07.12.2012   04:35

Deutschland übt sich in der Kunst der Improvisation

Manfred Gillner

Der Energieversorger EnBW plant die stundenweise Abschaltung ganzer Regionen in Süddeutschland vom Stromnetz, falls es im Zuge der Energiewende zu Stromengpässen kommen sollte. EnBW ist fast komplett in öffentlicher Hand und gehört je etwa zur Hälfte dem Land-Baden-Württemberg und verschiedenen kommunalen Verbänden. Das Unternehmen ist also frei von jedem Verdacht, ein Bedrohungsszenario aufbauen zu wollen, um zur Atomkraft zurückkehren zu können, wie es grüne Verschwörungstheoretiker häufig vermuten. Vielmehr hat EnBW inzwischen die kluge Erkenntnis des Landesvaters Kretschmann verinnerlicht, dass die Sonne keine Rechnung schickt und setzt ganz auf den Umbau zum „Ökoversorger“. Die Kunden der EnBW sehen schon in erwartungsvoller Freude dem Tag entgegen, an dem auch die EnBW keine Rechnung mehr schickt. Es kann nur noch eine Frage der Zeit sein.

Der Plan des rollierenden Stromabschaltens ist fein ausgeklügelt, auch wenn Deutschland natürlich auf diesem Sektor noch nicht über die Expertise anderer Entwicklungsländer verfügt. Nur für 1,5 Stunden hat man keinen Strom, dann setzt er wieder für 13,5 Stunden ein. Im Zahnarztstuhl möchte man im Augenblick des Abschaltens nicht gerade sitzen, aber die Zeitspannen dürften immerhin ausreichen, um ein Auftauen der Kühltruhe oder, weil die Heizungspumpen nicht mehr laufen, ein Einfrieren der Wasser- und Heizungsleitungen zu verhindern, zumindest wenn es draußen nicht allzu kalt ist. Im Februar gab es schon einmal einen Vorgeschmack darauf, was Väterchen Frost bei -20 Grad so alles mit einem Haus anstellen kann, wenn die Wasserleitungen einfrieren und man das Mauerwerk aufreißen muss, um die geplatzten Rohre auszutauschen. Die Versicherungen zahlten rund 500 Millionen Euro zur Schadensregulierung, die tatsächlichen Schäden dürften jedoch weitaus höher gewesen sein.

EnBW und RWE arbeiten außerdem an einem Comeback von elektrischen Speicherheizungen als Zwischenspeicher für den unstet produzierten Ökostrom. Bis soeben galten sie noch als Stromfresser. Die Grünen verlangten im Jahr 2008 vom Land NRW „für einen besseren Klimaschutz“ ein Förderprogramm mit dem Ziel, 450.000 Nachtspeicheröfen auszutauschen. Nun wollen die Stromproduzenten, dass das Verbot von Speicherheizungen wieder aufgehoben wird. Im Jahr 2011 gingen 407 Gigawattstunden Strom verloren, weil er nicht zwischengespeichert oder abtransportiert werden konnte. Es mussten dreimal so viele Windräder abgeschaltet werden wie im Jahr davor, aber der nicht produzierte Ökostrom musste trotzdem vergütet werden.

So schreitet also die Energiewende erfolgreich voran und Deutschland übt sich in der Kunst der Improvisation. Was früher den Osten so stark machte, lernt nun auch der Westen. Im Süden freut man sich schon auf die Stromabschaltungen, es wird die Menschen draußen im Lande zusammenschweißen. Man kann auf dem Balkon ein wohlig warmes Lagerfeuerchen entfachen und die Nachbarn einladen, ihre Weihnachtsgans in den Flammen fertig zu garen, um sie anschließend gemeinsam zu verspeisen. Der eine hält die Taschenlampe, der andere isst. Jenen, die im Aufzug steckengeblieben sind, wird man etwas vom warmen Mahl hinabreichen, das versteht sich von selbst. Wenn in den Läden die Lichter erlöschen und in den Büros die Computer abstürzen, wird mancher realisieren, dass es im Leben auch noch was anderes gibt als nur Konsum und Arbeit. Man kann zum Beispiel in der Dunkelheit endlich mal die Kollegin küssen, auf die man schon so lange scharf ist. Sie weiß ja hinterher nicht, wer es war.

Hätte man einen Wunschtermin für einen Stromausfall frei, würde man vielleicht den Zeitpunkt der Neujahrsansprache der Kanzlerin wählen. Man kann sich eh ausmalen, was sie sagen wird: Dass das vergangene Jahr schwierig gewesen sei, aber einige Hoffnung bestehe, dass das nächste noch schwieriger werde. Dass wir, wenn wir den Euro nicht hätten, inzwischen schon im Krieg mit Frankreich, Italien, Spanien und den anderen Staaten der Eurozone stünden, nicht aber mit den übrigen EU-Staaten. Dass Solidarität mit den europäischen Nachbarn das erste Gebot der Stunde sei und eine europäische Solidaritätsabgabe das zweite. Dass die Energiewende, wie alles, was die Kanzlerin anfasst, ein Erfolg und sogar ein Exportschlager werde. Das wäre schön! Vielleicht werden wir ja schon in wenigen Jahren keine Autos mehr exportieren, sondern Stromausfälle.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/energiepolitik/bei-engpaessen-plaene-fuer-stromabschaltungen-11983604.html
http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/:energiewende-rwe-will-comeback-der-nachtspeicher/70124859.html
http://www.strom-magazin.de/strommarkt/nrw-gruene-fordern-austausch-von-450000-nachtspeicherheizungen_22085.html


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Kategorie(n): Inland  Klima-Debatte  Wissen  Wirtschaft