal die Kreditkartenschulden so schnell angestiegen sind wie nie zuvor, hängt übrigens auch damit zusammen. Wo Verbraucher keine Hypotheken mehr erhalten konnten, mussten nämlich sie auf teurere Kreditkarten umschulden.

Heute schließlich gab es von HBOS Halifax neue Hauspreiszahlen, denen zufolge die britischen Hauspreise im ersten Quartal um 2,5 Prozent gefallen sind. Im Jahresvergleich bleibt damit nur eine Hauspreissteigerung von 1,1 Prozent. Normalerweise würde man dies einen stabilen Immobilienmarkt nennen, aber die Reaktionen zeigen, wie fragil die britische Wirtschaft inzwischen ist. Der “Hauspreis-Crash” beherrscht die Schlagzeilen der britischen Tageszeitungen, das Pfund gab auf den internationalen Devisenmärkten nach, während die Bank of England unter Druck gerät, die Zinsen weiter zu senken.

Angesichts der Tatsache, dass sich die Hauspreise in den letzten zehn Jahren verdreifacht haben, ist eine 2,5-prozentige Korrektur eigentlich kaum der Rede wert. Aber die Weltuntergangsstimmung, die sich daraufhin breit macht, verdeutlicht, wie abhängig Großbritannien von zweistelligen Wachstumsraten auf dem Immobilienmarkt geworden ist. Dass solche Zuwachsraten aber nicht auf Dauer aufrechtzuerhalten sind (und dass das im übrigen auch gar nicht wünschenswert wäre), das hatte man jahrelang einfach nicht zur Kenntnis genommen (und nicht zur Kenntnis nehmen wollen).

Doch nun kommt das böse Erwachen, denn diese Mega-Blase platzt. Fragt sich nur, was nach dem Knall von der britischen Wirtschaft übrig bleibt. Wahrscheinlich nicht viel, denn GB war in den letzten Jahren nur auf zwei Gebieten absolute Spitze: im Finanzsektor und bei Immobiliengeschäften. Nun, da der Finanzsektor weltweit in der Krise steckt und die Hauspreisrallye zu Ende ist, werden die Briten merken, dass sie auf allen anderen Gebieten deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Die Infrastruktur ist in einem bemitleidenswerten Zustand, das verarbeitende Gewerbe stark zusammengeschrumpft, und in der Handesbilanz klafft ein massives Defizit.

Nach den fetten Jahren der Scheinblüte der britischen Wirtschaft sollten sich die Briten auf einen schmerzhaften Anpassungsprozess einstellen. Wiederum braucht es weder prophetische Gaben noch Fantasie um sich auszumalen, was dies bedeutet: einen drastischen Anstieg der Privatinsolvenzen und Zwangsversteigerungen, eine deutliche Korrektur des Pfunds auf den internationalen Devisenmärkten, ein sich abschwächendes Wirtschaftswachstum und einen dramatischen Anstieg des ohnehin schon hohen Budgetdefizits.

Die Briten werden noch mit Bedauern auf die letzten Jahre zurückblicken, in denen sie es versäumt hatten, ihre Wirtschaft auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen. Dafür ist es jetzt zu spät, und mit den Folgen wird das Land noch lange zu kämpfen haben.


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Kategorie(n): Wirtschaft