29.01.2013   15:11

Lagererziehung für einen Unbelehrbaren

Wolfgang Ruge ist sein Leben lang Kommunist geblieben. Wie das möglich war, nach vier Jahren Straflager und elf Jahren Verbannung, in denen er sich als „Freier“ ohne Sondergenehmigung nicht weiter als 7 Kilometer vom Verbannungsort Soswa, der Lagerhauptstadt der Nordurallager, entfernen darf, bleibt auch nach Lektüre seines Buches „Gelobtes Land- Meine Jahre in Stalins Sowjetunion“ ein Rätsel.
Ruge hat den Stalinschen Terror nicht nur erlebt, sondern erlitten. Er macht sich keinerlei Illusionen über die Unmenschlichkeit des Systems. Seiner tief verinnerlichten kommunistischen Ideologie können diese Erfahrungen und Erkenntnisse offenbar nichts anhaben. Dabei wird gerade an von ihm geschilderten Kleinigkeiten deutlich, dass die stalinistische Willkür sich bis ins Alltagsleben erstreckt.
Als „Freier“ will Ruge seiner Mutter, mit der er endlich korrespondieren darf, mit schönen Briefmarken imponieren. Er stellt sich stundenlang bei der Post an, frankiert seinen Brief malerisch, nur um später festzustellen, dass der nie zugesellt wird. Laut einer Direktive landen alle Briefe ins Ausland, die mit mehr als vier Marken beklebt sind, im Reißwolf. Seine Mutter nimmt den ausgebliebenen Brief zum Anlass, die Korrespondenz mit ihrem Sohn zu beenden.

Später, als es möglich ist, Ruge zu besuchen, will sie nichts von seinen Erlebnissen im Lager wissen. Sie hält sich die Ohren zu, als ihr Sohn darüber reden will. Ihr missfällt die Sowjetunion zutiefst , davon will sie sich ihren Glauben an den Kommunismus aber nicht erschüttern lassen.

Ruge, in der DDR einer der produktivsten Historiker, fängt erst in den achtziger Jahren an, seine Erfahrungen mit dem stalinistischen Terror aufzuschreiben. Der Mauerfall unterbricht seine Arbeit, er nimmt sie erst Ende der neunziger Jahre wieder auf, bald beeinträchtigt durch eine sich entwickelnde Demenz.

Sein Sohn Eugen gab die Erinnerungen überarbeitet heraus.Es ist ein lesenswertes, tief berührendes Buch, spannender als jeder Krimi.Wolfgang Ruge und sein zwei Jahre älterer Bruder Walter werden von ihren Eltern als Teenager nach der Machtergreifung Hitlers in die Sowjetunion geschickt. Dort sind die Jungen, Wolfgang ist gerade sechzehn, von Anfang an auf sich allein gestellt. Zwar wohnt ihre Mutter mit ihrem zweiten Mann auch in Moskau, aber in einem für die kommunistische Nomenklatura vorbehaltenen „Sperrbezirk“. Wolfgang, zeitweise obdachlos und gezwungen, nachts im Zug umherzufahren, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben, kommt gar nicht auf den Gedanken, bei seiner Mutter Unterschlupf zu suchen. So stark sind die Denkverbote, so entfremdet die Verhältnisse in seiner kommunistischen Familie.

So lange Wolfgang in Moskau ist, erlebt er, wie nach und nach fast alle seine Freunde und Bekannten verhaftet werden. Es beginnt die Zeit der Schauprozesse. Die Kommunisten , sowjetische und ausländische, beginnen nachts angezogen zu schlafen, in Erwartung ihrer Verhaftung. Eines Tages ist Wolfgangs Bruder dran. Wolfgang gelingt es noch, belastendes Material aus dem Zimmer seines Bruders zu entfernen.

Kurz nach Kriegsausbruch werden Wolfgang und seine Frau Veronika nach Kasachstan deportiert. Dort treffen sie auf Wolgadeutsche, die ausgesiedelt wurden und Kulaken, die bereits seit zehn Jahren in Siedlung Nr. 11 leben. Die Geschichte dieser Siedlung steht exemplarisch für viele: Anfang der dreißiger Jahre kamen die enteigneten Kulaken hierher. Sie wurden einfach in ein umzäuntes Gebiet getrieben, ohne Häuser oder sonstige Infrastruktur. Sie gruben Erdlöcher, die sie mit Steppengras auspolsterten und abdeckten, um den Winter zu überstehen. Von den 11000 Ankömmlingen lebten nach einem Jahr noch 1000, die sich allmählich mit harter Arbeit erträgliche Lebensbedingungen schufen. Zu den Monströsitäten des Sowjetsystems gehört, dass diese Bauern die Steppe urbar machten und so viel Getreide erzeugten, dass es in großen Haufen neben ihren Hütten aufgetürmt wurde und schließlich vergammelte, obwohl im Land Hunger herrschte. Verkaufen durften sie das Getreide nicht, weder an den Staat, noch auf den sowieso unerreichbaren Märkten, weil die Siedlung nicht verlassen werden durfte.

Ein Jahr nach seiner Ankunft in Kasachstan wurde Ruge „arbeitsmobilisiert“, was auf eine Gefangenschaft in den Zwangsarbeitslagern im Nordural hinauslief. Von den Holzfällern in der Taiga wurde Unmenschliches verlangt. Die Normen waren so hoch, dass sie selten erreicht oder gar überboten werden konnten. Für 100%ige Normerfüllung gab es 600 Gramm Brot, das morgens und abends von einer „Suppe“ ergänzt wurde, die wenig mehr als heißes Wasser mit ein paar Kohlblättern war. Binnen kurzem war Ruge zum Skelett abgemagert und stand mehrmals an der Grenze zum Tod.
Von den Arbeitssklaven überlebten nach seinen Schätzungen höchstens 10%. Trotz der vielen Kommissionen, die ständig die Lager besuchten, nahm keine Anstoß an den katastrophalen Lebensbedingungen. Erschwert wurde die Situation von den Grausamkeiten der Lagerfunktionäre. Der Herr über das Lagerbrot hängte nasse Tücher in die Vorratskammer, damit sich das Brot mit Flüssigkeit vollsaugte und schwerer wurde. Dass er damit den Hungernden das Überleben noch schwerer machte, spielte keine Rolle. Ein Lagerleiter ließ zwei verreckte Pferde eingraben und die Grabstellen bewachen, damit sich die Häftlinge kein Fleisch aus den Kadavern schneiden konnten.

Es gelang trotzdem, die Wachen zu überlisten. Ruge kam in dem Besitz eines Stückchen Pferdefleisches. Er konnte es aber weder kochen noch braten, weil das aufgefallen wäre, also aß er das rohe Fleisch heimlich auf seiner Pritsche. Für die „Freien“ war die Ernährungslage besser, aber noch lange nicht gut. Viel mehr als Brot und Suppe gab es auch nicht, aber wenigstens war beides gehaltvoller als im Lager.
Als Ruge 1949 drei Hochschullehrer in ihrer Wohnung besucht und sie beim Abendessen antrifft, bieten die ihm zwar Tee an, aber nichts von ihrem knappen Brot.
Ein Jahr vor Stalins Tod wird die Verbannung der „Arbeitsmobilisierten“ in eine lebenslängliche umgewandelt. Damit wollen sich die Behörden die lästigen Anträge der „Freien“ vom Hals schaffen, die mit ihren Familien in Kasachstan und anderswo zusammengeführt werden wollen. Wie es Ruge gelingt, sich trotz seiner Beschränkungen an der Universität von Swerdlowsk für ein Fernstudium Geschichte einzuschreiben und es erfolgreich zu absolvieren, ist eine eigene, unglaubliche Geschichte.

Leider endet Ruges Buch mit seiner Ankunft in der DDR. Man hätte gern etwas darüber erfahren, wie es ihm dort erging. Seinen Bruder, der nach ihm aus der SU in die DDR kam, sah er schon ab 1959 nicht mehr, weil sie sich über die Beurteilung des Stalinismus zerstritten. Warum Ruge trotz seiner Klugheit nicht erkannt hat, dass nicht der Stalinismus der Fehler, sondern das kommunistische System selbst ein Fehler war, wird für immer offen bleiben.

Wolfgang Ruge: „Gelobtes Land - Meine Jahre in Stalins Sowjetunion“ Rowohlt


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Kategorie(n): Kultur  Wissen