Dr. Oliver Marc Hartwich03.09.2010 01:44
Die passendere Aufgabe für Sarrazin
Die Sarrazin-Debatte ist an mir urlaubsbedingt vorbeigegangen. Die letzten Tage verbrachten wir auf einer kleinen Motoryacht zwischen Blautölpeln, Riesenschildkröten und Seelöwen auf den Galapagos-Inseln. Ohne Handyempfang oder gar Internet waren wir dabei derart von der Außenwelt abgeschnitten, dass wir von dem absurden Theater, das da gerade in Deutschland aufgeführt wird, erst bei unserer Ankunft auf dem ecudorianischen Festland erfuhren. Natürlich nur per Internet, denn in Ecuador hat man andere (richtige) Probleme.
Dabei hätte man es irgendwie ahnen können, wie diese “Debatte” in Deutschland verlaufen wird. Schließlich ist Deutschland in dieser Hinsicht durchaus berechenbar. Man nehme Islam, Unterschichten und einen vagen Bezug zum Judentum, und schon braucht es weder Fakten noch Argumente, um sich in der Bundesrepublik in Rage zu reden.
Wenn überhaupt irgendetwas überraschte, dann war es die Geschwindigkeit, mit der sich Kanzlerin, Präsident und Bundesbankchef einigten, weitere Störungen des bundesdeutschen Betriebsfriedens nicht mehr hinnehmen zu wollen. Obwohl auch das eigentlich nicht ganz unlogisch ist, schließlich kann die sonst so zögerliche Frau Merkel damit vom Zustand ihrer Regierung ablenken, der sonst so nette Herr Wulff sich endlich irgendwie als Präsident in Szene setzen und der sonst so blasse Herr Weber seine Ambitionen auf den Chefsessel der Europäischen Zentralbank wahren.
Aber mit einigem geographischen Abstand betracht, hat die Affäre Sarrazin, wie ich finde, doch auch ihr Gutes: Dass ein Querdenker wie Thilo Sarrazin ausgerechnet auf dem Direktorenposten für den Bereich Revision bei der Deutschen Bundesbank sein ideales Betätigungsfeld gefunden hätte, würde er wohl selbst nicht behaupten.
Eigentlich gehört jemand wie Sarrazin nicht zwischen Aktendeckel und Bilanzen eingemauert, sondern in die politische Arena. Dorthin, wo man intelligent streiten, argumentieren, polemisieren und gelegentlich auch irren darf. Eben dort, wo Typen wie Sarrazin angesichts der aktuellen Auswahl zwischen den Merkels, Gabriels und Trittins der Republik schmerzlich vermisst werden.
Thilo Sarrazin sollte daher dorthin zurückkehren, wo er hergekommen ist: in die aktive Politik. Eine Partei, die für ihn reif wäre, wird er dabei aber kaum finden. Ob er sie wohl gründen wird?
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