22.07.2010   23:35

Geht ruhig!

Deutschlands Journalisten sind beleidigt. Ein Politiker nach dem anderen sagt einfach laut und unüberhörbar „servus“. Freiwillig. Das gehört sich doch nicht, so die Meinung der Kommentatoren: Politiker gehen bitte schön, wenn wir es wollen! Und dann gefälligst widerwillig und unter peinlichen Klammerreflexen! Wie soll man denn sonst noch Kerben in die eigenen publizistischen Flinten ritzen, für Politiker, die man „aus dem Amt geschrieben“ hat?

Die publizierende Zunft kritisiert die vielen Abgänge vor allem deshalb so hitzig, weil diese die abnehmende Macht des Journalismus demonstrieren. Aber: die Tatsache, dass die von Beusts dieser Welt offenbar weniger an ihren Stühlen kleben als früher, verärgert auch jenseits der Redaktionsstuben. Das ganze Land schimpft über die verantwortungslosen Gesellen, die einfach so das Weite suchen. Auch die Social-Media-Sphäre ist erbost. Meine These aber: Der ganze Ärger ist unnötig. Politikerrücktritte sind überhaupt nicht schlimm.

Mancher Politkritiker würde nun wohl antworten: Politiker sind doch keine Normalsterblichen. Sondern besondere Würdenträger mit Bedeutung fürs große Ganze. Beladen mit einer schier übermenschlichen Verantwortung und Garant für den Zusammenhalt von Welt und Gesellschaft. Und hier würde ich nun widersprechen – genau das sind Politiker nämlich längst nicht mehr. Sehr zu ihrem eigenen Missfallen übrigens. Schon lange stellen sie keine moralischen Leitfiguren mehr dar, ohne die alles zusammenbricht. Und am gesellschaftlichen Lauf der Dinge ändert die Politik als Ganze eher wenig, der einzelne Politiker in der Regel gar nichts. Gerade Landespolitiker sind in summa relativ machtlos.

Entsprechend ist es für die Stadt Hamburg letztlich recht unwichtig, ob ihr Bürgermeister von Beust heißt, Ahlhaus oder Scholz. Auch Niedersachsen wurde durch den Abgang Christian Wulffs durchaus nicht in seinen Grundfesten erschüttert. „Die Politikerklasse demontiert sich“, so der Tenor der Kritik an den Fahnenflüchtigen. Nur: Wie kann sich eine Klasse demontieren, die durch die Verhältnisse längst demontiert ist?

Hinter der Rücktrittstrübsal steckt aus meiner Sicht eine sehr unzeitgemäße Sehnsucht – nach gütigen Führern, nach Vaterfiguren à la „Papa Heuss“. Sie sollen uns hilflosen Lämmchen den Weg weisen; auf ihre Omnipräsenz wollen wir uns verlassen können, weil sie dafür bürgt, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind. Aber: Die Dinge ändern sich. Daran kann auch ein noch so mild auf die Seinen herablächelnder Christian Wulff nichts ändern (ob nun als Minister- oder Bundespräsident).

Darüber hinaus hat die gefühlte Rücktrittswelle womöglich überaus positive gesellschaftlich-kulturelle Effekte. Sie dokumentiert nämlich ganz konkret, dass „der Job nicht alles ist“. So wird es legitim zu sagen, man möchte seinem Privatleben mehr Zeit einräumen oder sich durch einen beruflichen Neuanfang neue kreative Entfaltungsspielräume eröffnen. Alles Überlegungen, die oben erwähnte Journalisten für sich selbst wie selbstverständlich in Anspruch nehmen. Die sie aber gern exklusiv hätten, um sich selbst für weiser zu halten als die niederträchtigen Berufspolitiker.

Daher meine (absolut nicht sarkastisch gemeinte) Aufmunterung an Euch, liebe Politiker: Wenn Euch nach Wechsel ist – geht ruhig!


+Feedback

Permanenter Link: Druckversion

Kategorie(n): Inland