04.02.2013   22:21

Schusselchen Schavan: Protokoll einer Abwehrschlacht

Man kann nicht sagen, dass Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und ihre Unterstützer nicht alles versucht hätten in der peinlichen Affäre um ihren Doktortitel. Mühe haben sie sich gegeben, und wenn es so etwas wie ein politisches Leistungsprinzip gibt, dann muss man das auch mal anerkennen. Trotzdem sieht es so aus, als dürfte sich Frau Doktor in naher Zukunft nur noch Annette Schavan nennen, weil die verbohrte Uni Düsseldorf partout Recht vor Gnade ergehen lassen will.

Für die Ministerin besonders bitter: Die ansonsten nicht für ihre Zimperlichkeit bekannten Doktor-Jäger im Internet („SchavanPlag“) fanden die Promotionsvergehen mehrheitlich verzeihlich. Lediglich ein SchavanPlager wollte die erwischte Akademikern nicht so leicht davon kommen lassen und schlug Alarm. Schavan flüchtete vermeintlich nach vorn, betraute die Uni Düsseldorf mit seriöser Prüfung und sah sich nun ausgerechnet dort mit voller Härte an den Pranger gestellt, wo sie sich die Vergebung lässlicher Zitier-Sünden erhofft hatte. Die Uni verbiss sich viel zäher in die Studien zur pädagogischen „Gewissensbildung“ von 1980 als die freischaffende Häscher-Meute aus dem Internet.

So clever und souverän die Ministerin die Attacken der Düsseldorfer Prüfer zu parieren versuchte, so unbeirrt blieben die auf unfreundlichem Kurs. Die Chronologie einer verlorenen Abwehrschlacht:

Nicht so schlimm wie bei Karl Theodor zu Guttenberg seien die Zitierfehler der Ministerin, hieß es zuerst. Das stimmt, und taugt als Entschuldigung doch wenig. Schlimmer geht’s immer. „Weniger schlecht“ wird trotzdem nicht „gut“.

Eigenplagiate, erfuhr die staunende Öffentlichkeit, habe Schavan begangen: sich selbst zitiert und das verschwiegen. Netter Versuch. Was nach intellektueller Selbstbefriedigung und akademischer Krümelklauberei klingt, war letztlich aber nicht der Grund des Anstoßes. Nach Ansicht von Prüfer Stefan Rohrbacher ist in Schavans Arbeit die Absicht des Plagiierens unübersehbar. Einerseits werde Sekundärliteratur so zitiert, als habe die Autorin die Original-Werke gelesen. Andererseits werde zusammenfassend indirekt referiert, was eindeutig von fremder Stelle übernommen und nicht gekennzeichnet wurde.

Fachfremd sei der Gutachter, wurde gegen die Expertise Rohrbachers argumentiert, weil dieser Judaist sei und kein Pädagogikwissenschaftler wie Schavan. Als seien Quellen und Fußnoten in der Judaistik anders zu behandeln als in der restlichen Geisteswissenschaft.

Überhaupt „Geisteswissenschaft“: In diesem Sprengl der Wissenschaft lebe man gemeinhin viel mehr vom Vordenken anderer, hieß es zu Schavans Gunsten. Man könne mithin nicht so harte Maßstäbe anlegen, wie etwa in der Naturwissenschaft.

Verjährung wurde ins Spiel gebracht und ernsthaft diskutiert, ob nicht in Strafgesetze oder Promotionsreglement entsprechende Paragraphen einzufügen wären, damit akademische Flickschuster sich irgendwann einmal beruhigt im Lichte geklauter Titel sonnen können.

Indiskretion hallte es allenthalben voll Abscheu und Empörung durch die Lande, als der „Spiegel“ vorab aus dem Rohrbacher-Gutachten zitierte. Als wäre die Botschaft eine Woche später eine bessere, angenehmere gewesen. Oder sollte da womöglich die Idee im Schwange gewesen sein, die ungebührlich harte Vermessung der Schavan-Promotion ganz verschwinden oder vor Veröffentlichung weichspülen zu lassen? Nicht doch! Besonders empört: politische Verteidiger der Ministerin.  Schließlich ist im Politik-Business das Durchstechen von Papieren, Expertisen und Pamphleten ja völlig unbekannt. Unglaublich, dass die gleichen Unsitten wie im Reichstag jetzt auch schon an einer deutschen Universität Einzug halten!

Ehrenwerter Beistand kam von den Spitzen der großen Forschungsgemeinschaften, die als Empfänger milliardenschwerer Forschungszuwendungen Schavans Doktorarbeit zwar weder gelesen noch geprüft hatten, aber sich doch vollkommen sicher waren, dass der Ministerin hier großes Unrecht widerfahre. Motto: Wir wissen auch nichts Genaues, haben aber eine Meinung. Der grundsätzliche Skandal dieser Gefälligkeitsadresse aus der Wissenschaft ist in der Öffentlichkeit gar nicht hinreichend aufgegriffen worden.

Weitere Gutachten wurden gefordert. Auch auf diese ansonsten probate Methode in Politik und Gesellschaft missliebige Entscheidungen durch Gutachter-Kriege zu vereiteln, ließ sich die Uni Düsseldorf nicht ein. Immerhin hatten mehr als zwanzig Mitglieder der jeweiligen Prüfkommissionen die Expertise Rohrbachers vorliegen und konnten Zitat für Zitat dessen Analyse nachvollziehen. Schavan selbst ließ sich mit mehr als 80 Seiten Stellungnahme ein. Das gesamte Verfahren wäre in den Ruch des Dubiosen gekommen, wären weitere Gutachten – pro oder contra – hinzugezogen worden. Eine Seite wäre immer als Besteller im Verdacht gewesen.
Damals haben alle etwas laxer zitiert. Ein Vorschlag aus der Unionsfraktion im Bundestag ging dahin, dreißig andere Arbeiten von 1980 ähnlich auszuwerten wie die von Annette Schavan. Würde dort eine vergleichbare Fehlerquote zu Tage treten, sei die Ministerin entlastet. Schon kurios, die Logik: Vielleicht sind ja noch mehr bei Rot über die Ampel gegangen – dann wäre es ok. Auch im Politischen werden die argumentativen Räume zum Verteidigen der eigenen Leute mitunter ziemlich eng. Nun ist allerdings eine Uni-Broschüre der pädagogischen Wissenschaften aus dem Jahr 1978 aufgetaucht, an der auch Schavans Doktorvater beteiligt war, und in der für äußerst penible Zitat-Regeln geworben wird. Schade eigentlich. Aber einen Versuch war es wert.

Schusselfehler hat Annette Schavan nun kürzlich im „Zeit-Magazin“ eingeräumt, könnten ihr bei der Arbeit unterlaufen sein. Voll fies, wenn die Uni dafür jetzt den Doktortitel der Ministerin verschusseln würde. An gut gemeinten „Hinweisen“ und ziemlich durchsichtigem Druck hat es jedenfalls nicht gemangelt. Da hat sich der Freundeskreis Schavan nun wirklich alle Mühe gegeben.


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Kategorie(n): Wissen