20.07.2007   20:38

Gerhard Schröder: Wahrhaftigkeit und Treue gegenüber sich selbst

Der Direktor des Stetten-Gymnasiums in Augsburg, Gerhard Schröder, hielt zur Abiturfeier des Jahres 2oo7 eine bemerkenswerte Rede, die wir hier dokumentieren. Offenbar hat sich im Erziehungswesen doch etwas gändert - zum Besseren:

Sehr geehrte Anwesende, werfen wir einen kurzen Blick um uns herum: festlich gekleidete Menschen, eine heitere, aber auch erwartungsvoll gespannte Atmosphäre, das Bewusstsein eines besonderen Moments – dazu Ansprachen, Musik, Blumen, Wein. Wird hier nur das Bestehen einer wichtigen Prüfung gefeiert, so wie man etwa zum Bestehen der Führerscheinprüfung die Korken knallen lässt? Heben wir hier unsere Gläser so, wie man auf einen runden Geburtstag anstößt, wie man in der Sylvesternacht um zwölf Uhr feucht-fröhlich das neue Jahr begrüßt? Woher rührt dieses Bewusstsein des besonderen Moments, der Würde dieser Stunde, des Besinnlichen und vielleicht sogar Melancholischen hinter der Fassade der Fröhlichkeit und Ausgelassenheit?

Wir ahnen, dass hier nicht nur ein besonderes Ereignis gefeiert wird, sondern dass es hier auch um eine Lebenswende geht – um Abschluss und Neubeginn, um Abschied und Aufbruch, verbunden mit Erleichterung, Dank, Hoffnung, aber womöglich auch mit Angst. Die Abiturfeier ist aus ethnologisch-kultureller Perspektive – ebenso wie Firmung, Konfirmation, Gesellentaufe, Ritterschlag usw. – ein Initiationsritual, das einem uralten, archetypischen Muster folgt. Initiation ist ein Übergangsritus, der – wie man im Lexikon lesen kann – die soziale Identität des Betroffenen verändert und neu festsetzt. In primitiven Stammeskulturen bedeutete dieses in der Regel die Aufnahme der Knaben in die Gesellschaft der erwachsenen Männer; nach dem Bestehen von Mutproben, der zeitweiligen Isolierung von den anderen, dem Ertragen von Hunger, Durst und Schlafentzug, dem Zurücklegen weiter Strecken und gelegentlich auch dem Erleiden körperlicher Deformierungen. Glücklicherweise sind wir zumindest diesbezüglich ein Stück vorangekommen; am heutigen Abend geht es um eine Lebenswende junger Frauen: ohne Mutproben, ohne Hunger und Durst, ohne körperliche Deformierung. Unsere Abiturientinnen sind nun keine Schülerinnen mehr, sondern werden Studentinnen, Auszubildende oder Berufstätige – auf jeden Fall als junge Erwachsene der Obhut der Schule und in der Regel auch des Elternhauses entzogen und vor die schwere Aufgabe gestellt, ihr Leben in eigener Verantwortung zu führen und zu meistern.

Die Literatur hat sich dieses Themas seit jeher angenommen: z.B. im Typus des Initiationsromans. Besonders die amerikanische Literatur ist reich an sogenannten stories of initiation. Ein meisterhaftes Beispiel einer solchen Initiationserzählung – einigen vielleicht aus dem Englischunterricht bekannt – ist Ernest Hemingways Kurzgeschichte “Indian Camp“. In dieser Erzählung, die in ihrem klassisch-strengen Aufbau an die fünf Akte der griechischen Tragödie erinnert, wird in knapper, ungemein prägnanter Sprache das Initiationserlebnis eines kleinen Jungen geschildert. Er erlebt mit, wie sein Vater, ein Arzt, in einem Indianerreservat durch eine Notoperation, einen Kaiserschnitt mit einem einfachen Taschenmesser, die Geburt eines Kindes ermöglicht, aber anschließend nicht verhindern kann, dass der Ehemann der Indianerin sich aus Schock und Scham das Leben nimmt. Geburt und Tod, die beiden Pole menschlicher Existenz, werden von dem kleinen Jungen innerhalb weniger Minuten erfahren. Er wird von nun an ein anderer sein, auch wenn er zunächst ein Kind bleibt.

Die meisten von Ihnen, liebe Abiturientinnen, sind hoffentlich bisher von schlimmen existentiellen Erfahrungen – Tod oder schwere Krankheit eines Angehörigen oder Freundes, eigene schwere Krankheit oder Unfall – verschont geblieben. Dann werden Sie vielleicht die Abiturprüfungen und die Zeit davor mit den Facharbeiten als die bislang schwerste Belastung Ihres Lebens empfunden haben. Wahrscheinlich spüren Sie auch, dass Sie dadurch innerlich eine andere geworden sind, auch wenn Sie äußerlich die gleiche bleiben.

Dieser Prozess des Anderswerdens findet in der heutigen Abiturfeier seinen rituellen Höhepunkt.

Initiation, Übergang von einer Lebensphase in die nächste, Einführung in einen höheren sozialen Status mit höheren Anforderungen: Die Erleichterung des jungen Menschen nach der erfolgreich zurückgelegten Strecke und sein Stolz auf das Erreichen der nächsten Stufe verbinden sich nun mit der erwartungsvollen, aber vielleicht auch bangen, angstvollen Frage, was ihm bevorsteht.

Liebe Abiturientinnen, Sie werden mehrheitlich im Herbst dieses Jahres ein Studium aufnehmen, und an der Hochschule wird manches anders sein als bisher:

• Wenn Sie nicht zufällig mit einer Freundin oder einem Freund an derselben Universität dasselbe Fach studieren, werden alle, mit denen Sie nun zu tun haben, zunächst Fremde sein.
• Ihren Professoren wird es in der Regel gleichgültig sein, ob Sie in einer Klausur eine Eins oder eine Fünf schreiben. Den Rückhalt durch einen wohlmeinenden Lehrer, der Ihren Erfolg will und der in der Prüfung mit Ihnen zittert, wird es nicht mehr geben.
• Während der Anfertigung einer schriftlichen Seminararbeit werden Sie die individuelle Begleitung, die Kollegiaten bei der Facharbeit in der Regel durch ihre Lehrer erfahren, so nicht mehr erleben.
• Auf sich gestellt zu sein, sich einsam zu fühlen, in der Anonymität zu verschwinden: das sind Grunderfahrungen an Hochschulen – zumal an Massenuniversitäten – die nicht wenige Studenten dazu verlassen, ihr Studium abzubrechen.
• Und wenn das Abitur auch keine Garantie für einen Studienplatz an der gewünschten Universität und in dem gewünschten Fach ist, so ist es doch in jedem Fall eine Eintrittskarte für das Studium. Aber ein akademisches Examen – auch ein exzellentes – ist heute längst keine Garantie mehr für einen adäquaten Arbeitsplatz. Die Probleme von Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt gehören zu den dringlichsten Herausforderungen unserer Gesellschaft und ihrer politischen Klasse.

Es wäre nicht redlich, vor solchen Problemen die Augen zu verschließen und sich in unreflektiertem Zweckoptimismus zu üben. Doch ebenso unredlich wäre es, nur die Probleme zu sehen und sich nicht bewusst zu machen, welche Potentiale Ihnen zur Bewältigung dieser Probleme zur Verfügung stehen. Liebe Abiturientinnen, ich glaube fest daran, dass Sie mit dem, was Sie mitbringen, den von mir skizzierten Herausforderungen der Zukunft offensiv begegnen können, dass Sie, nicht blind, nicht gedankenlos, aber doch mit Optimismus Ihr Leben nach der Schule angehen dürfen. Denn Sie werden von manchem profitieren:

• Sie werden profitieren von der Kraft, vom Optimismus, vom Pragmatismus und von der Vorwärtsgewandtheit Ihrer Jugend.
• Sie werden profitieren von der Globalisierung, die vielen Menschen zwar bedrohlich erscheint und in manchen Bereichen auch wirklich bedrohlich ist, jungen Leuten Ihrer Generation aber durch die Internationalität der Ausbildung und den freien Zugang zum Arbeitsmarkt außerhalb unserer Grenzen auch Chancen bietet, an die vor zwanzig Jahren noch niemand zu denken gewagt hätte.
• Und Sie werden profitieren von dem, was Sie aus dieser Schule mitnehmen; und damit meine ich nicht in erster Linie intellektuell-kognitive Fähigkeiten, verwertbares Wissen, technisch-organisatorische Kompetenz. Ich meine die geistig-seelische Auseinandersetzung, die Sie mit sich selbst geführt haben, mit Ihren Möglichkeiten und mit Ihren Grenzen; ich meine die Einübung in soziales Denken und Handeln, die Sie in der gemeinsamen Gestaltung unseres Schullebens und in der Übernahme von Verantwortung für andere praktiziert haben; ich meine die über viele Jahre an der Schule erlebte Begegnung mit einem Wertesystem, das sich auf christliche Glaubenstraditionen, humanistische Ideale und demokratisch-egalitäre Errungenschaften gründet.

Aus diesem Potential, liebe Abiturientinnen, können Ihnen die innere Ausgeglichenheit, das Selbstbewusstsein und die seelische Kraft erwachsen, mit der man eine neue Lebensphase trotz aller Schwierigkeiten bewältigt.

• Und wenn Sie nun an der Universität oder in der Berufsausbildung in lauter fremde, unbekannte Gesichter sehen, dann betrachten Sie das eben als eine Chance, andere Menschen kennen zu lernen, neue persönliche Erfahrungen zu sammeln und gleichwohl den Kontakt zu den Freunden aufrecht zu erhalten, in deren Mitte Sie sich bisher geborgen gefühlt haben.
• Wenn Sie das Gefühl haben, in der Anonymität des Studienbetriebs an Hochschulen mit Zehntausenden von Studenten verloren zu sein, wenn Sie das persönliche Interesse Ihrer Hochschullehrer an Ihnen vermissen, wenn Sie sich in Ihrer Arbeit alleingelassen fühlen, dann besinnen Sie sich auf die soziale Kompetenz, die Sie haben; suchen Sie bewusst die Begegnung mit den anderen, denen es genauso geht wie Ihnen; engagieren Sie sich in politischen, sozialen, künstlerischen, sportlichen Vereinigungen. Der Charme, der Stetten-Schülerinnen nachgesagt wird und den auch ich immer an Ihnen mit nicht geringem Wohlgefallen registriert habe, wird Ihnen manche Türe öffnen.
• Und wenn die Perspektiven in dem von Ihnen angestrebten Beruf in Deutschland nicht günstig sind, dann nutzen Sie – wenn es irgendwie geht – die Möglichkeiten, die Ihnen ein zusammenwachsendes Europa und eine zusammenwachsende Welt bieten, und versuchen Sie, für eine bestimmte Zeit ins Ausland zu gehen und sich damit fit zu machen für die Chancen eines internationalen Arbeitsmarktes.

Zum Start in das Leben nach der Schule, liebe Abiturientinnen, begleiten Sie die besten Wünsche Ihrer Eltern, Verwandten, Freunde und ehemaligen Lehrer: Wünsche für Erfolg im beruflichen und Glück im privaten Leben – und für Gesundheit, ohne die alles nichts ist.

Und ich möchte Ihnen noch zwei Gedanken als gute Wünsche mit auf Ihren Weg geben und deren Bedeutung an Menschen und Situationen illustrieren, die Ihnen möglicherweise zunächst etwas verwunderlich erscheinen werden:

Erstens: Wahrhaftigkeit, Festigkeit und Treue gegenüber sich selbst.

Im September des vergangenen Jahres erschien das letzte Buch des großen Journalisten, Publizisten und Historikers Joachim Fest. Dieses bewegende Buch ist ein Vermächtnis – Joachim Fest starb wenige Woche nach Erscheinen seiner Lebensbilanz – und es ist ein Denkmal: ein Denkmal für seine Eltern, den Volksschulrektor Johannes Fest und seine Frau Elisabeth. Der programmatische, vom biblischen Wort „Etiamsi omnes, ego non“ hergeleitete Titel „Ich nicht“ verweist auf die konsequente, geradlinige, unbeirrbare Haltung der Eltern – insbesondere des Vaters – in ihrer Ablehnung des Regimes der Nationalsozialisten. Johannes Fest und seine Frau waren keine Helden des aktiven Widerstands; die Folgen ihres Neins gegenüber dem Dritten Reich waren nicht KZ oder gar Hinrichtung, sondern lediglich eine vorzeitige Versetzung des Vaters in den Ruhestand und damit eine bittere Einschränkung des gewohnten Lebens – und ständige Angst. Doch gerade dieses – im Vergleich zu den Frauen und Männern des Widerstands vom 20. Juli 1944 – eher unspektakuläre, undramatische Schicksal geht ebenso zu Herzen; es zeigt, welch ungeheure Belastung schon das einfache Nein für diejenigen bedeutete, die angesichts der Barbarei der Nationalsozialisten der Stimme ihres Gewissens gehorchten. Es ist lohnend, sich anhand einer Textpassage aus Joachim Fests Buch diese Situation vor Augen zu führen. Der etwa 10jährige Joachim wird zusammen mit seinem älteren Bruder Wolfgang heimlich Zeuge eines Gespräches zwischen Vater und Mutter:

Den Anfang machte offenbar meine Mutter, die mit ein paar kurzen Sätzen daran erinnerte, was ihnen in den drei zurückliegenden Jahren politisch wie persönlich widerfahren war. Sie sagte, sie klage nicht. Aber sie habe sich eine derartige Zukunft nicht träumen lassen (…) Und dann, nach einer unsicher anmutenden Unterbrechung, fragte sie, ob er sich den Eintritt in die Partei nicht doch noch einmal überlegen wolle. Zweimal seien im Laufe des Jahres die Herren vom Schulamt dagewesen, um ihn zum Nachgeben zu veranlassen, beim letzten Besuch hätten sie ihm sogar die baldige Beförderung in Aussicht gestellt. (...) Und um das Ende ihres Vorbringens anzudeuten, setzte sie nach längerem Innehalten ein einfaches „Bitte!“ hinzu.

Mein Vater (…) sagte etwas über die Umstellungen, zu denen sie, wie viele andere, genötigt seien. Über die Gewohnheit, die nach zumeist schwierigen Anfängen einigen Halt vermittle. Über das Gewissen, das Vertrauen in Gott (…). Aber meine Mutter beharrte auf einer Antwort, indem sie darauf verwies, dass ein Parteieintritt doch nichts ändere: „Wir bleiben schließlich, wer wir sind!“ Ohne langes Nachdenken erwiderte mein Vater: „Das gerade nicht! Es würde alles ändern!“

Meine Mutter stutzte offenbar einen Augenblick. Dann erwiderte sie, sie wisse ja, daß das mit der Partei eine Lüge gegenüber „denen da oben“ wäre, und eine Lüge sollte es auch sein! Tausend Lügen sogar, falls notwendig! Sie hätte da keine Bedenken. Natürlich liefe der Entschluß auf eine Heuchelei hinaus. Aber dazu sei sie bereit. Die Unwahrheit sei immer das Mittel der kleinen Leute gegen die Mächtigen gewesen; nichts anderes habe sie im Sinn. (...)

Nun schien die Überraschung auf seiten meines Vaters. Jedenfalls sagte er einfach: „Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!“

Liebe Abiturientinnen, Ihre und meine Generation können und müssen sich unendlich glücklich schätzen, Bürger eines demokratischen Rechtsstaates zu sein, im welchem demjenigen, der seine eigene, für andere unbequeme Meinung frei und öffentlich äußert, zumindest keine staatliche Gefahr für Leib und Leben droht – höchstens ein paar Unannehmlichkeiten: So könnte ein kritisches Wort Sie das Wohlwollen Ihres Professors kosten, zu einem schlechten Klima am Arbeitsplatz führen, hinderlich sein für die eigene Karriere.  Und tausend gute Ausflüchte für Anpassung und Opportunismus gibt es allemal.

Aber das Gewissen kennt eben keine kleinen und großen Leute, keine wichtigen und unwichtigen. Das Gewissen ist absolut und total in seinem Anspruch. Es wird uns niemals zufrieden lassen. Und daher wünsche ich Ihnen die Wahrhaftigkeit, die Festigkeit und die Treue gegenüber dem eigenen Ich, die es Ihnen ermöglichen, auf die Stimme Ihres Gewissens zu hören – auch wenn es unbequeme Folgen hat.

Zweitens: Vertrauen und Zuversicht.

Angesichts der schönen Frühlings- und Sommertage, die wir während der vergangenen Wochen erlebt haben, ist manchem unter uns vielleicht ein Lied durch den Kopf gegangen, das nicht wenigen Menschen als das schönste Sommerlied in der deutschen Sprache gilt:

Geh’ aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit
An deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben. (1653)

Diese Zeilen stammen von dem evangelischen Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt, der im März 1607 geboren wurde und an den anlässlich seines 400. Geburtstages in diesem Jahr überall in Deutschland erinnert wird.

Der zitierten ersten Strophe folgen noch viele weitere: über die Schönheit von Pflanzen- und Tierwelt und über deren theologische Deutung – in Worten, die so schlicht, so liebevoll und so wahr sind, dass sie uns, zumal beim Singen des Liedes, auch noch nach 400 Jahren zu Tränen rühren können.

Und das Erstaunliche, letztlich kaum Begreifliche an diesem Lied ist, dass es nur fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges geschrieben wurde, dass hier jemand in bewegenden Worten die Schönheit der Schöpfung preist, der drei Jahrzehnte lang miterlebt hat, wie in einem unvorstellbaren Exzess von Gewalt, von Zerstörung, Vergewaltigung, Folter und Mord ein ganzes Land zugrunde gerichtet und die Hälfte seiner Bevölkerung getötet wurde. Und wenn nach diesem unendlichen Grauen nicht Desillusion und Verzweiflung, sondern der Glaube an das Gute und Schöne in der Schöpfung und das Vertrauen auf Gott Paul Gerhardts Denken bestimmt haben, können dann nicht auch wir, deren Probleme im Vergleich zu denen der Menschen zu Paul Gerhardts Zeiten doch letztlich gering sind, unser Leben von Vertrauen und Zuversicht leiten lassen?

Ich wünsche Ihnen beides, liebe Abiturientinnen: Vertrauen auf eine gute Fügung, auf ein gutes Geleit, und Zuversicht für den Start in das Leben nach der Schule.

Sehr geehrte Eltern, dieser Tag ist sicherlich auch für Sie ein Tag der Erleichterung, der Freude und des Stolzes: Ihre Tochter hat das Abitur bestanden und damit einen ganz wichtigen Grundstein für ein erfolgreiches Berufsleben gelegt. Wenn zum Abschluss dieses offiziellen Festaktes die Abiturientinnen ihre Reifezeugnisse erhalten, werden gerührte Mütter und Väter ihre Fotokameras zücken; das Bild wird bestimmt zu den schönsten gemeinsamen Erinnerungen der Familie zählen. Doch seien wir ehrlich: Schleicht sich in die Freude nicht auch ein Gedanke der Wehmut, vielleicht sogar eine heimliche Träne, angesichts der Erkenntnis, dass dieser glückliche Tag auch eine Zäsur ist: das Ende eines Lebensabschnitts von rund 20 Jahren, den Sie in der Regel mit Ihrem Kind gemeinsam verbracht haben? Die Unsicherheit und den Schmerz des Abschieds werden Sie als Eltern genauso empfinden wie Ihre Töchter. Denn nun ist Ihr Kind erwachsen, verlässt bald oder in absehbarer Zeit das Elternhaus und geht ins Studium oder in die Berufsausbildung; die Eltern bleiben allein zurück.

Doch vielleicht ist es Ihnen beim Gedanken an den Abschied ein Trost, wenn ich Ihnen aus Überzeugung sage, dass Sie als Eltern und wir als Lehrer stolz auf unsere Abiturientinnen sein können. Nicht in erster Linie, weil sie das Abitur bestanden haben, sondern – und das ist viel wichtiger als die besten Noten – wie sie diese Schule als selbständige, selbstbewusste und zugleich bescheidene und verantwortungsvolle junge Frauen verlassen.

Einen fröhlichen, offenen, vertrauenswürdigen Jahrgang hat Frau Kummer mir geschildert, und so habe auch ich ihn erlebt. Die Bereitschaft zur Kooperation, zur Übernahme zusätzlicher Aufgaben zum Wohle aller zeichnet diese Abiturientinnen aus. Selten sind alle drei Studienfahrten so reibungslos und so erfolgreich verlaufen wie in diesem Jahrgang. Der Grund? Die Fahrten waren organisatorisch gut geplant und inhaltlich durch Referate bestens vorbereitet. Sie wurden vor Ort durch engagierte und umsichtige Führungen wirkliche Studienreisen – wobei aber glücklicherweise Spaß und Vergnügen nicht zu kurz kamen. Und alles – Planung, Organisation, inhaltliche Vorbereitung, Führungen – ist von den Schülerinnen geleistet worden: ein beeindruckender Beweis für Selbständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Souveränität.

Gewisse Entwicklungsmöglichkeiten sieht Frau Kummer indes auch. Sie meint, es könne durchaus hilfreich sein, wichtige Anschläge am Schwarzen Brett zur Kenntnis zu nehmen und zu lesen. Dieses sei den jungen Leuten als guter Rat für Studium und Berufsausbildung mit auf den Weg gegeben!

Liebe Abiturientinnen, trotz dieses kleinen heiteren Exkurses ist meine Laudatio auf Sie, auf Ihren Jahrgang sehr ernst gemeint. Und ich möchte sie ergänzen durch einen ganz persönlichen Dank, einen Dank des Schulleiters und des Lehrers an seine Schülerinnen:

• Ich danke Euch für Eure netten, munteren Kartengrüße aus Barcelona, Lissabon und Sorrent und für die Offenheit und Freundlichkeit, die Ihr mir immer entgegengebracht habt.
• Ich danke Euch für viele gemeinsame Erfahrungen in außerunterrichtlichen Projekten, die Euch und mich gleichermaßen bereichert haben: im Spanisch-Wahlkurs, in der Model United Nations Conference in Oldenburg, im Tatfunk-Projekt. Übrigens, Nadine, Deine Ansprache zur Tatfunk-Preisverleihung im Münchner BMW-Pavillon war nicht nur souverän, unterhaltsam und charmant; sie war einfach großartig!
• Ich danke denjenigen, die in der SMV mitgearbeitet haben: Beatrix, Gwendolyn, Nathalie, und insbesondere Dir, liebe Barbara. Dein selbstloses Engagement als Schulsprecherin war absolut vorbildlich. Das tiefe Vertrauen, das zwischen uns beiden herrschte, hat die Zusammenarbeit zwischen Schulleitung und SMV leicht gemacht. Die gelungene Präsentation unserer Schule beim Jubiläum 2005 kannst Du auch als gerechten Lohn für Deinen großartigen Einsatz betrachten.
• Und ich danke ganz besonders herzlich den Schülerinnen der früheren Klasse 9b bzw. 10b, die ich zwei Jahre lang in Französisch unterrichtet habe. Als ich die Klasse im September 2002 übernahm, hatte ich gerade meinen Dienst an dieser Schule begonnen; Ihr, liebe Schülerinnen, wart meine erste Klasse am Stetten. Der totale Wandel des beruflichen und persönlichen Umfeldes war für mich damals schon eine harte Nuss, die es zu knacken galt; und die Begegnung mit Euch, mit einer so motivierten, leistungsbereiten und zugleich wunderbar offenen, freundlichen und liebenswerten Klasse hat mir über Momente des Zweifelns und der Mutlosigkeit hinweggeholfen. Es waren für mich zwei bereichernde und erfüllende Jahre; wenn ich in Eurer Klasse war, ist mir immer wieder bewusst geworden, wie schön der Lehrerberuf sein kann.

In meiner Erinnerung werdet Ihr, wird dieser ganze Jahrgang immer einen besonderen Platz einnehmen. Darf ich Euch allen sagen, dass es mir genauso geht wie Frau Kummer, dass Ihr mir sehr ans Herz gewachsen seid und dass Ihr mir fehlen werdet?

Denn nun verlasst Ihr diese Schule und uns; Ihr beginnt eine neue, aufregende Phase Eures Lebens. Wie Euren Vorgängerinnen der letzten Jahren wünsche ich Euch dazu von ganzem Herzen alles Liebe und Gute und den „Zauber“, der – in Hermann Hesses wunderbaren Worten – „allem Anfang innewohnt“. Mögen die Wege Eures Lebens, über die Ihr gestern in Eurem Abiturgottesdienst so beeindruckend gesprochen und gesungen habt, zu einem guten, zu einem glücklichen Ziele führen! Es wäre schön, wenn Ihr Eure ehemalige Schule und uns nicht ganz vergäßet. Die Tür des Stetten-Instituts steht Euch jedenfalls immer offen – und meine auch.

Liebe Abiturientinnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


+Feedback

Permanenter Link: Druckversion

Kategorie(n): Kultur  Wissen