29.01.2013   21:17

Freunde der israelischen Oper

„Ich bin natürlich sehr für Juden. Naja, nicht zu sehr, weil Israel einfach totale Scheiße ist… Ich bin sehr für Albert Speer… Das war vielleicht eines von Gottes besten Kindern.“
Lars von Trier


Wenn es darum geht, ihr brennendes, nie erlahmendes Interesse für Israel zu begründen, nennt das anständige Deutschland von Jakob Augstein bis Ludwig Watzal ohne zu zögern das Motiv ihres Webens und Wirkens: Freundschaft, wenn nicht sogar Liebe. Gerade weil sie dem jüdischen Staat so herzlich verbunden seien, könnten, ja müssten sie ihn kritisieren. Das Israelkritisieren sei nachgerade die natürliche Erscheinungsform wirklicher Israelfreundschaft und Vice versa, wie uns die „Frankfurter Rundschau“ belehrt: „Mag sein, dass wir deutschen Journalisten uns besondern gerne mit Israel beschäftigen. Ob wir wollen oder nicht, haben viele von uns durch die Verbrechen unserer Eltern und Großeltern nun einmal eine besonders enge Beziehung zu Israel. Gerade weil wir das Land schätzen, finden wir es schlimm, wenn eine demokratische Regierung Menschenrechte verletzt. Wenn Augstein deshalb grollt, ist daran nichts auszusetzen. Ähnlich ist es mit den USA: Wenn dort gefoltert wird, sorgt das auch hier für Empörung, wenn aber dasselbe in Nordkorea passiert, löst der Vorfall höchstens ein Schulterzucken aus - von einer Diktatur erwarten wir ja nichts anderes. Von den Freunden in Israel hingegen schon.“

Abgesehen davon, dass dieser FR-Beitrag endlich einen Beitrag zum besseren Verständnis der Folter leistet, indem er sie zur unbedenklichen Folklore von Diktaturen erklärt und nur ihre unbefugte Nachahmung ablehnt, abgesehen also von dieser Fußnote macht das sympathische Frankfurter Blatt den Israelis deutlich, welches Glück sie mit den Deutschen haben. 

Zwar gab es also die Verbrechen „unserer Eltern und Großväter“, aber gerade dadurch kommt Israel in den unschätzbaren Genuss einer besonderen Beziehung, die deren kritische Kinder und Enkel heute mit dem jüdischen Staat unterhalten wollen. Kurzum: Ohne Auschwitz könnte sich Jakob Augstein heute nicht seine strenge Liebe zu den Juden von der grollenden Seele schreiben.

Nun empfiehlt sich eine gewisse Vorsicht, wenn Betroffene ihre eigenen Motive erklären -  Alkoholiker gönnen sich gern mal ein winziges Schlückchen, Heiratsschwindler sind wehrlos gegen die Reize einsamer Frauen, Kapitäne sinkender Dampfer stolpern unfreiwillig ins Rettungsboot – aber nehmen wir einmal an, das, was Jakob Augstein, Wolfgang Gehrke, Hermann Dierkes, Annette Groth, Inge Höger, Ken Jebsen, Norman Paech , Ulrike Putz, Ludwig Watzal e tutti quanti im Innersten treibt, sei tatsächlich die tiefempfundene Sympathie für Israel. Die Sympathie- und Freundschaftserklärung hageln jedenfalls auf Israel so dicht nieder wie auf kein anderes Land, und immer gehen sie als salvatorische Klausel dem voraus, was der Sprecher eigentlich sagen will: „Es ist also nun gerade an den Freunden Israels, der Regierung Netanjahu die Grenzen zu zeigen“, diktiert Peter Münch per Süddeutscher Zeitung dem Kanzleramt in die To-do-Liste. Dessen Spiegel-Kollegen Erich Follath wäre desgleichen vermutlich zu popelig; er ghostwritet in seinem Blatt lieber gleich einen fiktiven Abschiedsbrief Hillary Clintons an Barack Obama: „Das Motto heißt: Freunde mit Drohungen erschrecken, Feinde mit Versprechungen verblüffen.“ Bei dem Freund, dem gedroht, die Grenzen gezeigt und heimgeleuchtet werden soll – zu seinem Besten, versteht sich – handelt es sich selbstverständlich um Israel.

Das Merkwürdige ist allerdings, dass sich Sympathie, Freundschaft und Liebe niemals auch nur zu dem mildesten Interesse an Land und Leuten selbst führen: Artikel über Israels Kunstszene, Tel Avivs Nachtleben oder israelische Wissenschaftler finden sich in deutschen Qualitätsmedien seltener als Beiträge über nordkoreanische Vergnügungsparks. Während Redakteure durchaus in der Lage sind, über putzige Inspektionsreisen Kim Jong Uns zu berichten, ohne gleichzeitig dessen Konzentrationslager zu erwähnen, über kubanische Lebensfreude schreiben und senden, ohne ein Wort über Dissidenten zu verlieren und schon gar nicht in jedem Beitrag über China die Lage in Tibet anschneiden müssen, gebietet es die besondere Verantwortung gegenüber einer Demokratie wie Israel, ausschließlich über Israels Armee, Israels gefährliche Drohungen gegen den Iran, Israels Siedlungen und Israels Konflikt mit den Palästinensern zu berichten und praktisch jeden Beitrag mit Bildern israelischer Soldaten, Siedler oder ultraorthodoxer Juden zu illustrieren, idealerweise natürlich mit allem zusammen.

Die Freunde Israels interessieren sich so sehr für den Nahen Osten wie die Freunde der italienischen Oper in „Manche mögen’s heiß“ für „Rigoletto“. Geraten Israelberichterstattern ausnahmsweise einmal andere Themen auf die Agenda, dann bedarf es nur einen kleinen Schritts, um sie wieder auf den eigentlichen Punkt zurückzuführen. Waldbrände in Israel? Greifen nur um sich, weil die Regierung an Feuerwehrausrüstung spart, um weiter aufzurüsten. Sozialprotest? Gab es 2011, und um von ihnen abzulenken, brach die israelische Regierung neue Konflikte mit den Palästinensern vom Zaun, damals, und erst Recht, wie deutsche Israelkorrespondenten reihenweise enthüllten, Ende 2012.

Sollte einmal etwas auf den ersten Blick positiv klingen, wird der Israelreferent nicht zögern, die Dinge couragiert wieder geradezurücken. So wie der bewährte und vom Wiesenthal-Center bisher unerklärlicherweise übersehene Norman Paech, der in einem Vortrag zunächst referierte, dass der Oberste Gerichtshof Israels den Verlauf des Schutzzauns gegen palästinensische Angriffe in der Siedlung Modi’in Ilit für rechtswidrig erklärte, einen neuen Verlauf anordnete und verfügte, bis dahin dürfe die palästinensische Bevölkerung die Tore des Zauns zwischen 6 und 20 Uhr ohne Genehmigung passieren. Selbstverständlich weiß Paech, wie dieser spitzfindige israelische Rechtsstaatstrick vom Standpunkt eines besorgten Freundes beurteilt werden muss: “Hinter der rechtsstaatlichen Fassade dieser Entscheidung ...verbirgt sich eine tiefe Missachtung des Völkerrechts. Denn der Grenzzaun wurde nicht aufgehoben, er wurde nur innerhalb der Ortschaften verschoben…Ein solches System aber hat keine Überlebenschancen. Sein Untergang, sein Verschwinden ist nur eine Frage der Zeit.“

Warum der Sperrzaun an der Grenze zur Westbank überhaupt existiert,lässt Paech unerwähnt, ebenso, wie er sich auch noch nicht einmal in einer Fußnote fragt, vor welchem Gericht in Gaza-Stadt Israelis eigentlich palästinensische Attentäter verklagen können, etwa die Verantwortlichen für den Sprengstoffanschlag auf einen Bus kürzlich in Jerusalem, auf den die Hamas-Regierung mit einem herzlichen Glückwunsch an ihre Untertanen und der öffentlichen Verteilung von Süßigkeiten reagierte.

In ihrer Zuneigung konzentrieren sich die Freunde Israels so sehr auf ihr Objekt, dass sie das Drumherum unmöglich auch noch wahrnehmen können. Deshalb stieß das Buch “Breaking the Silence“ von ehemaligen israelischen Soldaten, die der Armee darin schwere Vergehen vorwerfen, in Deutschland auf einhelliges Wohlgefallen, während keine große Zeitung auch nur die rhetorische Frage stellt, warum es nicht auch ein anklagendes Buch von Hamasveteranen gibt. Deshalb gilt es in deutschen Redaktionen als besonders elegant, Israelis um Gastbeiträge zu bitten, die ihr Land möglichst scharf und kompromisslos kritisieren, während niemand nach Pendants aus Hamastan sucht -  die es ja zweifellos gibt, die aber, sollte ihre Anonymität enttarnt werden, am nächsten Tag unweigerlich kugeldurchsiebt die Straßen entlanggeschleift würden. Deshalb muss Follath seine Spiegel-Leser nicht weiter damit behelligen, dass Israel schon vor Jahren ein zehnmonatiges Siedlungsmoratorium verkündet und die palästinensische Selbstverwaltung zu den Verhandlungen eingeladen hatte, zu denen deutsche Geostrategen heute Netanjahu mit Druck und Drohungen zwingen wollen. Gescheitert waren die Gespräche damals an dem noch nicht einmal großartig kaschierten Desinteresse der palästinensischen Seite.

Deshalb würde Ulrike Putz auf „Spiegel online“ nie, niemals, unter keinen Umständen einen Text unter der Überschrift „Das gefährliche Spiel des Chalid Meschal“ verfassen, schon deshalb, weil es ein nicht geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt der deutschen Israelberichterstattung darstellt, dass zwar jeder durchschnittliche Zeitungsleser weiß, wer Benjamin Netanjahu ist, aber praktisch niemand den Chef der Hamas mit Namen kennt. Als Meschal in Gaza-Stadt vor Kurzem aus der Attrappe einer M-75-Rakete trat, noch einmal jeden Kompromiss mit Israel ablehnte und die heilige Pflicht jedes Palästinensers beschwor, den Raum zwischen Mittelmeer und Jordanien von Juden zu säubern, berichteten einige deutschen Zeitungen klein und auf ihren hinteren Seiten, und verzichteten auch auf Kommentare und Anweisungen, was die Bundesregierung oder Obama nun zu tun hätten. Die Hamas, die Hisbollah und das iranische Atomprogramm umgeben Israel wie Naturgewalten. Die anderen sind, wie sie sind: ein bisschen verrückt und heißblütig -  Araber beziehungsweise Perser halt – aber immer verhandlungsbereit und ohne nennenswerte eigene Agenda. Für den Frieden ist allein Israel verantwortlich. Fliegen irgendwann wieder die Raketen, dann hat Jerusalem sich eben nicht genügend bemüht.

Die schönste Beschreibung der israelischen Freunde unter besonderer Berücksichtigung Netanjahus verfasste Peter Münch vor ein paar Tagen in der bewährten „Süddeutschen“: „Den Friedensprozess mit den Palästinensern hat er auf dem Altar des Siedlungsbaus geopfert, mit seinen an- und abschwellenden Kriegsdrohungen gegen den Iran hält er ...seit Jahren die internationale Gemeinschaft in Atem…Wir gegen den Rest der Welt – damit rührt er an ein israelisches Urgefühl, und darauf zielt auch seine permanente Beschwörung der iranischen Gefahr als ‚nuklearer Holocaust’. Er schürt Unsicherheit.“
Und wenn der ewige Netanjahu das Unruheschüren endlich ließe, könnten die Israelis so sicher leben wie die Luxemburger.

Warum gehen die Freunde Israels mit den Führungen arabischer Staaten und des Iran so viel anders um als mit dem Objekt ihrer Zuwendung? Ganz einfach: sie fühlen sich eben nicht als deren Freunde, und empfinden auch keine besondere Verantwortung für sie. Anders wäre ja das völlige Desinteresse an Lynch- und Foltermorden in Gaza-Stadt und an Massakern in Syrien überhaupt nicht erklärbar.
Sollte eines Tages tatsächlich irgendein dann regierender iranischer „Maulheld“ (G. Grass) Israel pulverisieren und damit den vormals brüchigen Weltfrieden endlich befestigen, dann dürfte die Trauer der deutschen Israelfreunde groß, ja geradezu monströs ausfallen. Wegen der radioaktiven Belastung könnte an Ort und Stelle kein Denkmal gebaut werden, „wo man gern hingeht“ (G. Schröder); was läge aber näher, die finale Grabplatte für das Judentum in Berlin zu errichten – der besonderen Verantwortung wegen?

Es würde eine schöne Feier: Annette Groth und Inge Höger würden selbstgetöpferte Stolpersteine mitbringen und Hobbygärtner Jakob Augstein eine Zierrabatte anlegen, die Klezmerband Paech, Watzal und Dierkes spielte „Bistu mit mir Broyges?“, Ruprecht Polenz würde aus den größten Hits von Celan rezitieren und Irena Wachendorff aus eigenen Werken. Und alle würden beim anschließenden Umtrunk von ihrer tiefen Depression sprechen, wie sie nur Menschen zu befallen pflegt, denen der Sinn ihres Lebens schlagartig abhandengekommen ist.


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Kategorie(n): Inland  Kultur