19.01.2013   14:50

Ich mach dich Bambi, Israel!

Ich habe, im Gegensatz zu Innenminister Hans-Peter Friedrich, nie Wert darauf gelegt, mit Bushido befreundet zu sein. Mir war dieser Kerl nie sympathisch (vielleicht wegen seiner Texte, wer weiß das schon), darum bin ich auch nicht darüber entsetzt, dass er ein „Free Palestine“-Profilbild auf seine Twitter-Seite gestellt hat. Nicht nur, weil er das ruhig machen kann, sondern auch, weil es keine fünf Minuten dauert, ehe man in Neukölln oder Kreuzberg auf junge Araber und Türken trifft, die das gleiche Symbol als Halskette oder Schlüsselanhänger bei sich tragen. Was sagt uns das jetzt? Ist das auch empörend oder erst ab einer Followerzahl von 200.000 aufwärts? Herr Friedrich, was meinen Sie?

Überhaupt ist das doch eines der beliebtesten Motive in Sachen Palästina-Merchandising. Man kann es problemlos auf diversen Seiten im Internet und in den verschiedensten Variationen bestellen. Im Grunde ist es möglich, sein ganzes Leben danach auszurichten. Am Morgen trinkt man aus seiner Free Palestine-Tasse, zieht dann seinem Baby etwas an und reicht ihm den Teddy. Dann schaut man auf die Uhr und zieht sich in Ruhe T-Shirt und Pullover über, befestigt noch einen Button an der Tasche und setzt sich eine Mütze auf, während man sich im Notizblock aufschreibt, was für Ohrringe oder Halsketten für die eigene Frau in Frage kommen (vielleicht ja die mit Herzen?). Der Wandkalender erinnert daran, wo genau die nächste Free Palestine-Demo stattfindet und ehe es aus dem Haus geht, werden auf ”Support & Defend Palestine & Palestinians” noch recht unmotiviert eine Weihnachtssocke, ein neues Mousepad und eine BBQ-Schürze bestellt.  So lässt es sich leben im Widerstand und irgendwo im Internet gibt es sicherlich auch Free Palestine-Nudeln, Rotweine und Zahnpasta. Fertig ist das Rundumsolidaritätspaket.

Natürlich gibt es aber im Netz noch mehr Seiten, die hochwertige Palästina-Artikel anbieten. Wie wäre es zum Beispiel mit dem jüdischen Seeungeheuer? Das gibt es ebenso in diversen Variationen wie das Bild des Stacheldavidsterns, der die Friedenstaube einsperrt. Und wer zeigen will, dass er ein Herz für Kinder hat, sollte sich die “End the Occupation”-Serie ansehen, auf der ein Junge erschöpft an einem (KZ-)Zaun hängt. Für die Retro-Fans, die sich gerne an die israelische Besatzung erinnern, ist das zu empfehlen. Lernschwache Israelkritiker sollten sich diesen Spickzettel zulegen und die Mutigen dieses Hemd, das ein aufgebrachte Aktivist womöglich im ersten Moment mit einem “I Love Jews”-Bekenntnis verwechseln könnte, ehe die Details für Klarheit sorgen. Auf der sicheren Seite ist man in jedem Fall hiermit.  Selbstverständlich sollte man aber auch auf die Wahlen im zionistischen Gebilde vorbereitet sein, wofür eigentlich nur dieses Statement in Frage kommt! Und was spricht eigentlich gegen den Kauf einer “Vereinigt gegen Zionismus“-Tasse (außer vielleicht, dass man schon die Free Palestine-Tasse besitzt)?

Man sieht, die Palästina-Motive strotzen vor Friedenshoffnung und dem Willen, Seite an Seite mit den Israelis zu leben. Und es wäre doch absurd, wenn ausgerechnet in Deutschland, dem Land der kritischen Israelfreunde und freundlichen Zionismuskritikern, Solidarität mit dem Opfer jüdischer Landnahme nicht möglich wäre. Man wird doch wohl noch Palästina unterstützen dürfen! Machen Jakob Augstein, Günter Grass und Sigmar Gabriel schließlich auch, warum sollte es also Bushido verboten werden? Etwa wegen seinem tunesischem Vater, wollen die Komplettdeutschen den Nahostkonflikt denn ganz für sich alleine haben? Ist die Antwort wirklich so schmutzig, so rassistisch? Nein, Bushido, lass Dich nicht einschüchtern, zeig weiterhin Solidarität. Zeig, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund Israelkritiker sein können. Zeig, wie gut Du Dich integriert hast, Du Bambi!

Übrigens: Seitdem die Augstein-Debatte läuft, findet dieses Hemd hier reißenden Absatz unter den Nahostexperten deutscher Zeitungen.

Gideon Böss schreibt für DIE WELT den Blog “Böss in Berlin” und twittert unter twitter.com/GideonBoess


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