18.11.2012   12:12

Betreute Bürger

Meine Frau und ich kauften kürzlich eine neue Spülmaschine. „Stellen Sie sich nicht auf die geöffnete Tür“, warnte uns der Beipackzettel, „dabei könnten Sie sich verletzen.“

Seit dem Fall Stella Liebeck hat man sich an solchen Unsinn gewöhnt. Frau Liebeck, das war die ältere Dame, die 640 000 Dollar von McDonald´s erstritt, weil sie sich beim Entfernen des Becherdeckels mit Kaffee verbrüht hatte.

Wer noch nie auf die Idee kam, seine Katze in der Mikrowelle zu trocknen oder Kinder mit dem Rasenmäher spielen zu lassen, fühlt sich ein wenig unwohl bei dem Demenztherapie-Tonfall der Sicherheitshinweise. Was aber sollen die Firmen tun? Sie werden von Anwälten umlagert und von Versicherungen genötigt.

Etwas anderes ist es jedoch, wenn der Staat seine Bürger zu Trotteln erklärt. Offenbar hat sich in Berlin und Brüssel die Überzeugung durchgesetzt, dass gesunder Menschenverstand und Erfahrungswissen nicht mehr ausreichen, um als Erwachsener durchs Leben zu gehen. Was ein Mensch isst, ob er raucht, welche Lampen er sich ins Zimmer hängt oder ob er seinem Nachbarn ein Solardach finanzieren möchte, soll nicht mehr ihm selbst überlassen sein. Der „mündige Bürger“ war das politische Leitbild im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts – heute ist es der Bürger als Mündel.

Kein Anlass ist zu geringfügig, um staatliches Handeln hervorzurufen. Im Sommer warnten Politiker, Kinder seien durch Bubble Tea bedroht. Deutsche Friseure dürfen unter 16-Jährigen nicht mehr die Haare färben, weil in England ein Junge darauf mit einem allergischen Schock reagierte. Dänemark hat eine Fettsteuer eingeführt, um die Bürger zu fettarmer Ernährungsweise zu erziehen. In Bayern wurde das Rauchen auf den Oberdecks staatlicher Passagierschiffe verboten. Und seit September darf in der EU niemand mehr Glühbirnen über zehn Watt herstellen oder vertreiben… Hier weiterlesen

Erschienen in FOCUS Nr. 44/12


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Kategorie(n): Kultur