30.07.2010 02:11
Die stärkste Zivilgesellschaft der arabischen Welt
Gil Yaron
Nach vier Jahren hat Israel die Blockade des Gazastreifens erleichtert. Mancherorts ist der Wandel bereits spürbar, trotzdem bleibt das Leben im verarmten Landstrich weit von Normalität entfernt. Die Hamas profitiert von den Entwicklungen, und versucht immer mehr, den Menschen einen islamischen Lebenswandel aufzuzwingen.
Eine Veränderung fiel Lana Schahin, eine junge Journalistin aus Gaza, sofort auf: „Endlich muss man Cola-Dosen nicht mehr abwaschen, bevor man aus ihnen trinkt“, sagt Schahin. „Israelische Cola ist teurer als die Cola, die aus Ägypten eingeschmuggelt wird. Aber sie schmeckt besser, und die Dosen sind nicht voll mit Sand aus den Schmugglertunneln“, sagt Schahin. In ganz Gaza räumten Bewohner die Regale mit israelischen Erfrischungsgetränken leer. Doch auch wenn in Gaza die Zähne nach einem Softdrink endlich nicht mehr knirschen, ist der Landstrich noch weit davon entfernt sich von vier Jahren Blockade zu erholen.
„Grundlegend hat sich nichts verändert“, sagt der palästinensische Menschenrechtler Radschi Surani. Die Wirtschaft liegt brach: ohne Rohstofflieferungen mussten Fabriken schließen, geschlossene Grenzübergänge schnitten die Exportrouten ab. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 68%. Dass Israels Regierung nach dem Debakel der blutigen Übernahme eines türkischen Schiffes vor einem Monat die Blockade Gazas einschränkte wird daran nichts ändern.
Manche glauben an ein Ende der Belagerung. Die Preise von Gebrauchtwagen fielen bereits um 50%, weil Israel die Einfuhr von PKWs gestatten will. Auch andere Güter sind wieder erschwinglich, seitdem wieder mehr Lastwagen nach Gaza gelassen werden. Während der Blockade kamen im Durchschnitt 100 Lastwagenladungen am Tag nach Gaza, jetzt stieg die Zahl auf mindestens 250. Nicht nur der gelieferte Umfang, auch die Vielfalt hat zugenommen. Bisher durften nur Güter hinein, die sich auf einer Geheimliste befanden, jetzt sind nur Artikel verboten, die sich auf einer Liste der Armee befinden, wie Waffen, Dünger, aus dem Sprengstoff gefertigt werden kann, Nachtsichtgeräte, Drehbänke, oder Epoxykleber. Trotzdem ist der Wandel kein Anlass für Optimismus: „Im Gegenteil: Ich fürchte, dass die Belagerung jetzt zu einer dauerhaften Einrichtung werden könnte“, sagt Surani.
Prinzipiell kann man in Gaza alles kaufen, wenn auch zu einem höheren Preis, weil die Waren durch Tunnel eingeschmuggelt wurden. Der Schmuggel ermöglichte der Oberschicht ein gutes Leben: Sie trifft sich in Luxusrestaurants, schwimmt daheim oder in einem vor kurzem eingeweihten Schwimmbad und kauft in einem nagelneuen Einkaufszentrum ein: „Das Problem ist nicht das, was reinkommt, sondern dass nichts rauskommt“, sagt Chris Gunness, Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNRWA. Vor zehn Jahren arbeiteten 26.000 Palästinenser aus Gaza in Israel, jetzt dürfen nur noch rund 95 Menschen am Tag nach Israel, meist für medizinische Behandlung. „Rund 80% der Bewohner Gazas hängen von uns ab“, sagt Chris Gunness. „Mehr Hilfslieferungen ändern daran nichts. Sie brauchen Rohstoffe für Fabriken und die Möglichkeit, ihre Produkte zu exportieren.“ „Es ist eine von Menschenhand geschaffene Katastrophe“, sagt Surani. Viele wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen, und schlucken Betäubungsmittel. Hilflose Ehefrauen drängen in die psychologischen Kliniken, um Hilfe für Männer zu suchen, die daheim tagelang benommen auf dem Boden liegen.
Baumaterialien dürfen nur in begrenztem Mengen eingeführt werden. Die Armee gab 41 Bauprojekten grünes Licht. „Diese Erleichterungen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, sagt Gunness: „Im letzten Krieg wurden 60.000 Häuser beschädigt. Wir mussten etwa 39.000 Schulkinder abweisen, weil wir keine neuen Klassen bauen können“, sagt Gunness. „Die gehen jetzt in die Schulen der Hamas.“
Die Menschen in und um Gaza sind sich einig, dass die Islamisten politisch zuerst von der Blockade, und jetzt von den Erleichterungen profitieren: „Für sie sind es ideale Bedingungen“, sagt Surani. „Viele hassen die Hamas und machen sie für unsere Misere verantwortlich“, sagt ein Journalist aus Gaza, der anonym bleiben will: „Aber sie haben Angst zu protestieren.“ Im vergangenen Jahr soll die Hamas mindestens 62 Menschen auf offener Straße erschossen haben, schätzt der palästinensische Menschenrechtler Bassam Id. Nun hat die Hamas auch damit begonnen, vermeintliche Kollaborateure hinzurichten. Sie verurteilte 20 Menschen zum Tode, fünf wurden bereits offiziell hingerichtet. Verhaftungswellen gegen politische Gegner gehören zum Alltag.
Noch ist ihre Macht nicht absolut: „Sie ist sehr vorsichtig“, sagt Schahin. „Hier in Gaza lebt die stärkste Zivilgesellschaft der arabischen Welt. Die andauernde Abhängigkeit könnte sie jedoch zerstören“, sagt Surani. Trotzdem versuchen die Islamisten, der Bevölkerung ihren islamischen Lebensstil aufzuzwingen: Mal erließ die Hamas ein Verbot für Männer, Frauen die Haare zu schneiden. Dann wollte sie weiblichen Anwälten und Schülerinnen den Schleier aufzwingen. Frauen dürfen in Gaza nicht mehr Motorrad fahren oder nach Mitternacht auf Partys gehen. Seit Mitte Juli dürfen sie auch keine Wasserpfeifen mehr rauchen. Viele dieser Regeln werden nicht durchgesetzt: „Sie haben Gespür für die Stimmung“, sagt Schahin. Die Gesetze würden nur durchgesetzt, wenn es keinen Aufschrei gäbe. Löse ein Dekret jedoch Proteste aus, „macht die Hamas ganz schnell einen Rückzieher und erklärt, sie sei missverstanden worden.“
Trotzdem verschärft die Hamas ihren Tenor in Gaza zusehends. Diese Woche verhing sie ein Verbot, Damenunterwäsche in Schaufenstern auszustellen. Ein Professor erzählte unserer Zeitung von Misshandlung durch Hamas-Polizisten: „Sie hielten mich und meine Frau im Auto an. Sie stürzten sich auf mich, weil ich keine Dokumente bei mir hatte, die bewiesen, dass die Frau in meinem Wagen meine Gattin ist“, so der Dozent. Ein T-Shirt Produzent wurde verhaftet, weil er die Aufschrift „Porn Man Clothing“ auf seine Hemden gedruckt hatte. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit wurde die Wirtschaftsmacht der Hamas jedoch zum wichtigsten Machtinstrument: „Wer nicht Mitglied der Hamas ist, findet in Gaza keinen Job mehr“, sagt K aus Gaza, der ungenannt bleiben will.
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Kategorie(n): Ausland
