13.03.2010   09:05

Das Zero-Points-Prinzip

Das Volk, der Souverän, hat entschieden: Nach Oslo fährt diesmal Lena Meyer-Landrut. Die Voraussetzungen für den Volksentscheid hat Stefan Raab geschaffen. Er gilt damit als der Reformer des deutschen Grand-Prix-Vorentscheids- Zirkus. Raab hat ihn zum Song Contest geliftet. Er ist nun der Ralph Siegel unserer Zeit, beinahe. Denn Ralph Siegel hatte immerhin eine Nummer eins aufzuweisen, ein Friedenslied sogar, eine deutsche Herzensbotschaft an die damals noch geteilte Welt.

Lena Meyer-Landrut ist immerhin Diplomatenenkelin, und dass sie aussieht wie Nora Tschirner, könnte man sogar als Beitrag zur inneren Einheit Deutschlands werten. Aber wer in Oslo kennt schon Nora Tschirner?

Wer in das Lied, dass die Volksabstimmung gestern passierte, reingehört hat, ahnt es bereits: Unsere Chancen auf den letzten Platz sind auch diesmal ganz gut. Zumal die auserkorene Interpretin wie die Britin Adele singt, denn sie mag, wie sie sagt, den Britpop. Wir übrigens auch. Wir mögen ihn, weil Adele wie Adele singt.

„Satellite“ heißt das Lied, das Lena Meyer-Landrut in Oslo für Deutschland singen wird. Der Song stammt von einem angeblich amerikanisch-dänischen Duo, Julie Frost und John Gordon. Die Amerikanerin soll schon für Rihanna und Beyoncé tätig gewesen sein. Über den Dänen weiß man bisher nichts. Vielleicht entpuppt er sich ja noch. Wir bleiben jedenfalls cool. Denn eines ist sicher: Ralph Siegel ist er nicht. Man hat zum Marktpreis ein Lied eingekauft, und so viel taugt es auch. Es ist Allerweltsmusik.

Früher einmal, als Deutschland auch in dieser Branche noch was zählte, hatten wir nicht nur Sängerinnen mit unverwechselbarer Stimme, wir hatten sogar Komponisten, die über die Grenzen Deutschlands hinaus zu Recht bekannt waren. Von der Waldoff, über die Dietrich, und bis zur Knef, musste sich niemand irgendwelche Trällerstückchen aus den Sehnsuchts-Metropolen aneignen. Die Waldoff sang wie die Waldoff, und die Dietrich wie die Dietrich, und, was sie sangen, war nicht von Pappe, und auch nicht gesampelt. Sie waren das, was sie sangen, und sie sangen im übrigen Deutsch.

Das ist lange her. Wir sind längst unter die Nachahmer geraten und meinen auch noch wir könnten per Kopie mit dem Original gleichziehen. Der Britpop ist aus einem Lebensgefühl entstanden, daher rührt auch seine künstlerische Bedeutung. Warum wollen wir dieses Lebensgefühl nachahmen, mit dem Ergebnis: Germany, zero points, anstatt aus unserer eigenen Gefühlslage heraus künstlerisch Überzeugendes zu schaffen?


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Kategorie(n): Inland  Kultur