11.12.2012   16:51

Päckchen nach drüben

Der Duft. Daran erinnern sich alle: wie es gerochen hat, als das Päckchen gepackt wurde, zu Hause, im Westen. Und welchen Duft es verströmte, wenn es endlich ankam – bei der Großmutter und den Tanten und Cousinen in Nordhausen im Harz. In der Zone. Ungeheure Weiten lagen damals zwischen Niedersachsen und Thüringen, da konnte es passieren, dass sich unter den intensiven Duft von Bohnenkaffee und Kakao und Schokolade und Seife der nicht weniger intensive von angeschimmelten Apfelsinen gemischt hatte. Da hatten es die in Niedersachsen besser, die auch was auspacken durften. Vielleicht war der Christstollen aus Dresden ein bisschen trocken geworden auf der langen Reise. Und der Tannenzweig nadelte. Aber da war ja noch Flüssiges, die Flasche mit dem Nordhäuser Korn und manchmal auch eine mit Danziger Goldwasser. Schnaps war reichlich, drüben.

„Päckchen nach drüben“ gab es bei uns zu Hause jeden Monat. Aber zu Weihnachten machte die Sache am meisten Spaß, sogar die Kerze im Fenster für die Brüder und Schwestern in der Zone, in gedrechselten Holzständern aus der Behindertenwerkstatt, war dann keine Pflichtübung mehr. Auch nicht die Postkarten, die das Siegel „Mit dem Munde gemalt“ trugen. Und endlich zahlte sich die Zurückhaltung aus, in der sich die Kinder das ganze Jahr lang üben mussten: Nie wurde das Einwickelpapier zerrissen, in das ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk gehüllt war. Wir alle waren Spezialisten im Aufknüpfen von Schleifen, und meine Schwester bügelte das Geschenkpapier, bevor es im „Päckchen nach drüben“ wieder zum Einsatz kam. „Drüben“ war das nicht anders. Jeder Bindfaden, jedes Papierchen wurde aufgehoben. Nachhaltigkeit war nichts, was man sich erst angewöhnen musste. 
In der Familie meiner Mutter war das „Päckchen nach drüben“ nie eine einseitige Sache gewesen, also auch keine Geste der Herablassung der von der Geschichte Begünstigten, und dass es sich um eine „Geschenksendung, keine Handelsware“ gehandelt hätte, stand zwar vorschriftsgemäß draußen auf dem braunen Paketpapier, wurde aber erst in den Jahren des Wirtschaftswunders wahr, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. In der unmittelbaren Nachkriegszeit, seit meine Mutter 1947 Thüringen gen Niedersachsen verlassen hatte, entwickelte sich zwischen ihr und ihrer Mutter ein Tauschhandel mit klaren Bilanzen.
Die Währung, die vom Westen nach Osten ging, hieß Bohnenkaffee und Fett: „Palmsonne“ nannte sich das Kokosfett, 1952 kam „Eigelb“ hinzu, ein „Spitzenerzeugnis der deutschen Margarineindustrie“, wie meine Mutter völlig ohne Ironie schrieb. 10 Pfund verschickte sie als Monatsration. Auch „Bommer“ oder „B.N.C.“ waren nicht für den Eigenbedarf gedacht, sondern zum Tauschen geeignet – Bommerlunder und Nescafé in der Büchse. Dafür versorgte meine Großmutter ihre älteste Tochter mit Kinderkleidchen, viel Selbstgestricktem und Waren, die in der Zone günstiger zu haben waren als im Westen: Schirme und Biergläser. Bücher. Regenmäntel und Taschen, die auch im Bekanntenkreis meiner Mutter Absatz fanden. Aus Igelit – ganz wie die Wachstuchtischdecken, die so praktisch und abwaschbar waren, eine schöner als die andere.
Meine Mutter wusste nicht, was sie sich damit ins Haus holte und was sie an die Bekannten verkaufte. Aber wahrscheinlich wäre ihr das egal gewesen. Igelit wurde im vormaligen IG-Farbenwerk in Bitterfeld und in den Buna-Werken in Schkopau in großen Mengen produziert, ein Weich-PVC, das als Lederersatz für Schuhe („Im Sommer heiß, im Winter kalt“) und eben auch für Taschen und Regenmäntel genutzt wurde („Hast du Igelit im Haus, kannst du auch bei Regen raus“). Das Material strömte einen starken Geruch aus – „so roch die DDR“ – und war auch sonst nicht ohne. Der darin enthaltene Weichmacher gab eine Substanz ab, die Nervenlähmungen verursachen konnte. Schon 1950 schränkte man in der DDR die Verwendung ein, aber erst im Sommer 1952 verbot man auch die Produktion von Suppenwürze (Bino) und Brühwürfeln, die aus Abfallprodukten der Igelit-Herstellung gewonnen worden waren. „Ostzonen-Suppenwürfel bringen Krebs!“ titelte die Bild am 2. 8. 1952. Wir frühstückten am wachstuchbespannten Küchentisch also an einer Zeitbombe.
Davon abgesehen war der Austausch mit den Verwandte drüben wenig problematisch. Der Mangel machte erfinderisch. Stoffe und Schnitte gingen hinaus – Mäntel und Kleider kamen zurück. Allerdings brauchte die Post in den 50er Jahren auch mal drei Monate, und dann war der Winter schon vorbei, für den die warmen Sachen gedacht waren. Meine Jugend verbrachte ich in Kleidung made in the GDR. Nur mein Vater verweigerte die guten wollenen Socken – man sei, schrieb meine Mutter im Sommer 1952, „doch schon recht verwöhnt hier drüben“.
1954 erließ die DDR-Führung eine „Verordnung über den Geschenkpaket- und -päckchenverkehr auf dem Postwege mit Westdeutschland, Westberlin und dem Ausland“, da man den Missbrauch des Paketverkehrs „zu Spekulationszwecken“ verhindern wollte. In jedes Paket gehörte eine Liste der enthaltenen Güter und auf jedem Paket hatte „Geschenksendung, keine Handelsware“ zu stehen. Den ostdeutschen Empfängern war der Verkauf oder der Tausch der empfangenen Waren untersagt, woran sich wahrscheinlich kaum einer hielt. Vor allem aber wurde die Menge jener Genussmittel beschränkt, an denen es in der DDR am meisten mangelte: Kaffee, Kakao, Schokolade und Tabak.
Unsere Verwandten wiederum durften uns kein Porzellan oder Glaswaren mehr schicken, keine optischen Geräte, bis dahin ein absoluter Pluspunkt, und keine Kunstgegenstände und Antiquitäten, von denen man „drüben“ doch noch einiges hatte. Auch deshalb wurde der Austausch nun zunehmend einseitig.
Im Westen tat man alles, um das Band zwischen Ost und West zu stärken. Das „Päckchen nach drüben“ war steuerbegünstigt, wofür man ebenfalls Listen führen musste - der Warenstrom von West nach Ost ist deshalb ausgezeichnet dokumentiert. Er nahm seit 1956 zwar leicht ab, stieg aber nach dem Mauerbau 1961 wieder steil an. Seit 1978 wurden regelmäßig zwischen 25 und 26 Millionen Pakete und Päckchen im Jahr aus der Bundesrepublik in die DDR geschickt. Aus der DDR kamen im gleichen Zeitraum jährlich um die neun bis elf Millionen Sendungen an. Die vielen gutgemeinten Appelle, die Brüder und Schwestern im Osten nicht zu vergessen, brauchten wir nicht. Für meine Mutter war das selbstverständlich.
Wann aber begann das „Päckchen nach drüben“ Teil einer schleichenden Entfremdung zu werden? Wann empfanden sich die Verwandten im Osten in der Lage des ewigen Bittstellers, der sich mit den Brosamen vom Tisch der reichen Verwandten begnügen musste?
Schon in den 60er Jahren geriet der rege Paketaustausch in Schieflage. Im Westen passierte das Wirtschaftswunder, im Osten übte man das Schlangestehen. Während man sich im Westen längst Luxusseifen leisten konnte – damals wurden die parfümierten Seifen von Roger Gallet Mode – kamen ins Ostpaket immer noch die gute Seife Fa, die erheblich billiger war. Erst nach der Wende ernteten wir spitze Bemerkungen dafür. Dabei waren wir völlig unschuldig: ins Paket kam, was auf dem Wunschzettel stand. Dass unsere Verwandten nichts anderes kannten als die gute Fa, kam uns wohl nicht in den Sinn.
1974 ging ein großes Kleiderpaket für eine meiner Tanten an uns zurück. Bis dato war es kein Problem gewesen, auch getragene Kleidung zu verschicken. Nun mussten alle Kleidungsstücke nicht nur luftdicht verpackt, sondern auch ordnungsgemäß entseucht werden, was das Leben ein wenig anstrengender machte, aber meine Mutter nicht hinderte. Die Unterstellung der DDR dabei, die bis heute kolportiert wird: die reichen Verwandten im Westen schickten ihre „abgetragenen“ Klamotten nach drüben, verdreckt, verfloht und verlaust.
Wie oft das wirklich vorgekommen ist – wer weiß das schon zu sagen. In meiner Familie aber ist dokumentiert, dass die jüngere meiner Tante einst mit klassenkämpferischem Stolz eine Sendung mit eleganten Kleidungsstücken meiner Mutter zurückgewiesen hatte. Sie trage zu Hause nur praktische Sachen. Meine Mutter gestand, nicht wirklich reumütig, dass sie wohl „Attribute einer gewissen Wohlstandsgesellschaft“ verschickt habe und versandte im nächsten Paket Vistram-Hosen und Helanca-Pullover für die Kinder ihrer Schwestern, im Schlussverkauf günstig erstanden.
Paradoxie pur: Ein ehemaliger Geschäftsführer einer sogenannten Westdeutschen Handelsagentur, die Textil-Geschäfte mit Osteuropa vermittelten, klärte mich darüber auf, dass die Helenca-Pullover und V-Hosen in der DDR gefertigt und dann “für einen Appel und ein Ei” in den Westen exportiert wurden. Dort wurden sie durch eine elfprozentige Steuerrückvergütung der Bundesregierung noch einmal subventioniert, was sie schließlich für den Schlussverkauf lukrativ werden ließ. Von dort fanden sie den Weg zurück -  „entweder nach Anatolien oder in die DDR“.
Von einem gleichberechtigten Austausch konnte nicht mehr die Rede sein. Ein Wunder also, dass die Beziehung zwischen Ost und West über vierzig Jahre lang, mit nicht geringem Einsatz auf beiden Seiten, aufrechterhalten wurde. Doch in nicht wenigen Familien kam 1989 die Stunde der Wahrheit. Viele der beschenkten „armen Verwandten“ im Osten hatten das Gefühl, immer nur von der Resterampe bedient worden zu sein. In vielen Westfamilien hatte man schon lange eine gewisse Anspruchshaltung gespürt. War man vielleicht all die Jahre über ausgenutzt worden? Verständnis für beide Seiten zu haben gelang nicht immer. Manch eiserne Familienbande zersprangen.
Der private Austausch zwischen Ost und West hatte einen zwiespältigen Effekt: „Dein Päckchen nach drüben“ hat die DDR stabilisiert. Ihr Inhalt glich den ewigen Mangel aus, die private Einfuhr an Kakao etwa war noch 1986 fast doppelt so groß wie die Menge, die in den Handel kam. Und über die „Genex“ bereicherte sich das sozialistische System zusätzlich an der Hilfsbereitschaft aus dem kapitalistischen Westen: mit diesem Geschenkdienst konnte der BRD-Bürger seinen Brüdern und Schwestern Mangelgüter der DDR schenken und die überhöhten Preise mit Devisen bezahlen.
Ohne die Hilfsbereitschaft des Westens wäre die DDR früher gescheitert. Daran aber haben die Menschen beim Päckchenpacken zuletzt gedacht.
Siehe auch Die Welt und bLogisch.


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Kategorie(n): Inland  Kultur