17.06.2012   18:15

Der Energie-Ausnahmezustand

Alexander Wendt

Als eine Allparteienkoalition vor gut einem Jahr die Energiewende beschlossen hatte – den Komplettausstieg aus der Kernkraft bis 2022 -  gab es einen Konsens unter den Parteien: Über Geld reden wir später. Jetzt lässt sich die Frage nicht mehr verschieben. Exklusiv für die neue Ausgabe von FOCUS (Nr. 25/12) befragte TNS emnid 1001 Bundesbürger, ob sie überhaupt bereit wären, mehr für die Energiewende zu zahlen, und wenn ja, wie viel. Das Ergebnis dürfte die Kanzlerin ernüchtern.

Ohne die massive Subvention über die Stromrechnung kann der Ausbau von Windparks und Solarkraftwerken allerdings nicht funktionieren – dazu sind die erneuerba-ren Energien auf absehbare Zeit schlicht zu teuer. Schon im kommenden Jahr wird der Strompreis nach oben gehen, weil die Umlage für die Öko-Energien steigt. Jus-tus Haucap, Vorsitzender der Monopolkommission, warnt bereits vor einem „Kosten-Tsunami“. In FOCUS kommen zahlreiche prominente Kritiker der Energiewende zu Wort, die vor einem Jahr noch an den Rand gedrängt wurden. Der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Union Josef Schlarmann warnt davor, dass die Energiewende bedeuten könnte, dass die Stromversorgung nicht mehr si-cher funktioniert. Das, so Schlarmann, würde die deutsche Wettbewerbsfähigkeit „ins Mark treffen“.

Die Energiewende könnte scheitern – und das Gesicht des Landes trotzdem verändern. Eines ist sicher: Eine Schönheitsoperation wird es nicht. Die Frage, warum Windkraftfirmen neuerdings in Wälder drängen, lässt sich gerade am Beispiel von Brandenburg gut beantworten: Weil der Platz knapp wird, schon ganz am Anfang der gerade erst ausgerufenen Energiewende. In dem ostdeutschen Flächenland rotieren schon 2 900 Windmühlen, 191 Biogasanlagen verstromen Mais und andere Energiepflanzen, die für ihre ausgedehnten Monokulturen ebenfalls enorme Flächen bean-spruchen.

Und ein paar Mindestanforderungen gelten derzeit noch für die Betreiber von Windparks: Mit ihren Mühlen müssen sie einen Abstand von einem Kilometer zu Siedlungen und hundert Metern zu Straßen und Hochspannungsleitungen einhalten. Auf die Tierwelt können sie bei ihrer Expansion nicht auch noch Rücksicht nehmen. Pro Jahr schreddern Windkraftanlagen in Deutschland rund 220 000 Vögel.

Um einen Atomkraftwerksblock vom Typ Biblis zu ersetzen, sind 6 800 normale Windkraftanlagen nötig – also mehr als doppelt so viele, wie im Energiemusterland Brandenburg stehen. Selbst nach den Zahlen des Bundesverbandes Windkraft, der eine großzügigere gesicherte Leistung pro Windrad annimmt, wären es immer noch 4000 Rotortürme. Um Deutschland tatsächlich bis 2020 zu 35 Prozent und bis zur Jahrhundertmitte zu 80 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu versorgen, müssten in wenigen Jahren derart gigantischen zusätzlichen Windparks, Energiepflanzenplantagen und Solarfelder entstehen, dass der Naturschutz zwangsläufig untergepflügt wird – von der Landschaftsästhetik gar nicht zu reden.

Befürworter der sauberen neuen Welt nehmen die Kollateralschäden bewusst in Kauf. „Ohne Windkraftanlagen im Wald“,sagt Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister in Tübingen, „wird die Energiewende nicht gelingen.“  Überhaupt, findet der Grünen-Politiker,„geht es nicht, dass immer nur Einwände kommen, hier gegen einen Windpark und dort gegen energetische Gebäudesanierung“. Schließlich, so Palmer, stelle die weltweite Klimaerwärmung „eine Art Notstand“ dar. Ein wenig erinnert der Satz an das berühmte Diktum des autoritären Staatsrechtlers Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Mehr darüber in einer großen Titelgeschichte am Montag im FOCUS (nur am Kiosk, nicht im Internet)


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