11.11.2012   00:24

Silvis Culture Club (22). Geld ist nicht wichtig, aber scheen muss er sein!

Das habe ich bei meinem Zahnarzt gelernt. Wo sonst. Da war ich bei einer herrlichen Patientenparty und dort wurde dieses wunderbare Lied vorgetragen. Und es gab Kaffee und Kuchen. Kein Witz. Ich habe vermutlich den nettesten Zahnarzt Berlins, seine Praxis nennt er „Zahn-Oase“ und sogar Elvis war da. Elvis lebt also, allen Pessimisten zum Trotz. Er hat gesungen und getanzt, er kann also gar nicht tot sein. Ich habe mich amüsiert wie sonst nur auf einer Kreuzfahrt, das Seniorenkabarett „Konfetti“ trat auf, sang und tanzte, es gab einen Conférencier und man erzählte wirklich lustige Witzchen und Witze. Auch ein Arzt-Sketch wurde dargeboten, die meisten im Publikum wussten das zu schätzen, denn sie waren in dem Alter, in dem man gemeinhin ein wenig öfter zum Arzt muss als man eigentlich möchte. Da tut es gut, wenn man auch mal über ihn lachen kann. Ist Ihnen jemals aufgefallen, dass man Arzt-Witze als Kind superlustig findet, dann jahrzehntelang nicht und sie dann eines Tages plötzlich wieder als Trost braucht und also über jeden Quatsch lacht?

Ich wähnte mich in guten Händen und auf ruhiger See und wartete eigentlich nur auf die Durchsage des Kapitäns, dass wir bald im Hafen von Hongkong oder Surabaya einlaufen würden und dass wir bis dahin ein bisschen Bingo spielen würden. Harmloser Zeitvertreib, das Übliche auf hoher See. Und damit man nicht einrostet, geht der Passagier gern promenieren. In der Zahn-Oase konnte man Kunst von Patienten kaufen und für den guten Zweck bot das Ehepaar Miladin, optimistische Baden-Württemberger, die in Berlin gelandet sind, allerliebste, selbst hergestellte Wolltiere. Sie häkelt nonstop, er näht abends nach der Arbeit fleißig die Teile zusammen, das Geld geht an das Kinderhospiz „Sonnenhof“. Warum die beiden das tun? „Wir haben so viel“, sagt Frau Miladin. Und deshalb möchten sie teilen. Und Gutes tun. Wie mein Zahnarzt. Die gute Idee, Patienten gute Laune zu bieten, ist ausbaufähig und zeugt von der begrüßenswerten Geschäftstüchtigkeit meines Zahnarztes. Kundenbindung mit Kaffee und Konfetti! Ärzte müssen schließlich auch schauen, wo sie bleiben, für sich und ihr Können Werbung machen.

Was wird die Zukunft bringen? Arien beim Augenarzt? Prosa beim Pneumologen? Zumba beim Zahnarzt? Rilke beim Röntgen wäre auch noch eine kleine, feine PR-Lücke. „Zahnarzträume sollen so wenig wie möglich an Zahnarzt erinnern“, sagt Farhad Raschidi (www.zahnoase-berlin.de). Natürlich weiß er, dass viele Patienten Angst haben und die versucht er ihnen zu nehmen. Denn wenn das Umfeld hell, bunt und freundlich ist, ist das schon ein Trost. Im Sommer gibt es eine Terrasse mit Blick malerischem Blick auf Berlin Alt-Tegel und Wasser, Kunstausstellungen helfen, von der Angst vor der Behandlung abzulenken. Hat irgendjemand noch Angst vor dem Bohren? Dazu kommt die bezaubernde Freundlichkeit seiner Mitarbeiter und die Seele der Praxis, seine Ehefrau hat sich die Patientenveranstaltungen (manchmal geht es auch um Implantate, aber diesmal nur ums Vergnügen) ausgedacht. Die Idee kam ihr, weil in den neuen Praxisräumen so ein schöner großer Raum war, der selten genutzt wurde und den sie mit Leben füllen wollte.

Beim Patienten-Nachmittag habe ich auch die Angst vor dem Alter abgelegt. Ich weiß jetzt nämlich, wie meine Tage ab 65 (oder 67) aussehen werden: Party, Party, Kuchen, Kaffee und Konfetti. Elvis singt, ich esse noch einen Kuchen und weiß meine Zähne (das Gebiss?) in guten Händen. Auch wenn ich verdammt wenig Zeit für einen Zahnarzt-Termin haben werde.

Silvia Meixner ist Journalistin und Herausgeberin von www.good-stories.de


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Kategorie(n): Kultur