01.01.2013   06:06

Mit dem Verlust gesellschaftlicher Bindungen kommt auch die Freiheit abhanden

Wenn Sie schon immer eine deutsche Kirche einigermaßen voll sehen wollten, müssen Sie nun wieder ein Jahr warten. Naturkatastrophen und andere Notsituationen vielleicht ausgenommen, ist Weihnachten der einzige Zeitpunkt, an dem Sie Schwierigkeiten haben, einen Platz auf einer Kirchenbank zu finden.

Etwas mehr als 40 Prozent aller Deutschen geben an, zu Weihnachten einen Gottesdienst zu besuchen. An normalen Sonntagen findet sich nur 1 von 20 Deutschen in der Kirche – in den 1960er Jahren war es noch 1 von 4.

Mag sein, dass der Atheismus oder nichtkirchliche Formen der Religiosität in Deutschland immer mehr zunehmen, ebenso wie sich die organisierte Religion in vielen anderen Industrieländern auf dem Abstieg befindet. Vielleicht ist aber die nachlassende Affinität der Deutschen zu öffentlichen Organisationen – erkennbar am Niedergang des Kirchenbesuchs und in vielen anderen Bereichen – nur ein Aspekt eines viel größeren gesellschaftlichen Trends: Die westlichen gesellschaftlichen Strukturen lösen sich auf.

Deutschland bietet eine gute Fallstudie für diesen Prozess. In aller Regel wird das Land nicht mit massiven wirtschaftlichen Problemen oder sozialen Umwälzungen in Verbindung gebracht. Ganz im Gegenteil: von außen erscheint Deutschland wie ein Hort der Stabilität. Es wird allgemein als Europas Wachstumsmotor betrachtet. Seine Erzeugnisse sind berühmt für ihre Qualität. Die Deutschen haben sich vielleicht nicht gerade den besten Ruf für ihren eigentümlichen Sinn für Humor erworben, doch zumindest gelten sie als achtbar und diszipliniert, wenn auch ein wenig langweilig und selbstgerecht.

Alles in Allem ist Deutschland nicht das erste Land, das einem einfällt, wenn man über gescheiterte Staaten oder eine zerfallende Gesellschaft nachdenkt. Gemessen an einer Reihe sozialer Indikatoren sind jedoch Zweifel am Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft angebracht.

Die Kirchen sind nicht die einzigen Institutionen, denen die Fähigkeit abhanden gekommen ist, ihre Anhänger dauerhaft an sich zu binden. In anderen gesellschaftlichen Gruppen zeigt sich genau das gleiche Problem, darunter auch in den politischen Parteien.

Von der Gründung der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg bis Anfang der 1980er Jahre sind die Mitgliederzahlen der Parteien ständig gestiegen. 1984 gehörten fast zwei Millionen Westdeutsche einer der etablierten politischen Parteien an. Heute ist diese Zahl trotz einer durch die Wiedervereinigung gewachsenen Bevölkerung auf etwas über 1,3 Millionen Parteimitglieder gesunken.

Es ist nicht nur weniger attraktiv geworden, den politischen Parteien in Deutschland anzugehören. Es ist auch weniger attraktiv geworden, eine von ihnen zu wählen. Die Wahlbeteiligung an Bundestagswahlen ging vom Spitzenwert von 91,1 Prozent 1972 auf 70,8 Prozent bei der letzten Bundestagswahl 2009 zurück.

Die Gewerkschaften sehen sich mit einem noch stärkeren Absturz konfrontiert. Obwohl die Zahl der Erwerbspersonen gestiegen ist, hat sich die Mitgliederzahl der Gewerkschaften in den letzten beiden Jahrzehnten fast halbiert: Nach Angaben des DGB verringerte sich die Zahl von 11,8 Millionen eingetragenen Gewerkschaftern im Jahr 1991 auf nur 6,2 Millionen Mitglieder im Jahr 2011.

Wenn die aktive Beteiligung in Kirchen, politischen Parteien und Gewerkschaften rückläufig ist, überrascht es vielleicht nicht sehr, dass auch die passive Verfolgung des Tagesgeschehens ein aussterbender Zeitvertreib ist. 1992 hatten die vier großen TV-Nachrichtensendungen täglich 21,1 Millionen Zuschauer. Inzwischen ist diese Zahl auf 13,4 Millionen geschrumpft (bei einer Gesamtbevölkerung von 82 Millionen). Im gleichen Zeitraum brach auch die Auflage der Tageszeitungen von 27 Millionen auf 18 Millionen ein und hatte die Einstellung vieler etablierter Namen zur Folge.

Was hier beschrieben wird, ist nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern eine verbreitete Entwicklung in vielen westeuropäischen Ländern. Vorbei die Zeiten, in denen Gesellschaften große Gruppen bildeten, sich in den gleichen Vereinen und Parteien organisierten, die gleichen Nachrichten lasen und die gleichen Fernsehprogramme sahen.

Früher war es wahrscheinlich, dass Schüler sich montags in der Schule über die gleichen Fernsehsendungen des Wochenendes unterhielten, über die auch ihre Eltern sprachen, wenn sie wieder ins Büro gingen. Heutzutage leben unter Umständen nicht einmal zwei gleichaltrige Schüler in der gleichen Welt. Ihr Medienkonsum wird sich nicht unbedingt sehr überschneiden.

Natürlich lässt sich diese Fragmentierung der Gesellschaft auf zweierlei Weise interpretieren. Sie kann als Triumph von Individualismus und Freiheit betrachtet werden. Dank neuer Technologien können wir alle nach unseren eigenen Präferenzen leben, ohne uns groß mit anderen Menschen einlassen, geschweige denn formellen Gruppen beitreten zu müssen. Zweifellos hat es etwas Befreiendes, sich hinsichtlich der Nachrichten nicht auf einige wenige nationale Sender verlassen zu müssen, wenn alternative Standpunkte im Internet nur einen Klick entfernt sind.

Andererseits ist nicht klar, wie solche Gesellschaften Arbeit und Selbstverwaltung regeln. Da gibt es vage Versprechungen einer politischen Entscheidungsfindung auf Online-Plattformen nach Prinzipien wie ‘Crowdsourcing’ und ‘Liquid Democracy’. Aber ist das die realistische Zukunft der politischen Teilhabe? Wenn den Menschen einerseits die Politik immer weniger wichtig wird, wie an der rückläufigen Nachrichtenrezeption ablesbar ist - warum sollten sie sich dann plötzlich dafür interessieren, politische Entscheidungen selbst zu treffen, von sachkundigen politischen Entscheidungen ganz zu schweigen?

Unter solchen Umständen sind auch die Aussichten für die parlamentarische Demokratie nicht rosig.

Bisher waren deutliche politische Differenzierungen die charakteristischen Merkmale der großen Parteien.  Ihre Manifeste ließen sich in wenigen Punkten angeben. Für die Mitte-links-Parteien: Mehr Umverteilung und mehr öffentliche Leistungen. Für die Mitte-rechts-Parteien: Steuersenkungen und die Einführung wirtschaftsfreundlicher Gesetze.

Als Reaktion auf eine wachsende politische Teilnahmslosigkeit haben die Parteien solche ideologischen Vorstellungen über Bord geworfen. Die großen Parteien der Linken und der Rechten sind in vielen Ländern kaum noch voneinander zu unterscheiden. Es gibt nur noch wenige technische Fragen, in denen sie nach wie vor uneins sind, und diese zu finden, würde ein leidenschaftliches Interesse an öffentlicher Politik erfordern. Viele Wähler versuchen das nicht einmal mehr. Stammwähler, die stets der gleichen Partei treu bleiben, sind neuerdings auch schwer zu finden. Die traditionellen soziologischen Milieus, in denen solche Wähler heranwachsen, lösen sich auf.

Große politische Debatten gehören daher der Vergangenheit an. Stattdessen bieten sich die Parteien dem Wahlvolk nun ebenso an, als wären sie eine neue Waschmittel- oder Zahnpastamarke.

In der befremdlichen ökonomischen Welt der globalen Finanzkrise sind unsere Probleme von ungeheurer Komplexität und die Herausforderungen mannigfaltig: Staatsverschuldung, nicht zukunftsfähige Sozialsysteme, alternde Gesellschaften – um nur einige zu nennen. Diese Probleme wären in Gesellschaften, in denen weiterhin breite politische Diskussionen stattfinden und große Teile der Bevölkerung sich daran beteiligen, schon schwer genug zu lösen.

Doch wie stehen dagegen in der Gesellschaft von heute, in der organisierte Gruppen einen Großteil ihres Einflusses verloren haben, die Chancen, dass Wirtschaftsreformen noch umgesetzt werden? Um langfristig erfolgreich wirken zu können, benötigen solche Reformen irgendeine Form der breiteren gesellschaftlichen Unterstützung. Aber woher sollte die noch kommen?

Vielleicht sollten wir für ein wenig mehr Gemeinschaftsgeist beten. Aber besser nicht in der Kirche: Dort würden wir es wohl alleine tun.

Dr. Oliver Marc Hartwich ist Executive Director der The New Zealand Initiative.

‘Liberty muted by Germany’s lost loyalties’ erschien zuerst in Business Spectator (Melbourne), 27. Dezember 2012. Aus dem Englischen von Cornelia Kähler (Fachübersetzungen - Wirtschaft, Recht, Finanzen).


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