22.12.2012   13:14

Einmal Papst sein

Es ist traurig, wie wenig man als Dozent bewirkt. Es bedrückt mich, dass einige Studenten später trotz dem vermittelten Wissen quasireligiösen Wahnvorstellungen verfallen, etwa der Homöopathie. Also müsste man dem Wissen mehr Platz bieten, indem man den Aberglauben aus der Medizin entfernt. Ein möglicher Anstoss könnte darin bestehen, eine der monotheistischen Schaltzentralen zu unterwandern. Um das zu tun, wäre ich gerne einen Tag lang Papst.

So stelle ich mir den Job vor: In aller Herrgottsfrühe würde ich aufstehen und feuchtes Holz sammeln oder einem Hooligan die Rauchpetarde abnehmen, damit abends weisser Rauch aus der Konklave aufsteigt. Dann führte ich Telefongespräche mit Headhuntern, auf dass jemand anderntags mein Werk fortführte. Das Profil des derzeitigen Vatikanchefs wäre womöglich nicht mehr gefragt. Am geeignetsten wäre folglich eine Frau vom Kaliber einer Alice Schwarzer, sicher aber eine Quotenfrau mit Durchsetzungsvermögen und einem Hang zum Aufräumen.

Den Rest des Tages würde ich damit verbringen, einen Hirtenbrief zu schreiben. Im ersten Teil wird es um moderne Märchen gehen. Im zweiten Teil wird eine Redaktion der Bibel vorgeschlagen und im dritten Teil das Programm für meine Nachfolgerin skizziert. Als Papst ist man ja nicht so vermessen, die ganze Welt ändern zu wollen oder gar das Klima, aber medizinische Unwahrheiten sind Gift für das Gehirn und gehören ausgerottet wie die Pocken.

Teil 1: Moderne religiöse Märchen

Ich hoffe, der Leser verzeiht mir den telegraphenartigen Stil, da nicht alles in der nötigen Länge und Differenziertheit dargelegt werden kann, wie das in einem Hirtenbrief der Fall sein müsste.

Beginnen wir mit Aids. Wir werden sagen, es tut uns leid, die Grundsätze der Virologie verleugnet zu haben, und dadurch vielen unserer Schäfchen in Afrika Schaden zugefügt zu haben. Im Übrigen wird Mutter Teresa exkommuniziert. Es war unprofessionell, unsterilisierte Spritzen und andere unhygienische Zustände in ihren Spitälern zu dulden. Das mit der Heiligsprechung ist nur ein Witz gewesen, und wir werden den Friedensnobelpreis posthum zurückgeben. Junge Medizinstudenten sollen schliesslich nicht mit derartigen Hygienevorstellungen konfrontiert werden. Auch darf mit dem Leiden der Patienten nicht für ein zweites Leben, das es gar nicht gibt, geworben werden.

Den psychosozialen Medizinern zuliebe muss endlich festgestellt werden, dass die Heiligsprechung von Bruder Klaus ebenfalls ein Fauxpas war. Eine Grossfamilie im Stich zu lassen, bloss um im Wald «Survival» zu spielen, ist kein normales Verhalten. Die Geschichte mit der Wolke über der Schweiz, eine schützende Hand, die uns vor dem Krieg bewahrte, war eine schamlose Propaganda.

Das mit den Hexenverbrennungen tut uns auch leid: Es ging dabei zu viel Apothekerwissen verloren. Aus der damaligen kirchlichen Sicht verständlich, schliesslich passte das medizinische Wissen der Perser, Ägypter, Griechen sowie der Römer nicht zum Kommunikationskonzept eines Jammertals. Die tausend Jahre dauernde wissenschaftliche Sonnenfinsternis, die das Christentum verursachte, wurde schliesslich durch die Aufklärung zunichte gemacht. Die Lehren des alten Galen: «Tumor, Rubor, Calor, Dolor et Functio laesa» hätten nicht 2000 Jahre warten müssen, damit Immunologen einen ganzen Blumenstrauss von Zytokinen klonieren mussten, um die Entzündung zu erklären.

Dies nur einige Beispiele. Der Hirtenbrief wird weitere moderne Märchen enthalten, die selbst die Aufklärung bis heute nicht ausrotten konnte. Etwa, dass der Mensch einen freien Willen habe oder dass es einen Geist gäbe. Wer an einen Geist glaubt, findet ihn ohnehin nur als Prozentangabe auf Flaschen.

Teil 2: Märchen der Bibel

Aus medizinischer Sicht muss die Bibel redigiert werden. Auch wenn wir bei Adam und Eva beginnen, heisst das nicht, dass jeder einzelne medizinische Unsinn in der Bibel beleuchtet werden kann. Ein Hirtenbrief kann ja nicht länger als die Bibel sein. Sich über Darwins Evolutionstheorie dermassen lustig zu machen, dass sogar Schlangen sprechen, ging aber zu weit. Man weiss, Neandertaler konnten sprechen, aber Schlangen sicher nicht. Genesis ist nicht nur für die Evolution, sondern auch für Gynäkologen und Ärzte, die an Familienplanung interessiert sind, ein Problem. Wie soll das gehen, falls eines der ersten zwei Erdenkinder totgeschlagen wird, der Überlebende trotzdem im nächsten Tal eine Frau findet?

Was denken wohl Kinder über die Geschichte von Abraham und Isaak? Man kann doch nicht Leute zu einem Vorbild machen, die ihren eigenen Sohn auf den Grill legen, bloss weil sie Stimmen hören. Solche Erziehungsmethoden gehören ausgerottet.

Und die paar Wunder des Neuen Testaments werden heute spielend von David Copperfield übertroffen. Jeder Surfer wandert besser übers Wasser, und die Fischchen- und Brötchenvermehrung schaffen Aldi und Lidl jederzeit. Die medizinischen Wunder sind hingegen schlicht peinlich. Jede angeführte Wunderheilung ist inzwischen durch die medizinische Literatur als normale Spontanheilung dokumentiert. Jesus hat es verpasst, richtige Wunder zu tun, z.B. einem Amputierten die Glieder nachwachsen zu lassen. Selbst Lazarus ist im Vergleich zu einer modernen anti-TNF-Therapie kalter Kaffee.

Als Papst können wir endlich zugeben, dass das meiste rund um Maria eine päpstliche Erfindung ist. Wobei die unbefleckte Empfängnis eine besonders einfache Darstellung der Sexualität war. Heute gibt es das Internet, und wer Flecken sehen möchte, kann das bis zum Anwidern tun. Die Theorie der unbefleckten Empfängnis hat die Gynäkologie nicht weiter gebracht, höchstens die Entwicklung von Kondomen verzögert.

Der Hirtenbrief richtet sich vor allem an gläubige Christen. Er sollte aber auch die ungläubigen Christen ein wenig aufrütteln. Um Christ zu sein, muss man nämlich daran glauben, dass Christus auferstanden ist. Aus diesem grundsätzlichen medizinischen Problem sollte sich die Kirche raushalten. Wie soll der Tod festgestellt werden, damit man seine Ex-Organe einem anderen Menschen schenken kann? Da bislang die Kirche in allen medizinischen Fragen danebenlag, muss man es offenlassen, ob Christus hirntot oder nur hypnotisiert war oder sonst einen Trick anwendete, den er einem Fakir abgeschaut hatte. Mit Haut und Haaren aufgeflogen ist er sicher nicht, das wäre eine Verletzung der Entropie.

Somit ist ein erster Eindruck entstanden, wie man die Bibel medizinisch korrekt redigieren könnte. Einige der Evangelien kann man wahrscheinlich streichen, ohne sie zu lesen, etwa das von Paulus. Dass Epileptiker Stimmen hören, weiss man, aber sich deswegen ein Evangelium zu schreiben! Sowas tut man nicht.

Teil 3: Das Programm der Nachfolgerin

Die Nachfolgerin wird wissen, dass Moral nicht von oben kommt, sondern ein evolutionäres Programm ist. Demzufolge braucht es weder interstellare Herrscher noch Religion. Ein derart radikaler Ansatz würde allerdings meine Nachfolge verunmöglichen und wäre eine Einschränkung der Religionsfreiheit.

Die neue Päpstin würde vorschlagen, in Koran und Talmud ebenfalls die medizinisch fragwürdigen und frauenfeindlichen Passagen zu redigieren. Das Programm der Nachfolgerin sollte aber vor allem darin bestehen, die drei grossen monotheistischen Religionen zu fusionieren.

Der Vorschlag einer Fusion wird sicher nicht auf Gegenwehr stossen, schliesslich haben Moslems, Juden und Christen den gleichen Gott. Alle drei Religionen behaupten zudem, sie seien die Religion der Liebe und der Barmherzigkeit. Sollten sie ab und zu von den neuen Leitsätzen abweichen wollen, dann müsste man sie daran erinnern, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und uns andere Menschen in Ruhe zu lassen.
Der Abend naht, die Sonne geht unter über dem Vatikan. Ich kippe noch eine Tasse kalt gewordenen Kaffee über das bereitliegende Holz und warte auf den Telefonanruf des Headhunters, damit endlich weisser Rauch aus der Konklave emporsteigt.


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