16.04.2012   15:28

Was ergänzt werden muss

Nicht alles wird in Deutschland debattiert. Wir streiten nicht über die Todesstrafe, das Frauenwahlrecht oder die Gültigkeit rassistischer Theorien. Hätte Grass ein Plädoyer für die Todesstrafe verfasst, wäre das ebenso einmütig beklagt worden. Wer das als „Gleichschaltung“ empfindet, stellt sich außerhalb der zivilgesellschaftlichen Normen. http://www.tagesspiegel.de/meinung/kontrapunkt-was-ergaenzt-werden-muss/6514898.html

Siehe auch:
Als man schließlich geklärt hatte, auch mit Hilfe von zwei eingespielten Interviews mit Marcel Reich-Ranicki und dem Grass-Freund Volker Schlöndorff, dass Grass kein Antisemit, aber ein „Antisraeli“ sei (so der Schauspieler Michael Degen) und schon lange „Probleme mit den Juden und Israel“ habe (so der Historiker Michael Wolffsohn), waren die Themenkomplexe Grass und der Antisemitismus abgehakt. Es wurde politisch.
http://www.tagesspiegel.de/medien/grass-debatte-bei-jauch-kein-antisemit-ein-antiisraeli/6514540.html

Heide Simonis - dank Lübecker SPD-Connection eng verbunden mit Grass - verriet, dass sie “einen Moment lang die Luft angehalten” hatte. Michael Degen, Schauspieler und Holocaust-Überlebender, war “nicht überrascht”, hält Grass aber nicht für einen Antisemiten. Auch der Historiker Michael Wolffsohn, der im Interview mit SPIEGEL ONLINE noch erklärt hatte, das Gedicht sei ein “in Scheinlyrik gepresstes, antisemitisches Pamphlet”, mochte Grass bei Jauch nicht als Antisemiten bezeichnen - wenn auch mit der Veröffentlichung “Dämme gebrochen” seien. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827697,00.html

“Die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin nicht verhandelbar”, hatte Angela Merkel noch im März 2008 vor der Knesset gesagt, dem israelischen Parlament. Jakob Augstein hätte an diesem Abend gerne verhandelt, ob dieser Satz nicht öffentlich zurückgenommen werden müsse, nachdem auch schon Helmut Schmidt gesagt habe, diese Äußerung sei zwar gefühlsmäßig verständlich, aber “töricht”. Denn, so Augstein: “Deutsche Verbrechen werden kein Stück besser, wenn Israel jetzt seinerseits Verbrechen begeht - da machen wir nicht mit! Das wäre eigentlich das, was wir jetzt als Aussage brauchen. Das hat mit Antisemitismus rein gar nichts zu tun.” Starker Beifall im Publikum. Wie überhaupt Augstein der meistbeklatschte Mann des Abends bleiben sollte.
http://www.sueddeutsche.de/medien/tv-kritik-guenther-jauch-ueber-guenter-grass-junge-du-spinnst-1.1333442

Natürlich musste auch hier nochmals darüber gesprochen werden, ob der Literaturnobelpreisträger sich mit seinem Israel-kritischen Text als Antisemit geoutet habe. Nein, ein solcher sei der Schriftsteller nicht, durfte da Historiker Michael Wolffsohn wie schon so viele andere vor ihm festhalten (“Schluss mit dem inflationären Begriff des Antisemitismus!”), aber es gäbe offenbar einen Günter Grass, “der von Haus aus Probleme mit Juden und Israel hat”. http://www.stern.de/kultur/tv/tv-kritik-was-guenther-jauch-noch-zu-grass-sagen-musste-1813978.html

Denn ein weiterer Aspekt der Debatte war das Zugeständnis Merkels vor der Knesset im Jahr 2008, als sie die Sicherheit Israels ausdrücklich mit Blick auf den Iran zur Staatsräson Deutschlands erklärt hatte. “Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar”, sagte Merkel damals.

Für Augstein historisch ein beispielloser Akt. “Es hat eine so weitreichende Garantie noch nie gegeben.” Und ein Akt mit weitreichender Folge: Was wird passieren, wenn Israel den Iran angreift? Und das vielleicht sogar mit einer Atombombe? Wie tief steckt Deutschland dann mit drin? “Deutsche Verbrechen werden kein Stück besser, wenn Israel jetzt seinerseits Verbrechen begeht”, sagte Augstein.
http://www.welt.de/fernsehen/article106187063/Jauch-und-die-Israel-Debatte-ohne-Guenter-Grass.html

Am Moderator lag es nicht, der hielt sich angenehm zurück, ließ jeden ausreden und kann im übrigen nichts dafür, dass es Grass nun doch gelungen ist, dass inzwischen fast nur noch darüber gesprochen wird, ob man Israel nun kritisieren darf oder nicht. Man darf und tut es ja laufend, manchmal sogar aus guten Gründen, manchmal aus weniger guten. Alle können damit leben, Israels Existenz ist davon jedenfalls nicht bedroht. Bedroht könnte sie eher sein durch Meinungen, die Leute vom Schlage Jakob Augsteins oder des Nahost-Experten Michael Lüders verbreiten: Israel, behaupteten beide, sei ja gar nicht bedroht, zumindest nicht durch Iran, das gar keinen Krieg gegen es wolle und auch gar nicht die Mittel dazu hätte. Augstein versuchte sich hier genauso als außenpolitischer Militärexperte wie kürzlich seine Schwester Franziska, die bei Maybrit Illner ähnliches gesagt hatte. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/faz-net-fruehkritik-so-weit-ist-es-nun-gekommen-11719405.html

Augstein wiederholte die Mär vom Übersetzungsfehler, wonach der Iran Israel niemals mit Vernichtung gedroht habe, sondern »nur« mit dem Untergang des jüdischen Staates. So oder so ähnlich hat es vermutlich auch in Grass gedacht, als er mit seiner »letzten Tinte« Ahmadinedschad verniedlichend als »Maulheld« bezeichnete. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12762

Denn Augstein weiß, dass niemand die Absicht hat, irgendwen auszulöschen; die israelische Regierung nicht den Iran und das Mullah-Regime nicht Israel. Als bei Jauch das Gespräch auf die Vernichtungsphantasien des Mahmud Ahmadinedschad kommt, ruft Augstein: „Das hat er nicht gesagt!“, und vielleicht weiß er es wirklich nicht, dass der iranische Präsident wie Revolutionsführer Ali Chamenei nur zu oft die Auslöschung des „zionistischen Gebildes“ verkündet haben, als dass man ihnen Übersetzungsfehlern zugute halten könnte. http://www.taz.de/Kolumne-Besser/!91582/


Und:
http://daserste.ndr.de/guentherjauch/aktuelle_sendung/index.html
http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=10142888


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Kategorie(n): Kultur