02.11.2012   10:36

„Gibt noch 60er!“ Chronik eines Klimaverbrechens

Neulich rief ein Fremder an, um sich für einen Leserbrief zu bedanken, den ich an mein Lokalblatt, die NEZ, geschickt hatte. Der Brief betraf einen Windkraftindustrie-Lobbyisten aus der norddeutschen Küstenstadt Cuxhaven, der sich tatsächlich nicht entblödet hatte, noch im Oktober 2012 die betagte Franz Alt-Leier zu drehen, nach der Wind und Sonne uns „keine Rechnung stellen“. Mein Anrufer gestand mir, er sei Lehrer und könne als solcher sein Unbehagen über die geplante Energiewende nicht öffentlich artikulieren. Irgendwie verständlich. Auch ich würde mich ungern in einem deutschen Lehrerkollegium outen, wo Grünrot-Sympathisanten mit angewachsenem GEW-Ausweis Stimmung gegen “Weltzerstörer” machen. Der Lehrer befindet sich also gewissermaßen im inneren Widerstand. Sein Deckungsbedürfnis ist umso verständlicher, da im so genannten Cuxland auch - sogar besonders – die CDU-Politiker von Windrädern gar nicht genug kriegen können.

Der Lehrer wollte dann noch wissen, wie ich zu Energiesparlampen stünde. Die seien meines Wissens energiespartechnisch Blödsinn, reine Abzocke und außerdem für Erzeuger und Verbraucher nicht ungefährlich, sagte ich, das habe sich mittlerweile sogar bis in die ARD rumgesprochen. Der Anrufer hatte was auf dem Herzen, ich spürte das. Wie jemand, der ein entsetzliches Verbrechen begangen hat und es mit jemandem teilen muss, weil der Druck sonst zu stark wird. Schließlich rückte er damit raus:

Es gibt noch welche!

Ich: Was denn? Er: 60-Watt-Birnen, die alten! Bei „Jawoll“ in Cuxhaven! Jetzt flüsterte er fast: Habe mir da gerade 20 Stück besorgt. 45 Cent pro Birne!

Ob unser Gespräch abgehört wurde? Vielleicht von einem Pimpf der „Grünen Jugend“, welcher den Pauker längst auf dem Kieker hatte und irgendwie seine Telefonleitung angezapft hatte? Heutzutage ist ja vieles möglich. Aber das war nun das Risiko des Lehrers, oder? Ich jedenfalls beschloss, seinen Tipp zu nutzen. Vor dem nächsten Einkauf auf dem Cuxhavener Fischmarkt machte ich einen Umweg zu Jawoll.

Das Navi führte mich zu einem Restepostenmarkt an einer Sackgasse. Die liegt in einem der ödesten Ramschlädengebiete der ohnedies nicht sehr anheimelnden Stadt Cuxhaven. Bei Jawoll kaufen nur Menschen, die es nicht dicke haben. Alles war schrecklich verwoddelt und undurchschaubar aufgestellt. Ich kam mir vor wie in „1984“, wo Winston Smith in einem Antiquariat im Viertel der „Proles“ – anscheinend das letzte von Big Brother noch nicht kontrollierte Gebiet – nach guten alten Dingen stöbert. Wenn man so will, ein Vorläufer der Manufactum-Kundschaft.

Ich wagte nicht, einen Angestellten nach „diesen Birnen“ zu fragen. Womöglich war das Ganze eine Falle? Konnte ich dem angeblichen Lehrer überhaupt trauen? Vielleicht waren um das Birnenregal als Jawoll-Kunden getarnte Klimaschützer postiert, die mich mit dem Handy fotografieren und meinen Einkauf unter dem Suchwort „Energiesau+Röhl“ auf YouTube stellen würden? Hatte sich nicht auch das Antiquariat in „1984“ letztlich als Agentur des Großen Bruders entpuppt?

Verstohlen blickte ich mich um. Der Laden war nicht sehr voll. Die meisten Kunden waren weiblich und etwas übergewichtig. In einer Abteilung mit vorweihnachtlichen Dekowaren diskutierte ein kurzer Südländer mit seiner deutlich größeren Kopftuch-Gattin offenbar darüber, mit welchen preiswerten Lichterketten sie ihr Heim saisonal verschönern könnten. Keine Gefahr, von diesen beiden! Und schon, wie durch ein Wunder, stand ich vor einem Grabbelkorb. Darin lagen noch 17 Glühlampen der alten Schule, freilich „zu scheußlichen Klumpen geballt“ (Schiller). 60-Watt-Birnen,  leider klar, nicht matt, für sensationelle 45 Cent pro Stück.

Welche Trouvaille! Der dissidente Lehrer hatte Wort gehalten.

Verpackungsmäßig waren die Birnen in einem desolaten Zustand. Sie stammten, wie die kyrillische Beschriftung zusammen mit einem kleinen Aufdruck in einer mir verständlichen Sprache verriet, aus Bulgarien. Lagen teils blank, teils in spackigen, geöffneten Kleinkartons einfach so da. Wie eine Mahnung an alle Energieverbrecher: Da landet ihr, wenn euch die Welt wurscht ist!  Bei Jawoll!

Ich raffte alle 17 Birnen und den Verpackungsmüll zusammen und hastete zur Kasse. Der Kassierer schien mich mitleidig anzusehen. Er zählte kurz durch und drückte auf die Taste: 7, 65 €. Selbst für Jawoll-Kunden sind das Peanuts.

Mein Auto hatte ich vorsichtshalber in gehöriger Entfernung geparkt, zufällig vor einer „dm“-Filiale des politisch-korrekten Ramschladen-Königs Götz Werner (Gründer der Initiative „Unternimm die Zukunft“). Birnen eingeladen, Wagen angeschmissen, nichts wie weg! Erst in Otterndorf, gut 20 Kilometer weiter, konnte ich mich etwas entspannen. Geschafft!

Ob da noch was nachkommt? Man kann nie wissen… Aber erstmal bin ich für ein Jahr auf der sicheren Seite, glühbirnenmäßig. Jawoll.

 


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Kategorie(n): Bunte Welt