08.02.2013   09:50

Für meine Mitmänner

Christof Stählin

Napoleon Bonaparte, von dem, was sein Verhältnis zu Frauen anbetrifft, aus den Quellen von Zeitzeugen auch wesentlich derbere Zitate angeführt werden könnten, unterhielt sich auf einer Pariser Abendgesellschaft mit einer Frau, und sagte, wohl in Ermangelung eines geistreicheren Anknüpfungspunktes: „Sie haben rote Haare, Madame!“ Die Antwort war: „Das mag stimmen, Majestät, aber Sie sind der erste Mann, der mir das auch sagt!“ Welche Erwiderung, und welche Erfrischung vor dem Hintergrund jener Geschichte vom gefüllten Dirndl!

Die Antwort dieser Frau kam postwendend, war erschöpfend und sucht bis heute nach einer passenden Antwort. Was hätte der Kaiser auch sagen sollen? Die Anekdote ist ein Dokument weiblicher Schlagfertigkeit, die keiner jahrlangen Reifung bedurfte, um an den Mann gebracht zu werden. In den Mund von Frau Himmelreich gelegt, gewinnt das Zitat eher noch an Wirkung: „Ich könnte ein Dirndl füllen? Das mag stimmen, aber Sie sind der erste Mann, der mir das auch sagt!“

Der Esprit der alten Konversationskultur, den Napoleons Gesprächspartnerin, anders als er, noch ausstrahlt, scheint ihm zu schmeicheln, indem sie sich geschmeichelt zeigt, als hätte er als erster gesagt, daß sie schön sei. Mit anderen Worten: Wer glaubt, mir sagen zu müssen, daß ich rothaarig bin, ist ein Tölpel. Aber welche Eleganz!

Was hat nun die Dame mit dem Kaiser gemacht? Sie hat gemacht, daß er still war, mit anderen Worten: sie hat ihn gestillt. Und dies, ohne sich zu entblößen, vielmehr durch Verhüllung. „L´artiste apporte son corps“, sagt Paul Valéry, frei übersetzt: ein Künstler kann gar nicht anders, als mit seinem Körper zu Werk zu gehen. Nichts anderes hat sie getan, so wahr der Geist vor dem Körper nicht halt macht und der Körper nicht vor dem Geist. Es sei denn, es hinge an der Stelle, wo das Rückenmark das Gehirn betritt, eine Tafel, „Unterschiedsfreie Zone!“, wo man geschlechtlichen Besonderheiten ablegt wie die Straßenschuhe im Flur der WG, um sie ausgangs wieder überzustreifen. Sollen wir Männer denn den Oberkörper einer Frau mit Röntgenblick durchdringen, um im Hintergrund den Astralleib ihres wahren Wesens zu bewundern? Es ist der Gender-Wahn, der uns ein androgynes Gemeinschaftswesen verkaufen will wie einen noch ungeschmückten Christbaum, dem abnehm- und austauschbare Deko-apps draufgeschnörkelt sind.

Es ist schmerzlich zu bemerken, daß der tolpatschige Galan an der nächtlichen Bar seine Gesprächspartnerin genauso behandelt hat, als wäre das so. Die beste Erwiderung, wenn nicht mit Worten, wäre eine geistesgegenwärtige Ohrfeige gewesen, als schlagende Widerlegung der Geistlosigkeit ihres Körpers. Die Brüste einer Frau sind doch keine Holzhämmer, denen die Ungezogenheit eines Mannes zum Anlaß dient, post festum hervorgekramt und geschwungen zu werden, um einem mißliebigen Politiker einen virtuellen Entrüstungssturm zu bescheren, zum Staunen des Publikums: „Mein lieber Schwan, jetzt hat sie’s ihm aber gegeben!“

Es gibt doch auch noch die Natur, die einen Körper samt Gehirn als das begreift, was jemand ist, und nicht als etwas, was jemand hat, welchletzteres Weltbild das Paar an der Bar zu einem verschwiegenen Händedruck unter dem Tresen hätte beflügeln können. Es gibt doch auch noch das Parkett, auf dem wir miteinander verkehren und tanzen können, das Spiel, den Reiz, die Anmut im Umgang, den Geist im Körper, eben das, was durch den gesamten Vorgang verletzt ist. Es gibt doch nicht nurmehr das Laminat, das alles das zukleistert, dieses verklemmte Amalgam aus „Sex“, „Sexismus“ und den die das Gender, was ja, wie uns beteuert wird, nicht Sex ist, also nicht einmal mehr das, und wozu wir uns alle bekehren sollen wie der Saulus zum Paulus, oder, wie die spöttische Autorin Eva Leipprand genial bemerkt hat, von der Saula zur Paula.

Und das Holz? Wie kommen die zarten Organe einer Frau, die uns Männer so befeuern können, zu solcher Sprödigkeit und Härte? Es ist die Geheimsprache des Volkes, die eben nicht an der Oberfläche verweilt, sondern eine noch ganz andere Dimension andeutet. Mit „Holz vor der Hütte“,—mit Ehrfurcht vor dem elementaren Ernst der Materie sei es preisgegeben-, ist das Herdfeuer im Inneren der Hütte angedeutet, was von diesem Holz gespeist wird, samt Feuer, Wärme, Mut, Energie und Begeisterung, sei es für Männer oder Frauen, von Kindern zu schweigen. Bi-o-lo-gis-mus? Es geht nicht um Biologie, es geht um das Leben.


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Kategorie(n): Kultur  Bunte Welt