.(Javascript muss aktiviert sein, um diese E-Mail-Adresse zu sehen)13.04.2012 08:25
Achgut-Leser wissen mehr (II)
Alexander Wendt
Nach der vorerstletzttintigen Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung („Meine Antwort auf jüngste Beschlüsse“) bekam die Achse des Guten heute schon den Grass-Text von übermorgen zugeschickt (aus Lübeck und aus Versehen):
Meine Jüngsten Beschlüsse
Von Günter Grass
Viermal wurde mir die Einreise in ein Land verboten: 1945 nach Rußland (wg. verspäteter Buchung beim Reiseunternehmen Frundsberg wie auch wg. allgemeiner Feindseligkeit des Reiselandes), dann die Einreise in die Deutschen Kommode Diktatur, kurz DDR genannt, als nächstes nach Birma, in das damals sowieso kein Westler einreisen durfte, insbesondere aber, wie ich mit vorletzter Tinte betone, ich nicht, und schließlich durch den an Erich Mielke erinnernde Innenminister die Einreise in das Großisraelische Reich.
Dennoch wird er mich nicht daran hindern können, meine mir hilfreichen Erinnerungen – die ich streng von den mir nicht hilfreichen Erinnerungen unterscheide – an mehrere Reisen nach Israel wachzuhalten. Noch immer ist mir die Stille der Judäischen Wüste gegenwärtig. Ich erinnere mich, wie ich dort in der Stille beziehungsweise in der Butt stand und redete: Von dem Brief, in dem ich seinerzeit den Wirtschaftsminister Karl Schiller dringend aufforderte, um der politischen Hygiene willen seine SA-Mitgliedschaft öffentlich einzugestehen und ihn bei der Gelegenheit noch um einen Steuernachlass von 30 000 Mark anging, von meinem Einteufeln auf Helmut Kohl, weil er Ronald Reagan auf den Soldatenfriedhof in Bitburg schleppen musste, auf dem auch Waffen-SS-Mitglieder begraben lagen, des weiteren von meiner dringenden Aufforderung, die Wiedervereinigung Deutschlands zu unterlassen, wg. Auschwitz, wie ich Schuld! rief; ich teilte der Judäischen Wüste ferner mit, dass ich, ein mit flinker Lippe begnadeter Finder literarischer Formen, einfach noch nicht die richtige literarische Form gefunden hatte, um meine Mitgliedschaft in der Waffen-SS öffentlich zu machen, und wie mir wahrscheinlich ein gut dotierter Literaturpreis die Hemmung nehmen würde, anschließend auch meine nicht hilfreiche Erinnerung irgendwie in den Buchmarkt zu drücken. Dies alles redete ich in Zungen und schlecht umgebrochenen Reimen in der Judäischen Wüste. Und die Wüste schwieg! Respektvoll! Sie stellte nicht einmal die übliche Publikumsdeppenfrage, ob mein Rumramentern womöglich einen biografischen Hintergrund hätte.
Dieses alles durchgehalten und dabei - abgesehen von unvermeidlichen Reimfindungsstörungen - anständig eingeschenkt zu haben, hat mich hart gemacht. Das ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt meiner Geschichte.
Russland in seiner jetzigen Form gibt es nicht mehr, die DDR ist - trotz meiner Intervention, ein unerhörter Vorgang – Geschichte, und wenn jener andere Maulheld seine nur vermutete Atombombe demnächst über Israel ausklinken sollte, dann ist spätestens jetzt klar, durch welche Dreistigkeit sich dieses keiner Ermahnung zugängliche Land die Strafe zugezogen hat.
Ich werde das Ereignis dann mit einem vierzehnteiligen Sonnettkranz gebührend würdigen, jedenfalls, sobald ich meine große Hexameterdichtung über die Indianerausrottung in den USA beendet haben werde.
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Kategorie(n): Satire
