09.07.2012   00:35

Das Fahrrad als Waffe

Im Gespräch mit Dr. habil. Lutz Unterseher. Der passionierte Fußgänger ist ein international tätiger Militär- und Friedensforscher. Er diente der Untergrundarmee des African National Congress in Südafrika als Berater und Ausbilder. (Die damit verknüpften Straftaten sind verjährt.) Er beriet Parlamentsausschüsse in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Fragen der Streitkräftereform. 

Das Rad ist Synonym für Sport, Gesundheit, Umweltschutz – eine bessere Welt eben – und Du kommst mit Krieg daher!

Nun, wir erleben hierzulande leider den ausufernd zivilen Gebrauch des Rades, obschon es für den Krieg deutlich besser geeignet wäre: Im normalen Straßenverkehr bringt es viele Fußgänger an die Grenze des Todes oder gar darüber hinaus, was misslich ist – im Krieg hingegen ist genau das beabsichtigt. Ich selbst fahre deshalb Bahn und gehe zu Fuß. Das sind, auch im Gegensatz zum Auto, dem menschlichen Wahrnehmungs- und Reaktionsvermögen angemessene Fortbewegungsformen. Ich habe keinen Führerschein. (Der Führer hatte auch keinen.)

Im Krieg hingegen hat das Rad Vorteile, etwa dem Pferd gegenüber: Man kann es über Hindernisse tragen, es frisst kein Heu und braucht keinen Hufschmied. Letzterer findet sich ja nicht so leicht in den Tiefen des Urwaldes oder in irgendeinem staubigen Wüstenabschnitt. Ein wenig Flickzeug und einen Schraubenzieher kann jeder Kämpfer bequem bei sich führen. Gegenüber einem Auto befindet sich das Fahrrad ebenfalls klar im Vorteil: Schließlich bleibt ein Jeep immer ein Jeep, braucht Benzin, Öl sowie Ersatzteile und ist als solcher leicht zu entdecken. Ein Rad kann man dagegen einfach ins Gras werfen – und es verschwindet, ist für die feindlichen Truppen nicht mehr als Ziel auszumachen. Deshalb spielten Räder auch im Zweiten Weltkrieg eine große Rolle. Da Journalisten Jeeps und Panzer lieber mögen, gibt es von denen schlicht mehr Bilder. Effektiver und kostengünstiger waren jedoch die Räder: vor allem für Nachrichtenübermittlung, Erkundungstouren und taktischen Truppentransport.

In welchen Kriegen lag das Rad noch weit vorne?

Das Fahrrad wurde zum Beispiel als entscheidendes Mittel der Beweglichkeit von den burischen Aufständischen in Südafrika während ihres Kampfes gegen die Engländer eingesetzt. Der Kampf der Buren blieb letztlich zwar erfolglos, was allerdings nicht dem Rad anzukreiden ist. Das Mittel zum Erfolg war das Rad hingegen bei der japanischen Eroberung der britischen Festung Singapur Anfang 1942: Die Japaner hatten nördlich der Festung nicht-motorisierte Infanterie an Land geworfen, die jedoch deutlich schneller vorrückte, als von den Verteidigern angenommen: Die Infanterie stahl in jedem Dorf die Fahrräder und rückte so immer schneller vor. So konnte sie die Briten auf dem falschen Fuß erwischen.

Mindestens so erfolgreich waren die Vietminh, die nordvietnamesische Volksarmee unter General Giap, im Krieg gegen die US-Amerikaner: Der Vietnamkrieg war im Kern ein Fahrradkrieg! Auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad, der eigentlich aus vielen einzelnen Pfaden bestand, liefen die Räder wie ein Förderband – Richtung Gefecht wurden sie voll bepackt geschoben, zurück saßen die Soldaten auf, um schnell wieder zu den Versorgungsbasen zu gelangen. Durch den Dschungel geschützt, konnten sie so relativ sicher für dauernden Nachschub sorgen.

Aber in Europa hatte das Rad mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausgedient?

Die Schweiz besaß noch im Kalten Krieg und bis in die 90er Jahre hinein Militärräder. Diese hätten bei einem über Bayern hinweg vorgetragenen Angriff der Sowjetunion -  in der Schweiz nahm man solche Szenarien lange Zeit tatsächlich ernst - eine wichtige Rolle gespielt. Man hätte mit Fahrrädern relativ große Truppenteile ohne besonderen organisatorischen Aufwand, also zügig, auf allen möglichen und unmöglichen Wegen und Nebenwegen an die Landesgrenzen werfen können: aus der Luft nicht so leicht zu erwischen wie LKW-Kolonnen auf Autobahnen.

Wo wäre das Rad heute noch kriegstauglich?

In jedem Buschkrieg. Das Fahrrad ist in diesem Zusammenhang wahrhaft multifunktional. Man kann damit nicht nur unauffällig, geräuscharm und ohne nennenswerten Aufwand Truppen und Nachschub bewegen, man kann auch mit einem Fahrraddynamo die Notbeleuchtung eines Feldlazaretts betreiben! Beweglichkeit im Unterholz? Das Mountainbike schafft so manches.

Nur für terroristische Zwecke hat sich das Rad bislang noch nicht als hilfreich erwiesen. So ist offenbar vornehmlich der arabische Terrorist zu faul zum Radeln. Es passt einfach nicht zu seiner Kultur, weil es nach Askese, Müsli-Essen und Gymnastik riecht. Da freilich der gemeine arabische Terrorist zugleich vom Westen und dessen Statussymbolen fasziniert,  aber kein Krösus ist, wäre das ideale Gefährt für ihn vermutlich ein Moped mit Mercedes-Stern.

Du bist auch Friedensforscher. Dein Statement zu Rad und Frieden?

Friedfertigkeit und Fahrrad sind aus der Sicht eines Rentners in der Großstadt zwei Paar Schuhe.


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Kategorie(n): Kultur