31.10.2012   22:47

Der Untergang der Bounty

In der unglaublichen Fülle von Nachrichten über den Hurrikan Sandy war es eine Meldung am Rande: Der Nachbau des berühmten Dreimasters „Bounty“ ist in dem Wirbelsturm vor der US-amerikanischen Ostküste untergegangen. Ach ja, der großartige Film über die Meuterei, werden manche gedacht haben, die die Nachricht inmitten der überbordenden Katastrophenberichterstattung zur Kenntnis nahmen. Eine Matrosin kam dabei um, und wohl auch der Kapitän.

Der Kapitän, nein, das war nicht jener grausame Käpt’n Bligh, den gab es ja nur im Film. Für den großartigen Streifen mit Marlon Brando und Trevor Howard war das jetzt gesunkene Schiff damals, 1961/62 gebaut worden. Alles also nur Kino und das Schiff nichts als eine alte Filmkulisse? Keineswegs, und deshalb ist man jetzt über den Verlust des Schiffes auch ganz besonders traurig, ja geschockt in einem ganz besonderen staatlichen Gemeinwesen, womöglich dem kleinsten der ganzen Welt, dem skurrilsten auf jeden Fall: Die kleinste britische Kolonie ist es, die letzte im Pazifik, die am schwersten zu erreichende und deshalb auch am seltensten besuchte. Ich bin froh, dass ich mich zu den ganz wenigen glücklichen Journalisten zählen darf, die es je dorthin, auf diese viereinhalb Quadratkilometer kleine Insel geschafft haben und auch gleich mehrere Wochen bleiben konnten.

Wir alle kennen den stereotypen Ausgang in Grimms Märchen: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“. Man könnte die Floskel auch auf die Meuterer der Bounty anwenden. Die Nachfahren der Meuterer nämlich leben sehr wohl noch, Christians, Youngs und wie sie alle hießen, und märchenhaft ist ihre Familiengeschichte allemal. Knapp 50 von ihnen wohnen auf Pitcairn, jenem Eiland südöstlich von Tahiti und alles andere als ein flaches, so wenig lebenswichtiges bietendes Atoll wie die meisten anderen Inseln der Region. Sondern eine hoch aufragende Felseninsel mit einem kleinen Dorf als Hauptstadt und fruchtbaren Gärten und Feldern, äußerlich ein wenig erinnernd an jene „Felsenburg“ aus Johann Gottfried Schnabels gleichnamigem Roman.

„Ein Schock“ war die Nachricht über den Untergang der Bounty für alle Pitcairner und auch alle Mitglieder Internet-Chatclubs „Friends of Pitcairn“, eine „niederschmetternde Nachricht“, schreibt Herbert Ford, Chef des „Pitcairn Study Center“ (PSC) in Angwin, Kalifornien. War doch das Filmschiff über ein halbes Jahrhundert auch ein Bezugspunkt ihrer Geschichte. 50 Meter vor der Landestelle der Insel (einen richtigen Hafen oder gar einen Flughafen gibt es nicht) liegt auch eine Bounty, einige Reste jedenfalls von ihr. Von jener originalen Bounty, auf der am 28. April 1789 bei Tofua im Tonga-Archipel tatsächlich die berühmteste Meuterei der Seefahrtgeschichte stattfand, als Fletcher Christian den Säbel erhob gegen Käpt’n Bligh, den er mit 20 Getreuen in einem Boot aussetzte – und der dann das Unmögliche schaffte, nämlich in der offenen, rettungslos überfüllten Schaluppe 7000 Kilometer bis nach Timor zu segeln, zu rudern, zu hungern und zu dürsten, in der Sonne zu brennen, Kämpfe mit Menschenfressern eingeschlossen.

Ich war 1990 auf der Insel, zum 200. Jahrestag der Ankunft der Meuterer und der damit vollzogenen Besiedlung des Felsens, ihres Verstecks, auf das sie zufällig gestoßen waren. Für jeden, der nicht selbst über ein hochseetüchtiges Schiff verfügt schwerer zu erreichen als jedes Yanomami-Dorf im Amazonas-Dschungel, ist Pitcairn doch bewohnt von westlich geprägten Menschen, die heute die meisten Errungenschaften der Zivilisation genießen, TV, Tiefkühltruhe ud so weiter. Nur das Reisen ist eben schwer für sie.

Zu den größten Vergnügen meines Aufenthaltes gehörte es, die Videos der Bountyfilme gemeinsam mit den Nachfahren anzuschauen. Vier von insgesamt fünf (der erste aus dem Jahr 1916 gilt weltweit als verschollen) hatte fast jede Familie im Regal stehen. Ich wohnte damals bei Tom Christian, genauso wie seine Frau Betty Christian Urururenkel von Fletcher Christian.

Der auf der Bounty-Replika gedrehte mit Marlon Brando von 1962 ist womöglich der auf Pitcairn am häufigsten in den Recorder geschobene Meuterer-Film, Bettys Lieblingsfilm ist es nicht. „Der mit Mel Gibson von 1979, der vor allem den Prozess gegen die Meuterer zeigt, ist wahrscheinlich der beste, aber ich mag Clarke Gable so gern“, sagte sie, Gable spielte ihren Urururgroßvater im ersten Filmklassiker von 1935 (mit Charles Laughton als Käpt’n Bligh). An der Version mit Marlon Brando hat sie auch etwas auszusetzen: „Es war schon entäuschend, dass Fletcher in dem Film am Strand gestorben ist. Wir haben gar keinen Strand hier. Und wenn er so schnell gestorben wäre, dann hätte es keine Nachfahren von ihm gegeben. Uns auch nicht, haha.“

Pitcairn ist eine recht religiöse Gemeinde, ein Verbrechen wie eine Meuterei würde Tom Christian heute nicht gut heißen. Einige der Spießgesellen seines Urahnen konnten die Häscher seiner Majestät damals aufspüren, weil sie es vorgezogen hatten, auf Tahiti zu bleiben, statt mit Fletcher Christian und acht anderen Meuterern (sowie sechs Tahitiern und zwölf Tahitierinnen) nach Pitcairn zu segeln – eine Insel, auf die Fletcher zufällig stieß, weil sie auf Seekarten völlig falsch eingezeichnet war.

Drei der Meuterer wurden gehenkt. Waren sie für Tom Helden? „Ich weiß nicht“, sagte er, „schließlich haben sie das Gesetz gebrochen“. Und dass drei zum Tode verurteilt wurden? „Ich denke, sie waren sich über die Strafe für Meuterei im Klaren: Tod durch den Strang für die aktiven Meuterer. Aber Käpt’n Bligh wollte sie alle hängen sehen, auch diejenigen, die gar nicht mitgemeutert hatten. Einige wollten Bligh ja im Boot begleiten, aber das war schon voll.“ Sei Vorfahr, der Anführer, hätte jedenfalls keine Gnade erwarten können, wenn man ihn erwischt hätte – aber er fand ja Pitcairn als Versteck. Tom resümiert: „Tja, die Meuterei fand statt, und so sind wir heute hier.“

Gern klettert er heute oben auf den Gipfel der Insel in eine große Höhle, wo auch sein Urururgroßvater, ein Mann aus besserem Hause eigentlich, immer wieder saß und über die Wendungen seines Lebens nachdachte. Auch ich saß einmal mit Tom dort oben, und wir malten uns aus, wie es wäre, wenn wir dort hinten, am Horizont jetzt die Bounty heransegeln sehen würde. Bis zum Beginn dieser Woche wäre es theoretisch möglich gewesen, da gab es sie noch, die „Bounty II“, wie manche sie nannten. Jetzt ist der Traum aus, für Tom. Und für mich die Hoffnung, einmal den Nachbau der Bounty noch besteigen zu können. Es wäre die Abrundung meines Besuches vor 22 Jahren auf Pitcairn gewesen.

Überall und nirgends waren die restlichen Meuterer damals, nach 1790, gesehen worden, nachdem das britische Schiff Pandora die Unglücklichen auf Tahiti aufgespürt und – nach einem Schiffbruch zwischendurch – heimgebracht hatte: In nord- und südamerikanischen Hafenspelunken, auf abgelegen Inseln in südostasiatischen Archipelen, oder auch schon mal beim Einkauf in London, die Gerüchte über die meistgesuchten Verbrecher damals waberten. Tatsächlich schlachteten sie und die tahitischen Männer sich derweil auf Pitcairn gegenseitig ab, unbehelligt von der Außenwelt und ohne Fluchtmöglichkeit, nachdem sie ihre Bounty kurz nach ihrer Ankunft verbrannt hatten, damit die hohen Masten keine vorbeifahrenden Seefahrer misstrauisch machen würde. Einige Reste liegen heute vor Pitcairn in der „Bounty-Bay“ auf Grund. Schiffsbibel und Anker sind gerettet und oben im Dorf zu besichtigen.

Erst 1808, 18 Jahre nach der Meuterei und der anschließenden Besiedlung Pitcairns, stieß zufällig das amerikanische Walfangschiff „Topaz“ auf Pitcairn, und traf auf den einzigen überlebenden Meuterer, John Adams, der als grau und tief religiös gewordener Patriarch mit den tahitischen Frauen dort lebte – und mit einer ganzen Schar von Kindern, die die Meuterer noch vor ihrem Massaker gezeugt hatten. Der Kapitän der Topaz, Mayhew Folger, traute seinen Augen und Ohren nicht, als sich bei seinem Besuch langsam herausschälte, auf wen er da getroffen war. Nach John Adams heißt auch das Dörfchen oben auf der Insel, mit Schule, Kirche, Postamt und Bibliothek – sicher die kleinste Hauptstadt der Welt. 

Auch wenn es für sie alle eine Unrechtstat war, die man nicht gut heißen konnte. Viele Bewohner, mit denen ich damals sprach, waren stolz auf ihre Vorfahren. Meralda Warren zu Beispiel, die jede Menge Balladen auch über die Bounty komponierte und bei all ihrer polynesischen Leibesfülle mit eindrucksvoll hoher Stimme zur Gitarre vortrug („I have the blood of the mutineers“). „Ich bin stolz, weil ich hier bin“, sagte sie.

Meralda war auch bei einer „Pitcairn-Konferenz“, die 2006 in St. Petersburg in Florida stattfand. Als eine von drei Pitcairnern neben vielen Dutzend Freunden der Insel und vor allem ehemaligen Bewohnern, die heute in Australien, Neuseeland oder Amerika wohnen. Nur wenige Meter vom Konferenzort lag damals die Film-Bounty am Kai vertäut, in ihrem Heimathafen. „Einen großen Teil der Konferenzzeit waren wir damals auf dem Schiff“, sagt Herb Ford heute, „zur Besichtigung, für Partys und so weiter.“ Die Bounty, Marlon Brandos Bounty, war die Attraktion, Dreh- und Angelpunkt der Tagung. Sie gehörte seither zu Pitcairn, obwohl sie fern davon zu Hause war.

Vor sechs Jahren wie auch heute war und ist es immer noch schwer, von der Insel abzureisen oder zu ihr hinzufahren, jedenfalls wenn man auf einen verlässlichen Rückreise-Zeitpunkt angewiesen ist. Weshalb auch nur drei Pitcairner auf der Konferenz waren. Nur alle drei oder vier Monate – wenn überhaupt ­- hält ein Versorgungsschiff ein paar Meilen draußen auf Reede, ein Frachter einer Schifffahrtslinie, die den Auftrag hat, auf halber Strecke zwischen Neuseeland und dem Panamakanal (jeweils siebentausend Kilometer entfernt) einen Zwischenstopp einzulegen, um Vorräte, Baumaterialien und Pitcairner auf Reisen in eines ihrer „Longboats“ umzuladen und an Land zu schaffen (oder zum Schiff zu bringen). Meist sind auch ein paar Passagiere an Bord, sodass die Insulaner hinausfahren, um geschnitzte Bounty-Modelle, Obst oder Pitcairn-Briefmarken an den Mann zu bringen. Ansonsten leben sie vor allem von ihren Gärten und von karger Unterstützung durch die britische Regierung.

Ist der Seegang zu hoch, können keine Landungsboote herauskommen und der Frachter fährt ohne Stopp weiter. Nächste Chance für neue Vorräte: In drei oder vier Monaten. Ab und zu bekommen die Pitcairner aber auch Besuch von vorbeifahrenden Seglern, mal Einhandsegler, mal in größerer Mannschaftsstärke. Dann werden sie sofort zum Kricket aufgefordert von den Insulanern. Bislang haben die noch immer gewonnen, zur Not mithilfe eigenwilliger Regelauslegung.

Immer wieder wird auf der Insel die Anlage einer Landepiste diskutiert, bis heute haben die Gegner die Oberhand behalten. Die Topografie der Felseninsel ließe auch nur eine kurze Bahn zu, die für die weiten Strecken zur nächsten Insel ungenügend wären. Außerdem hatten und haben viele Angst vor zu vielen Touristen. Weshalb einige auch dagegen sind: Platz wäre zwischen all den felsigen Hügeln allein dort, wo jetzt der Kricketplatz ist, und den wollen sie nun gar nicht aufgeben.

Immerhin, seit acht Jahren haben die Insulaner wenigstens eine Internetverbindung und können so auch in die Außenwelt telefonieren. Vorher war die einzige Verbindung dorthin die Kurzwellenstation oben auf dem Berg, neben ein paar Privatsendern in den Einfamilienhäusern.

Vieles Skurriles ließe sich noch sagen über Pitcairn, auch unangenehmes, wie etwa den Prozess, der vor fünf Jahren zu ende ging, als britische Beamte und von London beauftragte Juristen aus Neuseeland auf die Insel kamen, um gegen sechs Insulaner wegen sexueller Nötigung in Dutzenden Fällen zu ermitteln und Urteile auszusprechen. Eigens wurde dafür ein neues Gefängnis gebaut, das jetzt, nachdem die letzten wieder freigelassen wurden Gästehaus ist, weil Jacqui, die Tochter von Tom und Christian einen Service anbietet: Alle drei Monate fährt ein Segelschiff nach Mangareva, der nächsten Insel, und holt dort Touristen für einen Zehntage-Aufenthalt ab. Immer dann, wenn die Longboats aus dem Schuppen unten am Landeplatz geholt werden mussten, um mit ihnen zu den Dampfern draußen auf Reede zu fahren, mussten die Einsitzenden damals sowieso aus der Zelle entlassen werden, weil sonst die Männer für die Aktion gefehlt hätten.

Die Prozesse waren ein Einschnitt in der Inselgeschichte, die Gesellschaft war zwischendurch tief gespalten, auch viele Frauen waren gegen den Prozess, hätten die Angelegenheit lieber auf der Insel selbst geregelt. Jetzt ist immer ein externer, britischer Polizist auf Pitcairn (vorher war zuletzt Meralda, die Inselbardin, die Ordnungshüterin). Der Prozess hat auch die Infrastruktur verbessert, Internet wurde damals deshalb eingeführt, damit der Prozess per Videoschaltung gleichzeitig in Pitcairn, London und Auckland verfolgt werden konnte. Pitcairn ist – elektronisch jedenfalls – seither nicht mehr so isoliert.

Das Leben geht weiter. Klatsch und Tratsch spielen wieder die Hauptrolle, nachzulesen auch in der Inselzeitung „Pitcairn Miscellany“. Letztlich, das behaupte ich jetzt mal einfach so, passiert heute nicht viel anderes als zwischen 1997 und 2004, als ich für die Zeitschrift „mare“ die interessantesten Begebenheiten, Schmonzetten, Klatschgeschichten und hochpolitischen Entscheidungen des Inselrates und des Bürgermeisters zusammengetragen habe, zu einer Pitcairn-Kolumne mit dem Titel „25° 04’ Süd, 130° 06’ West“. Nachzulesen (zum größten Teil und chronoligisch etwas ungeordnet) hier.

Zuerst erschienen in Ulli Kulkes Blog bei der WELT


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