17.07.2010   16:48

Das Sein und das Nichts

In dem alten deutschen Spielfilm „Das Spukschloss im Spessart“ rühren die Schlossgespenster einen Zaubertrank aus obskuren Zutaten an und singen dabei ein Lied mit dem schönen Refrain: „Die Hauptsache ist der Effekt!.“ Um den Effekt der Homöopathie und darüber ob Krankenkassen dafür bezahlen sollen, stritten sich diese Woche Politiker.

Im 21. Jahrhundert diskutieren Parlamentarier ernsthaft über Wunderkräfte in Zuckerkügelchen. Was kommt als nächstes? Eine parlamentarische Anfrage zum Horoskop der Kanzlerin? Aurafotografie in den neuen Personalausweisen? Wir sind auf alles gefasst.

Die Zahl der Homöopathie-Gläubigen steigt unentwegt. Schon über die Hälfte der Deutschen schluckt Kügelchen. Zum Glück tun es die meisten nur, solange sie nicht ernsthaft krank sind. Homöopathie ist ein Milliardenmarkt geworden. In Großstädten schreiben Apotheken „Allopathie“ auf ihr Ladenschild, wenn sie nicht nur Kügelchen sondern auch Medikamente verkaufen. „Allopathie“ ist der abfällige gemeinte Ausdruck der Homöopathen für wissenschaftliche Medizin.

„Die Hauptsache ist der Effekt,“ argumentieren die, die befürworten, dass gesetzliche Krankenversicherungen Behandlung mit Kügelchen erstatten. Ein Effekt – das ist unbestritten - stellt sich gelegentlich ein, wenn man Menschen mit Hokuspokus verwirrt. Empfängliche Seelen brauchen solchen Ansporn, um die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Das ist nicht weiter schlimm. Diesen Placeboeffekt machen sich auch verantwortungsvolle Ärzte zu Nutze.

Doch es ist ein Unterschied, ob man den Placeboeffekt bewusst benutzt, um zu heilen, oder ob man die Wissenschaft durch Magie ersetzen will. Wer das zulässt oder fördert, schadet kranken Menschen. Deshalb hat der SPD-Parlamentarier Karl Lauterbach recht, wenn er sagt, dass die Krankenkassen die Homöopathie „adeln“, wenn sie sie bezahlen. Denn viele Patienten glauben, dass die Kassen nur erstatten, was nachweislich hilft. Deshalb sollte Pseudo-Medizin nicht übernommen werden, auch wenn jeder die Kasse wechseln kann.

Die Kassen haben sich aber offenbar von dem Gedanken längst verabschiedet, dass sie den Patienten zu bestmöglicher Behandlung verhelfen sollen. Sie fühlen sich nur noch für Kostensenkung zuständig und argumentieren, dass die Zuckerkügelchen viel billiger sind als Medikamente. Unterstützt werden sie dabei von den Grünen. Deren Fraktionschefin Künast sagte: „Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung von Heilmitteln zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt.“ Offenbar ist Frau Künast der Unterschied zwischen Arzneien aus Naturstoffen und Homöopathie unbekannt. Die einen enthalten Pflanzenextrakte, die anderen nichts als Zucker. Aber irgendwie konsequent: Wenn man zum Heilen keinen Wirkstoff braucht, braucht man zum Diskutieren auch keine Information.

Erschienen in DIE WELT am 16.07.2010


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Kategorie(n): Wissen