25.10.2012   15:44

Ein Freibier für die Energiewende!

Eine „Energiewende- und Baustellenparty“ klingt lustig. Also auf nach Ulrichstein, zum Fassanstich! Dort, „Auf der Platte“ ist vor fast 20 Jahren Hessens erster Bürgerwindpark gegründet worden. Mittlerweile hat der Zahn der Zeit ein „Repowering“ erforderlich gemacht. An die Stelle von 13 technisch veralteten Anlagen werden sieben neue treten, Riesen von 138 Metern Nabenhöhe, die das Fünffache liefern sollen – und das muss gefeiert werden. Vielleicht feiert manch einer auch, dass nun sechs weniger in der Landschaft stehen und dass man die Giganten offenbar wieder abbauen kann. Denn womöglich entpuppen sich die Betonmassen als ein weiterer Irrtum der Geschichte. Oder der Politik.

Von hier oben ist der Ausblick atemberaubend. Der Vogelsberg, Naturschutzgebiet um einen alten Vulkan, leuchtet in der Abendsonne. Bewaldete Höhen, eine menschenleere Idylle, wären da nicht die Windräder am Horizont, um die 200 bislang. Sie bestimmen mittlerweile die Skyline, es gibt kaum einen Ort, von dem aus sie einem nicht entgegenspitzen, die Spargel mit ihren träge kreisenden Rotorblätter. Und kaum hat man mal eine Weile nicht hingeschaut, gibt es schon wieder neue.
Der Vogelsberg – das ist Oberhessen, nahe an Thüringen, nahe also an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Keine von Sonne, Wärme und Kulinarik beglückte Landschaft. Klima und Bevölkerung verbieten viele der bukolischen Vergnügungen, die der Süden Hessens zu bieten hat: kein Wein, wenig Gesang. Hier herrscht Viehwirtschaft, nachdem es mit dem Bergbau vorbei ist. Und wenn gefeiert wird, dann das Kartoffelfest. Oder das Backhausfest, bei dem es Schmierschel- oder Salzekuchen gibt. Oder das Mähdrescher-Blinklichtfest. Immerhin veranstaltet die Dorfjugend BuMs-Partys, die nicht das sind, wonach sie klingen. Aber ansonsten tanzt hier die tote Hose. Eine arme Gegend, eine großartige Landschaft. Ideal für den Schwarzstorch und den roten Milan. Und für das Rehkitz.
Das Rehkitz ist irgendwie der Star des Abends, direkt nach Bier und Worscht. Die OVAG, der oberhessische Energieversorger, wirbt mit einem rührenden Bild, auf dem ein blondes Pferdeschwanzmädchen Nase an Nase mit einem niedlichen Bambi zu sehen ist, flankiert von einem Storch. Denn was erzeugt ein modernes Energieunternehmen heutzutage? Nicht nur Wärme und Strom, nein: Zukunft. Und das alles ist gut für die Natur.

Der Vogelsberg soll zur Musterregion werden, soll Ökonomie und Ökologie verbinden, Arbeitsplätze schaffen, die Natur schützen und die Energiewende vollziehen. So steht es in einer Broschüre, die eine „Klimaschutz- und Energieagentur Mittelhessen e. V.“ vertreibt. Der Fotograf, der für das traumschöne Titelbild zuständig war, dürfte lange gesucht haben, um ausgerechnet die Perspektive zu finden, von der aus keine Windanlage zu sehen ist.
Arbeitsplätze kann man hier brauchen. Die Landwirtschaft lohnt sich schon lange nicht mehr. Viele Nachbarn pendeln nach Gießen oder nach Frankfurt. Die anderen haben die Milchkühe gegen Schweinemastanlagen getauscht, die können den Mais gebrauchen, der hier mittlerweile überwiegend angebaut wird. Den Rest frisst die Biogasanlage: in Unterseibertenrod steht eine. In Atzenhain. Jede braucht mindestens 80 ha Mais und Grünschnitt, ein gigantischer Flächenverbrauch. Dann lieber Windkraft, sagt der Bürgermeister von Mücke, Matthias Weitzel. Die schafft Arbeitsplätze, jedenfalls ein paar: für die Wartung.
Von Photovoltaik hält er nichts, auch, weil die Sonnenausbeute in dieser Region nicht sonderlich groß ist. Und doch gibt es reichlich Sonnenkollektoren auf den Scheunendächern. Nicht wegen der Sonne, sondern wegen der hochsubventionierten Einspeisevergütung. Rechnen können sie, die Vogelsberger. Und nur Menschen mit Neidkomplex würden ihren Nachbarn vorhalten, dass er auf ihre Kosten die Volksrepublik China unterstützt.
Bedenkentragende Menschen mögen fragen, ob sich vielleicht auch die Windkraft nur lohnt, solange sie subventioniert wird. Und was ist mit dem Tourismus, hier, in einem der schönsten Naturschutzgebiete Deutschlands?
Mal ehrlich: Tourismus gibt’s hier nicht. Weder mit noch ohne verspargelter Skyline.

Windkraft, sagt Matthias Weitzel, gehört in kommunale Hand, damit auch die Gemeinde etwas davon hat und nicht windige Investoren das Geschäft machen - „mindestens einmal die Woche“ rufe jemand aus Hamburg oder sonstwo an und wolle ins Geschäft einsteigen. Sollen also die Gemeinden vom Boom profitieren. Aber wie? Die Rotoren müssen dort gebaut werden, wo sie effizient sind, nicht, wo der Grund und Boden den Gemeinden gehört.
Und wieso boomt es hier überhaupt? Der Vogelsberg ist nicht unbedingt die Gegend Hessens, in der der Wind am ertragreichsten weht. Der Taunus ist entschieden ergiebiger. Die Rhön ebenfalls. Oder der Lahn-Dill-Kreis. Warum also gibt es Menschen, die den Vogelsberg gleich mit 1600 Riesenrotoren vollstellen wollen? Weil hier nur 110 000 Menschen wohnen?
Als der Landrat noch Rudolf Marx von der CDU hieß, ging es wesentlich zurückhaltender zu. Marx legte schon mal 17 Anlagen gleichen Typs still, als in Kirtorf ein Mast umknickte. Doch seit Juni 2012, mit Landrat Manfred Görig von der SPD, geht es in Riesenschritten voran. Oberhessen ist vorn: Im Vogelsberg stehen bereits heute 73 % der allein im Regierungsbezirk Mittelhessen installierten Anlagen, hier wird ein Drittel der hessischen Windenergie produziert.
Warum hier? Warum nicht im Taunus? Im Taunus gibt es Leute, die sind reich an Geld oder Einfluss. „Die Menschen im Vogelsberg werden vergessen“, sagt Anneliese Brunn, für die CDU Mitglied in der Gemeindevertretung Mücke. Es sind ja nur so wenige.

Wer Pacht von den Anlagenbetreibern kassiert, kann sich zurücklehnen. So 30 000 Euro pro Anlage oder mehr ist eine schöne Sache für Landwirte, die sich mit Viehwirtschaft auf Feldern und Wiesen krumm und bucklig gearbeitet und kaum was damit verdient haben. Doch deren Interessen sind nicht unbedingt die ihrer Nachbarn, die mit einem Wertverlust ihrer Wohnimmobilien rechnen müssen. Die Betreiberin von „Schattengrenze“ in Elbenrod (ca. 400 Einwohner) fürchtet sich vor dem langen Schatten, den die Großanlagen werfen, vor Disco-Effekt und Nachtbefeuerung. Aber ist Windkraft nicht immer noch besser als Atomkraft? Gewiss, doch auch in Burkhards bei Schotten etwa, wo der Schauspieler Edgar M. Böhlke lebt, ist man wenig begeistert. Die Bürgerinitiative „Gegenwind Vogelsberg“ fürchtet die „Goldgräberstimmung“, die einige Windkraftbefürworter in hektische Eile versetzt habe. Der Ortsvorsteher von Betzenrod (um die 650 Einwohner) fordert erstmal eine Wirtschaftlichkeitsberechnung. Auch die BI „Schöner Ausblick“ bei Alsfeld beklagt das „Schönrechnen“ der Projektemacher.
Denn wer weiß, ob sich die Investition in Windkraft auch nach dem Auslaufen der staatlichen Anreize in 15 Jahren noch lohnt. Die europäische Energiekommission jedenfalls will die Subventionierung auch gegen Deutschlands Widerstand beenden. Und dann? Wie baut man die riesigen Stahlbetonmassen zurück, auf denen die Windgiganten stehen?

Und dann ist da noch was. Die Fauna. Nicht nur das Rehkitz, sondern auch der Schwarzstorch und die Bechsteinfledermaus. Und vor allem: Was hält der Rotmilan von alledem? Der Rotmilan, auch Gabelweihe genannt, ist ein seltenes Tier, das sich im einsamen Vogelsberg wohlfühlt. Bislang jedenfalls. Doch 82 % der für Windkraft geeigneten Flächen liegen im Wald, dort, wo der Rotmilan jagt. Was tun?
Joachim Wierlemann ist Vogelschutzbeauftragter von Biebertal-Frankenbach und als solcher für den „Schutz von ökologisch wertvollen Biotopen“ zuständig. Zugleich ist er Landesvorstand Hessen des BWE, des Bundes Windenergie, also ein Lobbyist. Aber auch das dient ja nur der Natur und dem Klima, sagt er jedenfalls. Von 10 000 Rotmilanbrutpaaren, rechnet er vor, sind in den letzten 15 Jahren nur 9 tot gefunden worden. Und das Schwarzstorchvorkommen im Vogelsberg, das größte überhaupt, habe sich prächtig entwickelt – im Einklang und im Takt mit den Windkraftanlagen.
Auch Bürgermeister Weitzel hat noch nie einen toten Vogel unter einer Windkraftanlage liegen sehen. Und im übrigen sind ihm die Interessen der Menschen hier wichtiger. Schließlich ist kaum eine technische Großanlage für ihre Schönheit bekannt. Und sollte man vielleicht eine Mauer um unseren Vulkan ziehen und ein Pumpspeicherwerk draus machen? Na also.
Wie es den Zugvögeln ergeht, die Jahr um Jahr über ein Gebiet ziehen, das von immer mehr und immer höheren Rotoren verstellt wird, weiß noch niemand zu sagen. Bei 1 600 Windsammlern wären 2 tote Vögel pro Jahr jedenfalls eine bedrohliche Strecke.

Dass die sogenannte Energiewende weder durchgerechnet noch zuendegedacht ist, weiß hier jeder. Die Bundesbürger finden Windkraft toll, mögen aber keine Überlandleitungen. Und natürlich auch keine Gas- und Kohlekraftwerke, für die Grundlast. Doch die sind sowieso nicht mehr rentabel, weil die „grüne“ Energie vorrangig eingespeist werden muss. Das bedeutet, dass konventionelle Kraftwerke je nach alternativer Ausbeute rauf- und runtergefahren werden müssen, also zu 40 % nicht ausgelastet und daher nicht mehr rentabel sind. Seine Rolle als Exporteuer von Grundlaststrom hat Deutschland längst verloren. Dafür missbraucht man die Stromnetze der anderen als Abladeplatz für wetterbedingte Stromüberschüsse, was dort auch nicht gern gesehen wird.
Deutschland, dem Europa so am Herzen liegt, dass seine Regierung den Euro retten will, koste es, was es wolle, handelt mit seiner Energiepolitik alles andere als europäisch.
Doch was geht uns das an? Ein echter Vogelsberger Sturkopf denkt sich sein Teil. Wenn sich in 15 Jahren erweisen sollte, dass die Windkraftanlagen nicht rentabel sind, muss eben rückgebaut werden. Den Sockel schüttet man zu und gut ist. Pech für die Investoren. Vielleicht auch für den Rotmilan, mal sehen. Bis dahin: mitnehmen, was man kriegen kann. Wir hier im Vogelsberg haben schließlich das Problem nicht erfunden, sondern vorgefunden.

Baustellenparty in Ober-Ohmen (790 Einwohner). Derzeit könnte man an jedem Wochenende eine neue Windkraftanlage feiern im Vogelsberg, so eifrig wird hier gebaut. Der Standort für die Windfänger liegt nicht sehr hoch, dennoch drehen sich die Dinger – übrigens ohne große Geräuschentwicklung. Fast könnte man sich an sie gewöhnen.
Die Laune ist jedenfalls gut. Die mit schlechter sind gar nicht erst gekommen. Den Rest besorgt das Freibier.

Die Welt, 24. 10. 2012, Siehe auch BLogisch.


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Kategorie(n): Inland  Klima-Debatte