09.01.2013   07:41

Adieu, adieu: Depardieu spottet zu Recht

Gérard Depardieu einen lebenden Schatz Frankreichs zu nennen, wäre eine Untertreibung. Der Schauspieler, Filmemacher und Geschäftsmann ist einer der französischen Spitzenstars, in aller Welt beliebt und gefeiert für das breite Spektrum von Charakteren, die er im Laufe seiner Karriere verkörperte. Von Cyrano de Bergerac und dem Grafen von Monte Christo bis zur Comicfigur Obelix hat Depardieu dem Kino große Emotionen und großes Vergnügen geschenkt.

Große Emotionen waren auch im Spiel, als Depardieu vor kurzem einen offenen Brief an den französischen Premierminister Jean-Marc Ayrault schrieb. Dieses Mal war Depardieus Feuer jedoch eher Furor: Verdruss darüber, dass ihn der Premierminister für seine Entscheidung, Frankreich aus steuerlichen Gründen zu verlassen, „erbärmlich“ genannt hatte.

Der Fall Depardieu verrät viel über den politischen und wirtschaftlichen Zustand Frankreichs. Es ist ein Land voller Neid, Ressentiments und Populismus – ein Land, in dem sich sogar nationale Schätze nicht mehr heimisch fühlen können.

Frankreichs sozialistischer neuer Präsident François Hollande hatte im Wahlkampf die Einführung eines Steuersatzes von 75 Prozent für Einkommen über 1 Million Euro versprochen. Was manche für einen Wahlkampftrick gehalten hatten, wurde nach der Wahl rasch in die Tat umgesetzt. Es wurde ein Gesetz für diese Supersteuer für die Superreichen eingeführt, das einen Aufschrei unter Frankreichs Spitzenverdienern auslöste – und Depardieus Ankündigung, seinen Wohnsitz ins Ausland, nach Belgien zu verlegen.

Falls Depardieu vorgehabt hatte, in Zukunft keine hohen Steuern mehr zu zahlen, hätte er auf jeden Fall ein anderes Ziel wählen sollen. Belgien besteuert zurzeit Einkommen, die über bescheidenen 36.300 Euro liegen, mit 53,5 Prozent (einschließlich eines lokalen Einkommensteuerzuschlags) und hatte damit vor Hollandes Gesetzesänderungen den dritthöchsten Spitzensteuersatz in Europa nach Schweden und Dänemark.

Depardieu hätte also nicht deutlicher machen können, dass er nicht etwa nicht bereit war, Steuern zu zahlen – er wollte nur nicht Hollandes exzessiven Steuersatz zahlen. Ungeachtet dessen beschimpfte der französische Premierminister Depardieu wegen mangelnden Patriotismus, nannte seinen Entschluss „erbärmlich“ und belehrte den Filmstar: „Steuern zahlen ist ein Akt der Solidarität”.

Das war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Depardieu antwortete schriftlich mit einer Leidenschaft, die seine Fans aus seinen Rollen kennen.

„Leider habe ich hier nichts mehr zu tun, aber ich liebe die Franzosen immer noch, mit denen ich so viele Gefühle geteilt habe,” schrieb er. „Ich gehe, weil Sie den Erfolg, die Kreativität, das Talent und eigentlich das Anderssein überhaupt bestrafen wollen.”

Er erläuterte weiter, dass er seit seinen bescheidenen Anfängen im Rahmen seiner erfolgreichen Karriere Unternehmen gründete, die heute mehr als 80 Mitarbeiter beschäftigen, dass er im Laufe von 45 Jahren Steuern in Höhe von 145 Millionen Euro gezahlt hat und dass im Jahr 2012 alle seine Steuern zusammen 85 Prozent seines Einkommens ausmachten.

„Wer sind Sie, so über mich zu urteilen, frage ich Sie, Monsieur Ayrault, Premierminister von Monsieur Hollande. Ich frage Sie, wer sind Sie? Trotz meiner Exzesse, meines Appetits und meines Liebeslebens, ich bin ein freier Mensch, Monsieur, und ich bleibe höflich,“ schloss Depardieu. Er gab ferner seine Entscheidung bekannt, seinen französischen Pass und seine Sozialversicherungskarte (die er nach eigenen Angaben nie benutzt hatte), zurückzugeben.

Es mag zunächst unwahrscheinlich klingen, dass Depardieu tatsächlich 85 Prozent seines Einkommens an Steuern zahlte, doch ist das - trotz des derzeitigen französischen Spitzensteuersatzes von „nur“ 46,8 Prozent gut möglich – wenn man Frankreichs so genannte „Solidaritätssteuer auf Vermögen“ (L’impôt de solidarité sur la fortune, ISF) und sonstige Steuern und Abgaben berücksichtigt. Durch die Erhöhung des Einkommensteuer-Spitzensatzes auf 75 Prozent würden dann vermutlich die verbleibenden 15 Prozent des Einkommens des Schauspielers, die bisher nicht vom französischen Staat beansprucht wurden, ebenfalls einkassiert. Kein Wunder, dass Depardieu sich nach Belgien absetzt.

Die Lässigkeit, mit der Präsident Hollande seinen Anschlag auf Frankreichs erfolgreichste Bürger ausgeführt hat, ist frappierend – nicht zuletzt deshalb, weil mit seiner geplanten neuen Steuer wahrscheinlich gar nicht viel eingenommen wird. Nach Angaben des französischen Finanzministers Pierre Moscovici schätzt die Regierung, dass die neue Millionärssteuer ein Zusatzaufkommen von nur 300 bis 500 Millionen Euro bringen wird. Selbst diese Zahl geht wahrscheinlich davon aus, dass nicht andere Spitzenverdiener Depardieus Beispiel folgen werden.

Bei so mageren Einnahmen muss die Frage gestellt werden, warum die französische Regierung auf die Einführung dieser neuen Steuer so erpicht ist. Nicht einmal die Ablehnung der Steuer durch den französischen Verfassungsrat konnte Präsident Hollande von seiner Steuererhöhung abhalten. Gleich nachdem die höchste Verfassungsautorität des Landes die 75 Prozent aus formellen Gründen abgelehnt hatte (der Verfassungsrat verlangte eine Steuerbemessung pro Haushalt und nicht pro einzelnem Steuerpflichtigen), kündigte die Regierung ein geändertes Gesetz an, um die Steuern wie vom Präsidenten versprochen zu erhöhen.

Eine Steuer, die kaum Einnahmen erzielt, schwer einzuführen ist, die Elite aus dem Land treibt und Frankreich wie eine Bastion eines quasi-sozialistischen „Big Government“ erscheinen lässt, kann wohl kaum als gute Politik bezeichnet werden. Der einzige Grund für ihre Existenz ist der ungezügelte Populismus des Präsidenten – was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, bedenkt man Monsieur Hollandes schwindende Popularität.

Im vergangenen Jahr war Frankreich vom ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der viel versprach und wenig einhielt, zu Präsident Hollande übergelaufen, dessen bisher einziger Erfolg darin besteht, die miserable Bilanz seines Vorgängers besser aussehen zu lassen. Nach einer gerade veröffentlichten Umfrage sind 40 Prozent der Franzosen der Meinung, Sarkozy sei effektiver gewesen als Hollande, und nur 22 Prozent halten das Gegenteil für richtig. Bedenkt man Sarkozys schlechten Ruf, ist das durchaus ein Kunststück.

Vielleicht hat Gérard Depardieu Frankreich hauptsächlich deshalb verlassen, weil er sich weigerte zu glauben, dass Spitzenverdiener wie er nicht mindestens rund die Hälfte ihres Einkommens behalten sollten. Wahrscheinlich wollte er auch besser regiert werden. Oder vielleicht wollte er einfach in einem Land leben, das ihm als einem freien Mann ein wenig mehr Luft zum Atmen lässt.

Dass dies von allen Ländern nun ausgerechnet Belgien ist, das auch nicht gerade als freiheitliches Paradies bekannt wurde, ist vielleicht das härteste Urteil, das man über Hollandes Frankreich hätte fällen können.

Dr. Oliver Marc Hartwich ist Executive Director der The New Zealand Initiative.

‘Adieu, adieu: Depardieu’s justified jeers’ erschien zuerst in Business Spectator (Melbourne), 3. Januar 2013. Aus dem Englischen von Cornelia Kähler (Fachübersetzungen - Wirtschaft, Recht, Finanzen).

PS: Nach Erscheinen des Artikels gab Depardieu bekannt, dass er nun doch nicht nach Belgien geht, sondern lieber Russe wird. Selbst Putins Russland scheint für ihn attraktiver zu sein als Hollandes Frankreich.

 


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Kategorie(n): Ausland  Wirtschaft