24.11.2012   11:12

Mit unserer Weißheit am Ende

Weil wir diese Kolumne und gelegentlich auch Bücher gemeinsam schreiben, werden wir von manchen als Firma betrachtet. Und wenn man das so sieht, dann ist die Zusammensetzung der Belegschaft von „Maxeiner & Miersch“ total diskriminierend. Unser Zweimann-Betrieb ist zu 100 Prozent männlich, Frauen machen genau Null Prozent aus. Im Sinne aller deutschen Gender-Beauftragten diskutieren wir deshalb gerade darüber, wer von uns nun künftig Mann sein soll - und wer Frau. Letztere rückt dann in den Aufsichtsrat auf.

Aber kaum haben wir uns mit diesem Gedanken vertraut gemacht, taucht schon das nächste Problem auf: Wir sehen beide europäisch, hellhäutig aus. „Weißsein als Kategorie soll ermöglichen, die Konstruktion des ‚Weißen’ als des Einen und Eigentlichen, d.h. als bestimmende Norm im Verhältnis zu dem Abweichenden, Minderen, Anderen wahrzunehmen“, heißt es in einem äußerst elaborierten Wikipedia-Eintrag über das „Weißsein“.  Weshalb jetzt auch an der Klagenfurt Universität eine Lehrbeauftragte für „kritische Weißseinsforschung“ gesucht wird, die auch „postkolonialen Studien sowie Queer-Studies“  drauf hat.

Was uns daran wirklich gut gefällt: „Ein kritischer anti-rassistischer Ansatz ist es, die Blickrichtung zu wechseln und statt des ,Schwarzseins’ das ‚Weißsein’  als Problem zu betrachten“. Das tun wir schon länger, sind aber nicht ganz sicher, ob wir es richtig begriffen haben. Jedenfalls haben wir uns vorsorglich für die Erfindung des Feuers durch eine männlich geprägte Jäger- und Sammlergesellschaft entschuldigt, ebenso wie für die Einführung der Missionarsstellung bei der Eroberung fremder Kontinente. Geholfen hat es nix: Nach wie vor gelten heterosexuelle männliche und weiße Familienväter, die womöglich auch noch einer geregelten und nicht-künstlerischen Arbeit nachgehen, als Verursacher allen Elends dieser Welt. 

Diese Lektion wurde dem weißen Mann inzwischen so gut eingebimst, dass er alles sein will, nur nicht männlich und weiß. Um der Erbsünde zu entgehen liebt der Mann von heute Elternauszeit, Baumwoll-Windeln, Yoga, Buddhismus, Therapiestunden, vegetarisches Essen, sanfte Medizin und Doppelnamen. Er umgibt sich mit einem multikulturellen Freundeskreis, bemüht sich ganz besonders um schwarze oder schwule Freunde. Und das höchste der Gefühle ist es für ihn, irgendwo zu sein, wo kein anderer weiß ist.

Erschienen in DIE WELT am 23.11.2012


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Kategorie(n): Kultur