Michael Miersch30.08.2012 21:25
Ein Schwabinger Monolog (11. Teil)
Ich habe mal zusammengeschrieben, welche Weltanschauung seit Jahren auf Partys, in Kneipen und bei Zusammenkünften aller Art an meine Ohren schwappt. Die anderen Folgen des Schwabinger Monologs finden Sie, indem Sie in der Steuerungsleiste links auf meinen Namen klicken.
„…Es war doch schon immer so: Der Terrorist des einen ist der Freiheitskämpfer des anderen. Aber die Welt lässt sich nicht einfach in Gut und Böse einteilen. Wir im Westen betrachten Osama bin Laden als Terroristen. Aus unserem europäischen oder amerikanischen Horizont kommt uns gar keine andere Definition in den Sinn. Dabei übersehen wir, dass Millionen Menschen eine andere Meinung über diesen Mann haben. Er hat die Allmacht Amerikas herausgefordert, das überall seine Finger im Spiel hat, Völker ausbeutet, gigantische Summen über den Globus bewegt, aber die Menschen in Afrika verhungern lässt. Dass manche in Osama bin Laden darum einen Freiheitskämpfer erblicken, ist aus deren Sicht nachvollziehbar. Für viele Unterdrückte und Ausgebeutete war es ein Triumph, dass die Türme des Finanzkapitals einstürzen.
Der Mann hat dem Islam neuen Respekt verschafft, das muss man auch mal sehen. Er wusste, nur durch eine große Tat kann man sich global Gehör verschaffen. Ihn deswegen aber nur auf die gewalttätige Seite seines Charakters zu reduzieren, wäre verkürzt und arrogant. Der Islam ist vielschichtig. „Den“ Islam gibt es gar nicht.
Aber so sind die Amerikaner. Schicken einfach ihre Killer hin und erschießen einen unbewaffneten Mann vor den Augen seiner Familie. Ohne Prozess. Wahrscheinlich wusste er zuviel und hätte ausgepackt, wer wirklich hinter dem 11. September steckt. Nachdenklich macht es mich schon, dass die Attentäter damals einfach so durch die Sicherheitskontrollen kommen konnten.
Che Guevara wird weltweit als Freiheitskämpfer verehrt. Noch heute inspiriert er die Unterdrückten dieser Welt. Sein Konterfei ist ein Symbol des Widerstandes geworden. Aber Che Guevara war auch kein Lämmchen. Er kämpfte mit der Kalaschnikow in der Hand und führte seine Guerillaarmee zum Sieg. Das war kein Kaffeekränzchen. Ist er deshalb ein Terrorist? Wohl kaum. Es kommt auch auf die Motive an. Und Che Guevara hatte das Gute vor Augen. Er wollte die Ausplünderung Lateinamerikas durch die Yankees beenden.
Auch Osama bin Laden hatte eine Vision. Er träumte von einer anderen Gesellschaft, in der nicht mehr das Geld herrscht, sondern andere Werte. Er träumte von einer Welt des Glaubens und der Spiritualität. Wenn man ihn auf diese Weise betrachtet, fällt auf, wie willkürlich unsere Zuschreibungen sind. Man sollte die lieb gewonnenen Klischees von Zeit zu Zeit zu hinterfragen.
Überhaupt dieses Freund-Feind-Denken. Das ist doch von vorgestern. In der Bibel steht, man soll seine Feinde lieben. Das ist eine universelle Wahrheit. Ich halte mich auch daran, obwohl ich nicht in der Kirche bin. Aber vor Margot Käßmann habe ich Respekt. Das ist eine, die Zeichen setzt, eine, die Mut hat. Wie gesagt, ich bin der Letzte, der die Kirche verteidigen will, aber dass Frau Käßmann sich hinstellt und sagt, ich will mit den Taliban reden, dazu gehört viel Mut. Ein Feind ist ein Mensch, dessen Geschichte wir noch nicht kennen. Die Taliban sind doch keine Monster. Kein Mensch ist ein Monster, nicht einmal die Banker. Die sind ganz gewöhnliche Wucherer, wie es sie seit eh und je gab. Radikale gibt es überall. Da brauchen wir uns bloß an die eigene Nase fassen. Was treibt die Taliban dazu an, sich zu wehren? Woher kommt ihre Wut? Wie verzweifelt müssen sie sein? Wie viel Angst steckt hinter ihrem erbitterten Widerstand? Aber auch, wie viel berechtigtes Misstrauen gegen die Heuchelei des Westens? Am Anfang einer terroristischen Karriere steht oft eine tiefe Kränkung. Die RAF-Leute waren ja ursprünglich verzweifelte Bürgerkinder, die erst durch die hysterische Reaktion des Staates so richtig ausgerastet sind.
Wer weiß denn, ob nicht manche Taliban Bauern waren, die von der westlichen Agroindustrie in die Armut gestoßen wurden. Armut ist die wahre Ursache des Terrorismus. Terrorismus ist die Waffe der Ohnmächtigen. Vielleicht wollen sie einfach nicht tatenlos zusehen, wie Hollywood uns McDonald’s ihre uralte Kultur zerstören? Es gibt genügend Fälle, wo traditionsreiche Kulturen vom US-Kulturimperialismus einfach verschluckt wurden. Ich möchte mal so fragen: Wer bitte waren denn wohl die ersten Terroristen? Mal was von den Kreuzzügen gehört?
Hinter jedem Taliban steht ein Schicksal. Das will im Westen niemand hören. Nur ganz wenige Menschen sind anders, wie Jürgen Todenhöfer und die mutige kleine Bischöfin. Die geben denen eine Stimme, denen sonst niemand zuhören will. Das sind Menschen, die wirklich an Jesus glauben, im besten Sinne. Wir brauchen weniger Spalter und mehr Dialogbereitschaft.
Nicht dass die Situationen eins zu eins zu vergleichen wären, aber gerade letzte Woche erzählte mir ein Bekannter, dass sein Sohn nicht mehr zur Schule will, weil er da gemobbt wird. Mobbing ist Seelenterror, da sollten wir uns nichts vormachen. Aber ich bin vom Thema abgekommen, Bischöfin Käßmann. Sie will es genauer wissen und mit den Taliban beten. Wer weiß, vielleicht werden sie sich ihr tatsächlich öffnen. Darüber sollte man sich nicht lustig machen. Den NATO-Rambos, die harmlose Hochzeitsfeste bombardieren, werden sie jedenfalls niemals die Hand reichen…“
Wird fortgesetzt
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Kategorie(n): Bunte Welt
